Freitags kommt Frau P. – Morgen kann es vielleicht schon zu spät sein

FOTO: Philip Nürnberger
Hier gibt’s jede Woche Highlife in Tüten.

Wer ist Frau P.? Die Berliner Autorin treibt es gern bunt, bekennt immer F­arbe und wird (was sie selbst ärgert) immer noch rot. Sie ist laut, ihr Rostkehlchen-Lachen (lieblich ist anders…) unüberhörbar. Sie hasst Langeweile, Ja-Sager und Männer ohne Eier. Dafür liebt sie Rührei mit Speck.

Es ist Mittwoch, 17.45 Uhr. Ich sitze im Speisewagen des ICE von Berlin nach Hamburg. Und kämpfe gegen den Kloß in meinem Hals und die aufsteigenden Tränen. Knapp drei Stunden zuvor war bekannt gegeben worden, dass die Moderatorin Miriam Pielhau „an den Folgen ihrer Krebserkrankung verstorben ist“. Mit gerade einmal 41.

Kurz zuvor an diesem Tag hatte ich eine Krise. Hochgekochte Gefühle, Drama, Weltuntergang. Einer dieser Tage. Wie es manchmal eben so ist. Ich schiebe es dann immer auf die Hormone (wie Männer es ja sonst gern mal bei Frauen tun). Man wird ungerecht. Mit sich selbst, mit seinen Mitmenschen. Weil die Freundin nervt, weil die Hose kneift, weil das Wetter mies ist, weil der ein oder andere blöd im Weg steht, weil er nicht anruft, weil ein Projekt platzt, weil in China ein Sack Reis umfällt… Die kleinste Kleinigkeit wird unnötig viel zu groß. Aus dieser Laune heraus wollte ich schon meine lange geplante Reise nach Hamburg absagen – obwohl dort meine engsten Freundinnen auf mich warteten. Zu allem Überfluss zog ich also noch sie mit hinein in mein Stimmungstief…

Dann die Schock-Nachricht. Die dich innehalten lässt, die dich ohnmächtig macht. Weil sie noch so jung war, weil du beinahe im selben Alter bist. Plötzlich kommst du dir so unfassbar jämmerlich vor, weil du dich fragst, was denn bitte den ganzen Tag über dein Problem gewesen sein soll? Lächerlich…

Alles wird in diesem Moment auf einmal wieder ins rechte Licht gerückt. Dass dieses Leben wundervoll ist, dass wir es in vollen Zügen genießen sollen (irgendwie absurd, dass ich das auf einer Fahrt mit der DB schreibe…). Dass wir mehr Zeit mit den wirklich wichtigen Menschen verbringen und für die wirklich wichtigen Dinge offen sein sollten. Dass wir auf unser Herz hören müssen und dass wir Herzensentscheidungen nicht auf die lange Bank schieben dürfen. Wer weiß, was morgen ist… dann kann es vielleicht schon zu spät sein…

Ja genau, das ist dein Leben; das ist wie du lebst. Warum wir manchmal fliegen; nichtmal wissen wie es geht. Und wir immer wieder aufstehen und anfangen zu gehen. Ja genau, das ist dein Leben und du wirst es nie verstehen.

Philipp Dittberner
Zwei meiner Freundinnen in Berlin hatten nach Miriam Pielhaus Tod auch intensiver als sonst über ihren Tag nachgedacht. Die eine hatte morgens noch geweint, weil ihre Tochter eine Brille bekommt, was ihr nachmittags plötzlich so absurd erschien. Die andere hatte sofort nach der Bekanntmachung einen Vorsorgetermin bei ihrer Frauenärztin vereinbart. Und ich hatte ganz schnell meinen Koffer gepackt und war in den nächsten Zug in die Heimat gestiegen. Zu meinen Mädels.

Ich werde heute, an diesem Freitag, in Hamburg den 40. Geburtstag einer meiner engsten Freunde feiern. Rene und ich kennen uns seit 30 Jahren, wir müssen uns nie voreinander erklären, wir sind dankbar, dass wir uns haben und wenn wir Zeit miteinander verbringen. Unsere Freundschaft ist ein Geschenk.

„Ich bin heute besonders dankbar für jeden glücklichen und sorgenfreien Tag“, hat Miriam Pielhau zu mir in meinem Interview für die BILD am SONNTAG einmal gesagt. „Da ich Angst für den Tod der Seele zu Lebzeiten halte, halte ich mich lieber mit Gedanken ans Leben auf.“

Sie war eine ganz große Kämpferin. Zweimal hat sie den Krebs, “die Krankheit, der ich keinen Namen mehr geben will“, besiegt. Sie kämpfte bis zuletzt, für ihre kleine Tochter. Mit einem traurigen Ende.

Aber ich rate euch: Bleibt hungrig nach dem Leben! Und schafft einzigartige Momente mit Euren Liebsten, dass sie Euch immer gern in Erinnerung behalten – und Ihr gern darauf zurückblickt!

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