Freitags kommt Frau P. – Liebe will riskiert werden

Philip Nürnberger
Hier gibt’s jede Woche Highlife in Tüten

Wer ist Frau P.? Die Berliner Autorin treibt es gern bunt, bekennt immer F­arbe und wird (was sie selbst ärgert) immer noch rot. Sie ist laut, ihr Rostkehlchen-Lachen (lieblich ist anders…) unüberhörbar. Sie hasst Langeweile, Ja-Sager und Männer ohne Eier. Dafür liebt sie Rührei mit Speck.

Sommer in New York. Wir sitzen an einer Bar in Williamsburg und sprechen über die Liebe. Je später die Nacht, desto gefühlsduseliger meine Erzählungen. „Du bist verliebt“, sagt meine Freundin und grinst vielsagend. Ich antworte mit einer rhetorischen Frage „Meinst du?“. Wir wissen es beide, dass sie – nein, es! – mich voll erwischt hat.

Nach meiner Rückkehr war allerdings Schluss. Ich war noch im Anflug (von Liebe), da machte er lieber wieder den Abflug. Zurück blieb dieses ständige „Warum?“ in meinem Kopf, sein Brief hatte genau das offen gelassen. Ich wollte wissen, warum er sich so verabschiedet hatte. Von mir. Aus meinem Leben. Für immer. Und ich wollte ihm noch sagen, dass ich mich verliebt hatte.

Also fasste ich mir ein Herz, wie man so schön sagt. Ob mir das leicht fiel? Nein. Überhaupt nicht. Ich brauchte sechs Wochen für diesen Schritt. Die Entscheidung fiel auf einer einsamen Insel in Südeuropa. Egal wie alt du bist, egal welche Erfahrungen du schon durchlebt hast – die Liebe wird nicht einfacher. Aber: „Liebe will riskiert werden“, wie mir meine Mutter ermutigend schrieb.

„Wann hast du jemandem das letzte Mal gesagt, dass du dich voll in ihn verschossen hast?“, frage ich Saskia vor meinem Treffen mit ihm, im „Dave Lombardo“ in Berlin bei einem Beruhigungs-Bierchen. „Hmm, mit 14 vielleicht?“

Ich: „Ich sag’s ihm. Ich glaube, er hat es nicht mal geahnt.“

Sie: „Ja, das ist gut, aber erwarte nichts und sei darauf gefasst, dass er dir ins Gesicht sagt, dass er nicht in dich verliebt ist...“

Ich: „Damit muss ich rechnen. Aber darum geht es gar nicht.“

Sie: „Sondern?“

Ich: „Dass ich es mir zuliebe tue. Dass ich meinem Herzen einen Ruck gebe, dass ich mich traue, dass ich zu meinen Gefühlen stehe, dass ich Klarheit schaffe – vor allem für mich.“

Ein „Hätte ich mal…“ kam nicht für mich in Frage. Hätte ist das schlimmste Wort. Es ist nicht nur traurig, sondern auch irgendwie armselig – weil es nur Bedauern ausdrückt. Für etwas, was man eben nicht getan hat. „Hätte ich mal…“ Ja, dann wäre alles anders gewesen. Na, und warum hat man dann nicht? Weil man keinen Mut hatte, weil die Angst plötzlich das Gefühlszentrum steuerte. Aber ich möchte ein furchtloser Mensch sein, der nichts bereut! Nur die Dinge, die ich nicht gemacht habe.

Mit meiner Willenskraft schlug ich die Angst k.o.! Die Angst vor Abweisung, die Angst vor der falschen Antwort, die Angst vor der Wahrheit. Vorwärts immer, rückwärts nimmer. Ich bin ja kein Krebs (sondern Widder). Man muss seine Vergangenheit schon aufräumen, früher oder später holt sie einen immer wieder ein. Ob man nun will oder nicht. Und ich wollte nicht. Ich wollte selbst der Boss der Entscheidungen sein und alles in der Gegenwart klären, dass ich mich frei für die Zukunft mache. Meine Zukunft.

„Ich wette, der hatte keinen Schimmer, dass du verliebt bist“, sagte mir meine Freundin Sophie voraus. Und genauso war es auch. Er hatte tatsächlich keine Ahnung, „weil alles immer so fröhlich, so unkompliziert und so unbeschwert mit uns war“. Aber muss nicht genau so die Liebe sein? So leicht, dass man abhebt?

Aus uns wird leider nichts, auch nicht nach meinem Liebes-Outing. Das mir unerwartet leicht über die Lippen kam – wahrscheinlich weil es sich richtig anfühlte und aus dem Herzen kam. Der Trost: Liebe geht, Traube besteht! Das muss sich Brad Pitt nach der Trennung wohl auch gedacht haben. Am Ende von Brangelina bleibt immerhin noch der Rosé Miraval vom gleichnamigen Weingut in Südfrankreich. Aber ich rate Euch: Schenkt euren Herzensmenschen klaren Wein ein! Traut euch, ihr habt nichts zu verlieren! Sage ich und singe meinen Lieblingssong von Nena („Irgendwie Irgendwo Irgendwann“): „Liebe wird aus Mut gemacht, denk nicht lange nach, wir fahr’n auf Feuerrädern Richtung Zukunft durch die Nacht…“

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