Freitags kommt Frau P. – Mein Nicht-Date im Späti

Hier gibt’s jede Woche Highlife in Tüten.

Wer ist Frau P.? Die Berliner Autorin treibt es gern bunt, bekennt immer Farbe und wird (was sie selbst ärgert) immer noch rot. Sie ist laut, ihr Rostkehlchen-Lachen (lieblich ist anders…) unüberhörbar. Sie hasst Langeweile, Ja-Sager und Männer ohne Eier. Dafür liebt sie Rührei mit Speck.

„Oh, mein Gott, was soll ich denn bloß anziehen?“ – diese für ein erstes Date typische Frage stellte sich mir Gott sei Dank erst gar nicht. Von Aufregung keine Spur, genauso wenig wie damit verbundene hektische rote Flecken am Hals. Denn mein Dresscode für mein so deklariertes Nicht-Date wurde bereits vorher festgelegt: Jogger! Genauso wie die sagen wir mal eher ungewöhnliche Location: Späti!

Allen Ernstes! Ob bei mir jetzt alles zu spät ist? Vielleicht. Das war seine Idee, sein Vorschlag für ein erstes persönlichen Treffen – ohne Druck und ohne Tam-Tam. Fand ich irgendwie witzig. Genauso sollte es auch zu verstehen sein. Wir hatten immer mal wieder gechattet – nur irgendwann hatte es mich dann auch genervt, weil ich ganz klar mehr auf Begegnungen in „the real world“ stehe. Monatelang kam immer irgendwas bei ihm oder mir dazwischen – bis ich ihm Montagabend aus einer Laune heraus schrieb: „Hey, morgen Lust auf unser Nicht-Date?“

Gefragt, getan. Also rein in meine Sweatpants und meinen St.-Pauli-Hoodie – und ab in den Spätkauf (ein 24/7-Shop, um es mal für alle Nicht-Berliner zu übersetzen). Am Weinbergsweg in Berlin-Mitte, wo man vielleicht morgens um 4 Uhr noch ein Wasser für den Nachhauseweg holt, sich aber mit Sicherheit niemals freiwillig hinsetzen würde. Schon gar nicht für ein erstes Date, pardon, Nicht-Date.

Ja, ich verstehe, wenn jetzt viele – gerade die, die mich kennen (oder meinen zu kennen) – erst einmal den Kopf schütteln. Wie Sascha, seit über zehn Jahren der Friseur meines Vertrauens und einer der ersten, der mich überhaupt Frau P. nannte. Während meines Termins und kurz vor meiner Späti-Session rief er lachend durch seinen Salon „Fine & Dandy“: „Frau P. müsst Ihr heute nicht die Haare fönen, lohnt nicht – die hat nämlich später ein Nicht-Date! Im Späti!“ Um dann noch hinzuzufügen: „Du hast echt ’nen Knall, aber das ist ja nichts Neues.“

Genau das dachte ich mittendrin auch: Was mache ich hier eigentlich? Habe ich sie noch alle? „Ich trinke, um andere Menschen interessanter zu machen“, hat Ernest Hemingway einmal gesagt. Ziemlich überheblich vielleicht, aber auf alle Fälle ziemlich treffend. Finde ich. Stellt sich nur die Frage: Was macht man, wenn man gerade keinen Alkohol trinkt, der Abend aber voll in Langeweile ersäuft?

Ich konnte mir also weder die Gespräche noch die Szenerie schön trinken. Während er lang und breit (aber nicht vom Alkohol) über seine brotlose Kunst sprach, fiel mein Blick passenderweise erst auf die Schnitten neben der Kasse, dann auf das Regal hinter ihm: Schauma-Shampoo in allen Farbnuancen, o.b.-Tampons und Nagelknipser. Romantik à la Späti. Es trifft den Nagel auf den Kopf, wenn ich sage, dass ich am liebsten sofort das Licht der Neonröhren ausgeknipst hätte. Es erinnerte doch irgendwie alles, inklusive Bum-Bum-Charts-Mucke, an einen thailändischen Supermarkt. Ok, statt Meeresrauschen gab es dafür Ohrrauschen, weil es von draußen wie Hechtsuppe reinzog. Gedanklich schweifte ich, wie so oft in den letzten sechs Wochen, in die Karibik nach Martinique ab… Und schwupps, wurde mir ganz schnell ganz warm ums Herz.

„Komm, du trinkst jetzt in der Odessa Bar einen Schnaps zum Auftauen, ich noch ein alkoholfreies Bier“, sagte ich, weil ich schon wie ein Schluck Wasser in der Kurve hing. Aber es half einfach nichts. Der arme Kerl war ja nicht verkehrt, aber eben nicht richtig für mich. Oder ich eben die Falsche für ihn, wie man es nehmen will. Wenn ich selbst ohne Blubber-Brause mehr überschäume, als er es wahrscheinlich je in seinem Leben tun wird, dann wird es im wirklichen Leben einfach nichts. Was für eine Erkenntnis im neuen Jahr – besser Späti als nie!
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