Freitags kommt Frau P. – Wecke das Kind in dir!

FOTO: Philip Nürnberger
Hier gibt’s jede Woche Highlife in Tüten.

Wer ist Frau P.? Die Berliner Autorin treibt es gern bunt, bekennt immer F­arbe und wird (was sie selbst ärgert) immer noch rot. Sie ist laut, ihr Rostkehlchen-Lachen (lieblich ist anders…) unüberhörbar. Sie hasst Langeweile, Ja-Sager und Männer ohne Eier. Dafür liebt sie Rührei mit Speck.


Wann habt Ihr das letzte Mal gespielt? Nein, ich meine weder Trinkspiele noch Rollenspiele! Geschweige denn Gesellschaftsspiele. Letzteres klingt deutlich harmloser, jedenfalls wenn man nach dem gängigen Sprachgebrauch geht… Aber Rollen- und Trinkspiele betreibt man schließlich auch in Gesellschaft – manchmal in bester, manchmal in weniger guter… Gut, dazu komme ich beizeiten (vielleicht) an anderer Stelle!

Ich spiele gern, wenn auch viel zu selten. Etwa verstecken. Weil es das Kind in einem weckt. Weil es einen beflügelt. Weil es den Kopf ausschaltet.

Weil man auf einmal wieder sechs Jahre alt ist.

Es war jetzt nicht so, dass ich in Berlin auf die Idee kam, nach dem Dinner im „Borchardt“ ein Versteckspiel statt eines Digestifs vorzuschlagen. Ohne Absacker hätten das die meisten sicherlich nicht verdaut (so lustig die Vorstellung auch ist). Nach der Taufe meiner Nichte auf dem Dorf hatten die kleinen Kinder irgendwie gerochen, dass sie mich großes Kind spät abends noch aus dem Bett reißen können. Überreden mussten sie mich nicht wirklich lange: raus aus den Federn, rein in den Pferdestall! Ab ins Stroh, die Sattelkammer oder den Anhänger. Das Schnauben der Pferde und das Kichern der Kinder im Ohr. Das Herz ganz leicht beim Rennen durch die Stallgasse. Vom Suchen und Finden… des Glücklichseins! Zwei Stunden lang rumalbern und losgelöst sein.

Alles kinderleicht – kein groß, kein klein; kein alt, kein jung!

Jetzt habe ich ein neues Spiel für mich entdeckt. Mit meinen Freunden – in meinem Alter. Es ergab sich einfach so, zurück in Berlin. Saskia kam auf die Idee, abends auf meiner Terrasse. Beide waren wir mit dem Zug um 15.38 Uhr aus Hamburg zurückgekommen. Beide hatten wir das gesamte Abteil unterhalten, weil wir noch so beflügelt waren von unseren Treffen mit Freunden von früher. Beide waren wir irgendwie high vor Liebe.

Denn: Wie oft streitet man sich (unnötig), wie oft diskutiert man (um nichts), wie oft stellt man (zu viel) in Frage? Je älter ich werde, desto dankbarer werde ich – genau für solche Augenblicke mit den Liebsten. Wenn man sich einfach nur hat, wenn alles ganz leicht ist. Wie beim Spielen! Spielen muss frei sein, ganz ungeplant. Kopf aus, Bauchgefühl an!

Wir kamen aus unserer Heimat: die Wurzeln in Hamburg, die Herzen in Berlin. Wir waren in diesem Modus: Lass uns feiern, dass wir zurück in unserem geliebten Zuhause sind (einen Grund gibt es schließlich immer)! Es dauerte nicht lange, da kam spontan ein anderer Freund dazu. Vielleicht war es der Weißwein „Wolke Sieben“, vielleicht aber auch das gleichnamige Lied. „Kommt, jeder spielt jetzt den Song, mit dem er ein besonderes Erlebnis verbindet und erzählt dazu seine ganz persönliche Geschichte“, schlug meine Freundin Saskia vor.

Spiel mir das Lied vom… Glücklichsein, Herzschmerz, magischen Moment!

Spiel mir das Lied von… einer unvergesslichen Begegnung!

Spiel mir das Lied von… der Jugend!

Frankie goes to Hollywood mit „The Power of Love“, Sting mit „Fields of Gold“, Klaus Lage mit „Tausend mal berührt“, Snow Patrol mit „Chasing Cars“… Der Abend wurde lang, aber alles andere als langweilig. Drei Erwachsene (die wir ja nun mal mittlerweile sind) beim Spielen, bei der musikalischen Reise in ihre Vergangenheit. Als man noch seinem ersten Impuls gefolgt ist (weil es sich richtig anfühlte), als man noch keine Angst vor Zurückweisungen hatte (weil einem noch nicht das Herz gebrochen wurde), als man noch alles riskiert hat (weil es nur diesen einen Moment gab)…

Weil man auf einmal wieder 16… oder 18… oder 24 Jahre alt ist!

Lange nicht mehr so viele schöne und rührende Geschichten gehört. Wir kennen uns zwar alle drei gut, jeder den einen besser oder anders (was nicht heißt: schlechter!). Aber so lernten wir uns alle drei zusammen noch ein Stückchen besser kennen.

Das Leben ist zu ernst, um zu spielen? Aber ich rate Euch: spielt! Seid wieder Kind, lasst die anderen wieder Kind sein. Weil Ihr so eine ganz andere Seite voneinander kennenlernt.
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