Freitags kommt Frau P. – Erröten? Kein Grund rot zu sehen!

FOTO: Philip Nürnberger
Hier gibt’s jede Woche Highlife in Tüten.

Wer ist Frau P.? Die Berliner Autorin treibt es gern bunt, bekennt immer F­arbe und wird (was sie selbst ärgert) immer noch rot. Sie ist laut, ihr Rostkehlchen-Lachen (lieblich ist anders…) unüberhörbar. Sie hasst Langeweile, Ja-Sager und Männer ohne Eier. Dafür liebt sie Rührei mit Speck.

„Dobar dan“ hörte ich mich mit rollendem r auf kroatisch die drei Männer begrüßen, während ich rechts an ihnen vorbeischwamm. Ich souverän, sie sufferän. Das landestypische Bier Karlovacko (sprich: Karlowaaatschko) schien aus den drei Flaschen Karlo Quatschkos gemacht zu haben: Sie lachten und baggerten so laut, dass es Wellen schlug – Diskretion interessierte die drei Serben ganz offensichtlich nicht die Bohne… Mein Badeanzug so quietschgrün wie Kermit, der Frosch (aber darin der Körper von Miss Piggy), mein Kopf so rot wie das obere Drittel der kroatischen Flagge. Nicht vom Sonnenbrand, sondern vom Erröten! ARGH.

Bei meinem „Dobar dan“ ging also deren Ofen an. Mich mit meiner roten Birne musste man nicht mehr aufheizen, ich hätte auch gut als Leucht-Boje am anderen Ende der Bucht eingesetzt werden können. Für die Kerle schien also alles geritzt, ich aber wollte nur noch fix zu meiner „Zimmeritza“ (kroatisch für Mitbewohnerin). „Remmi“ war es kurz vorher gewesen, die mich noch angeheizt hatte: „Tu ihnen doch einfach den Gefallen, schwimm mal an ihnen vorbei, nur so zum Spaß!“ Weil ihr nicht entgangen war, wie das „Trio mit vier Fäusten“ (Ich habe einfach zu viele 80er-Jahre-Serien gesehen…) schon den halben heißen Nachmittag um uns gschwänzelte, äh, rumscharwenzelte.

Wieso wurde ICH rot? Die Typen machten auf dicke (Bade-)Hose, obwohl sie nicht mal schwimmen konnten. Wie kann man da Oberwasser kriegen? Und noch mal: Wieso wurde ICH rot? ARGH.

In der Fachsprache wird die Angst vor dem plötzlichen Erröten Erythrophobie genannt. „Du wirst ja ganz rot!“ – diesen Ausruf mit einem belustigten Unterton kenne ich nur zu gut. Vergesst „50 Shades of Grey“ (falls Ihr es nicht sowieso längst getan habt…) – ich lebe „50 Shades of Red“. Seit mindestens 30 Jahren. Gott, bin ich alt – da ich werde ich ja ganz… rot!

Schon als kleine Ilka tauschte mein Sommersprossen-Gesicht gern mal mit der Farbe einer Tomate. Damals, als ich das erste Mal so richtig verknallt war – in „Tuddel“, der eigentlich Tobias hieß. Der hübscheste Junge meines Dorfes. Mit den schönsten braunen Augen. So wie mein Opa Herman sie hatte. Der kannte "Tuddel" auch, persönlich und aus meinen vielen Erzählungen. Ihm vertraute ich an, wenn wir uns heimlich Liebesbriefe (meistens beklebt mit den Schlumpf-Aufklebern aus den XXL-Weißer-Riese-Waschmittel-Packungen) zugesteckt hatten. Damals fanden es jedenfalls immer alle süß, wenn ich etwa beim Laternenfest im Heimatdorf nervös an einem meiner akkurat geflochtenen Zöpfe zwirbelte. Und dabei meine Wangen knallrot glühten, dass ich damit locker Tuddels Fackel hätte anzünden können. „Früh übt sich“ bzw. „Früh (ver)glüht sich“.

Denn seinetwegen hatte ich auch meinen ersten Liebeskummer. Mit 9! Auf unserer Klassenfahrt nach Sylt. Irgendwat muss da im Watt ganz schief gelaufen sein. Nur so konnte sich Tuddels kleiner Irrläufer erklären lassen. Denn plötzlich wollte er lieber mit Beate gehen! Einer Zugezogenen aus Hamburg. In der Heimstätte der Roten Meile schien man ganz offensichtlich ganz andere Tricks auf Lager zu haben. So hatte sie meine Freundschaft erschlichen und mir meine Kindergarten-Grundschul-Liebe ausgespannt. Also saß ich bei Regen am Fenster des Rantumer Landschulheims, hatte mir die Augen rot geweint und sang dabei traurig das plattdeutsche Lied „Dat du min Leevsten bist“ (für alle Nicht-Norddeutschen eine kleine Übersetzungshilfe: „Dass du mein Liebster bist“).

Beim Schreiben werde ich jetzt ganz rot. Weil ich mich für meine Geschichte schäme? Auf gar keinen Fall, ich bekenne immer Farbe und stehe immer zu meinem (ob geschriebenen oder gesprochenen) Wort. Nein, vielmehr weil ich weiß, wie das geklungen haben muss. Noch heute singe ich gern und viel und laut... und vor allem sehr schief. Was mir aber egal ist. Weil es mir Freude bereitet, weil es aus einer Laune heraus geschieht. Und wenn ich heute rot anlaufe, dann ist es mir sicherlich immer noch unangenehm, aber was soll ich tun? Drüber stehen und drüber lachen! Mein ausgeklügelter Plan, dem Rotwerden die Rote Karte zu zeigen.

Oder aufstehen und gehen. Wie gerade erst beim „Writers’ Thursday“ meines Kollegen Rainer Schmidt. So saß ich bei seiner Lesung in Berlin in der ersten Reihe, mittendrin im übervollen „1. OG“ des Restaurants „Borchardt" etwa Mode-Designerin Jil Sander, Helmut Dietls Witwe Tamara, Berlins Kulturstaatssekretär Tim Renner. Nur damit Ihr ein Bild davon bekommt, wie peinlich folgende Situation war: Gerade mal nach fünf Minuten kam ich bei meinem iPhone irgendwie auf die falsche Taste… Die Sprachsteuerung schaltete sich ein, die Computerstimme fragte mich: „Sie möchten Paul King anrufen? Paul King wird angerufen!“ Ich drückte, ich drückte, aber die Stimme hörte nicht auf „pling“ und „pling“ zu machen. ARGH.

Die Blicke… Von links und von rechts… Ich stand ganz einfach wie selbstverständlich auf. Erhobenen Hauptes – so knallrot wie meine neuen High Heels. Wenn ich dann auf meinen Sieben-Zentimeter-Absätzen noch umgeknickt wäre, ja, dann… dann hätte ich vielleicht einfach angefangen zu singen. Am besten „Red Red Wine" von UB40 – und schon hätten vor Schock über das Gejaule alle vergessen, was vorher passiert war...

PS: Diese Kolumne entstand im Abendrot auf der Fähre nach Šibenik (Kroatien). #freitagskommtfraup #beitagundbeinacht
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