Freitags kommt Frau P. – Lasst die Hosen runter!

FOTO: Philip Nürnberger
Hier gibt’s jede Woche Highlife in Tüten.

Wer ist Frau P.? Die Berliner Autorin treibt es gern bunt, bekennt immer F­arbe und wird (was sie selbst ärgert) immer noch rot. Sie ist laut, ihr Rostkehlchen-Lachen (lieblich ist anders…) unüberhörbar. Sie hasst Langeweile, Ja-Sager und Männer ohne Eier. Dafür liebt sie Rührei mit Speck.

BERLIN BEI NACHT

„Liebe ist das Irrationalste auf der Welt, wenn du versuchst, es zu rationalisieren, entzauberst du all ihre einzigartige Kraft.“ Sagte er. Der Mann, der auch am selben Abend den Satz fallen ließ: „Morgens erzähle ich der Frau, egal welcher, dass ich Brötchen holen gehe – und kehre nie wieder zu ihr zurück.“

Er war gerade aus Istanbul zu Besuch, sein Freund aus Hamburg, wir drei trafen uns in Berlin. Im Schawarma-Laden in der Oranienburger Straße.

Als Nachspeise: Liebe und Sex. Aus der Sicht der Männer.

In solchen – rar gesäten – Momenten halte ich ausnahmsweise einfach mal meine Klappe. Höre zu und versuche, jeden Satz aufzusaugen und zu behalten. Wenn sie sich schon mal öffnen. Das passiert meistens, wenn man sich sehr gut oder nicht gut genug kennt, wenn sie was getrunken haben. Und vielleicht auch, aber nur vielleicht, weil die richtigen Fragen gestellt werden.

Der eine sehr abgeklärt. Der andere sehr verletzt.

Glaubt Ihr noch an die Liebe?

„Ja“, sagt der Hamburger. Mit einer sehr langen Pause. „Aber lieben bedeutet, sich zu verlieren, sich aufzugeben. Ich werde bald 40. Dieses einzigartige Gefühl von damals würde ich heute nicht mehr erleben, weil ich heute eben weiß, wie es sich anfühlt, wenn das Herz gebrochen wird. Ich möchte mir das ein weiteres Mal ersparen.“

„Die Flucht in eine Beziehung ist Egoismus“, sagt der andere, der bereits zweimal verheiratet war. „Ich schlafe gern mit einer Frau ein, aber wache nicht ein zweites Mal mit ihr auf.“

Warum?

„Weil ich nicht die Verantwortung für sie übernehmen möchte, weil ich ja nicht einmal die Verantwortung für mich selbst übernehmen kann.“

EIN LANGER MOMENT DER STILLE.

Daniel wünscht sich Kinder. Wie soll das gehen, wenn man nur auf Tinder unterwegs ist, frage ich ihn. Weil er gerade von einem Dreier erzählt hatte. Eine Tinderella? Nils sucht leichte Nächte mit Models. „Wenn Menschen gut aussehen, fühle ich mich zu ihnen hingezogen, weil ich mich so behaglich fühle.“ Aber beide sind sich einig, „nichts ist schöner, als miteinander einzuschlafen und nebeneinander aufzuwachen“.

Auf der Suche nach Nähe, aber Angst vor zu viel Nähe. Wie kontrovers ist das?

„Wir müssen uns heute nicht mehr festlegen, in unserer Welt ist die Auswahl unendlich“, sagt Daniel. „Aber unserer Generation fehlt die Perspektive. Weil wir alles nur noch in Augenblicken, in Abschnitten erleben.“

Tinder, das Schleuderprinzip. Wer nicht gefällt, wird weggewischt. Wenn nicht auf dem iPhone, dann spätestens am Morgen danach.

Nils: „Ich sage den Frauen oft, dass ich sie liebe.“

In der ersten Nacht?

Nils: „Ja, klar.“

Aber wer soll denn das glauben?

Nils: „Sie wollen es glauben. Denn Liebe bedeutet Zuneigung, Hingabe, Fürsorge, die Abgabe von Verantwortung – und für viele die Hoffnung, dass man zu zweit alles schaffen kann, wozu man allein nie in der Lage wäre.“

Ich radel nach Hause. Schleichend. Mit dem deprimierenden Song „One is the loneliest number“ von Three Dog Night im Ohr. In was für einer absurden Welt leben wir eigentlich? Alle auf der Überholspur, bloß keine Verbindlichkeiten, bloß keine Wagnisse.

BERLIN BEI TAG

Sie hatte Mittagspause, wir trafen uns beim Sushi-Laden um die Ecke vom Springer-Verlag.

Als Vorspeise: Liebe und Sex. Aus der Sicht der Frauen.

In solchen – so gar nicht rar gesäten – Momenten halten wir nie die Klappe. Wir reden uns heiß, fühlen mit. Das passiert immer, wenn man sich sehr gut kennt. Die richtigen Fragen müssen nicht gestellt werden, weil die Antworten von allein aufgetischt werden.

Die eine aufgedreht. Die andere aufgeheizt.

„Meine Nachbarin hat mir heute Blumen vor die Tür gelegt.“

„Wie nett. Wofür wollte sie sich bedanken?“

„Das frage ich mich auch, eigentlich hatte ich damit gerechnet, sie würde sich beschweren, weil ich gestern beim Sex auf meiner Terrasse den gesamten Hinterhof beschallt habe.“

„In wieviel Akten?“

„Zwei, nein… drei!“

„Wollte sie dich vielleicht einfach zu deiner neuen Karriere als Opernsängerin beglückwünschen?“

MINUTENLANGES SCHALLENDES GELÄCHTER.

„Du siehst so versext aus. Ich finde es toll, wie du alles genießt und dich auf ihn einlässt. Lass es
einfach entspannt weitergehen. Du hast doch nichts zu verlieren.“

„Und was ist, wenn es mir irgendwann den Boden unter den Füßen wegzieht?“

„Oh, Schatz… und was ist, wenn du fliegst?“

Ich radel nach Hause. Vollgas. Mit dem aufheizenden Song „Shout it out loud“ von KISS im Ohr. In was für einer wunderbaren Welt leben wir eigentlich? Jeder hat jeden Tag die Möglichkeit, etwas zu wagen.

Mein Handy klingelt:

„Ich habe ihm das Foto geschickt. Kopf aus, Bauch ein. Wie du gesagt hast.“

„Und – hat er geantwortet?

„Ja, sofort. Danke!“

„Flieg schön weiter, meine kleine Maria Callas!“

Wohin die Reise geht? Wer weiß das schon so genau… Aber ich rate Euch: lasst die Hosen runter! Nicht (nur) im sexuellen Sinne! Traut Euch was! Die Welt gehört den Mutigen, auch wenn uns nichts mehr Angst macht als die Liebe (oder die Nachbarn…)

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