Reden ist Silber, Schweigen ist Gold: Gilt das auch beim Fremdgehen?

Gelernt haben wir alle das schon als Kinder: Reden ist Silber, Schweigen ist Gold. Bei der einen Freundin aus der Grundschule hat Oma das immer geäußert und allwissend genickt: „Manchmal Kind, manchmal ist es besser einfach mal den Mund zu halten. Reden ist toll, aber nicht immer die eleganteste Lösung.“
Auch in Freundschaften begegnet uns dieser Grundsatz immer wieder: Wenn die beste Freundin einem ein Geheimnis verrät. Eins, das wirklich unter vier Augen bleiben muss. Dann wäre es zu erzählen sicher verlockend: Ob aus Sensationsgeilheit oder weil man es kaum an sich halten kann, weil man in einer großen Runde eine neue, spektakuläre Story auftischen will oder auch einfach, weil man meint, der beste Freund sollte davon auch wissen. Im Endeffekt gewinnt hoffentlich die Freundschaft und der Wille, das Geheimnis zu wahren und das Versprechen zu halten.
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Wie aber verhält es sich mit dem Thema Fremdgehen? Was, wenn ein Fehltritt passiert ist und man abwägt, ob es besser wäre dazu zu schweigen oder dem Partner reinen Wein einzuschenken? Wem will man hier Gutes tun; dem Partner oder vielleicht auch einfach nur sich selbst und dem eigenen Gewissen? Was er nicht weiß, macht ihn nicht heiß, heißt es, aber genauso hört man oft, dass Ehrlichkeit das höchste Gut in einer Beziehung sei.
Oft wird gesagt, wer betrügt, hat ein Problem in seiner Beziehung. In einer intakten Beziehung passieren solche Dinge nicht. Das halte ich persönlich für ausgemachten Blödsinn. Man kann durchaus aufrichtig und wahrhaftig lieben, Emotionen haben für einen Menschen und mit diesem zusammen sein wollen. Gleichzeitig kann man sich nach Aufregung, Sex, fremder Haut und Abenteuer sehnen. Die Frage ist, ob man diesem Wunsch nachgeht und selbst dann, bin ich noch immer der Überzeugung, dass man seinen Partner lieben kann. Ob dieses Verhalten respektvoll gegenüber dem Partner ist, steht auf einem anderen Blatt. Ich bin nicht der Meinung, dass ein Betrug nur in angeknacksten Beziehungen passieren kann: Oft haben Menschen zuhause etwas, dass sie schätzen und lieben und kommen dennoch in Situationen, in denen sie anders handeln. Nun kann man sagen, jemand der aufrichtig liebt, schafft es solchen Situationen aus dem Weg zu gehen. Bleibt standhaft und konsequent. Doch wir wären nicht Mensch, würden diese Grundsätze nicht von Mal zu Mal über Bord geworfen.
Es gibt dennoch Dinge im Leben, Situationen, Vorkommnisse, bei denen diese Entscheidung nicht so einfach zu treffen ist. Es gibt Geheimnisse, die bewahrt werden sollen, aber es gibt eben auch solche die man vielleicht einfach aussprechen muss. Geht es um Fremdgehen in einer Beziehung, habe ich diffuse Gedanken dazu und eine Meinung, die einige meiner Freunde nicht teilen, andere wiederum komplett nachvollziehen können.
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Alkohol ist keine Entschuldigung, das wissen wir alle. Aber genauso gut wissen wir, wie schnell das Gegenüber nach dem dritten Gin Tonic attraktiver wird. Wie wir nach der ersten Flasche Wein mit einem guten Freund anhänglich werden und uns plötzlich nach einer Umarmung sehnen. Und wie schnell aus einem Tanz im Club ein echter Flirt wird. Noch immer ziehe ich selbst eine klare Linie zwischen wildem und betrunkenem Herumknutschen im Lieblingsclub und einem echten One-Night-Stand. Spätestens auf dem Weg nach Hause sollte einem ja auffallen, dass man da doch ein kleines Detail vergessen hat; eins, das einen Namen hat und liebend zuhause wartet. Und dennoch: Fehltritte kommen in den besten Beziehungen vor und sind trotz allem Abwägen nicht immer boshaft und fies. Passiert so etwas, vertrete ich eigentlich den Grundsatz – wenn es ein einziges Mal ist, eins ohne Emotionen, eins was nichts an der bestehenden Liebe zu einer Person ändert, das nicht wieder vorkommt und niemals nie hätte passieren sollen – nichts darüber zu sagen. Ich erkläre mich schuldig. Ich habe in so einer Situation schon geschwiegen und das Geschehene ganz weit hinten in eine Kammer meines Hirns gesperrt, so als sei es nie geschehen. Und ich habe meinen Freund nicht weniger geliebt deswegen. Sicherlich, so etwas hängt auch vom Vertrauensverhältnis einer Beziehung ab. Einer meiner letzten Partner war einmal nicht ganz so treu, wie es die Gesellschaft und jeder Beziehungsratgeber verlangt. Er hat es mir gesagt. Es hat weh getan, aber es hat auch gezeigt, dass wir einander mehr vertrauen als jedem anderen. Dass unsere Liebe so groß und stark ist, dass wir über solche Dinge reden können, analysieren und optimieren können. Ich weiß von mir, dass ich so etwas kann, wenn man ehrlich mit mir ist. Aber es gibt Menschen, die zweifeln dann an sich, wochen-, monate- ja vielleicht sogar jahrelang. Denen bricht es nicht nur Herz und Stolz sondern auch ihr Selbstwertgefühl – und das ist ein einzelner Beischlaf mit einer anderen Person nicht wert, finde ich persönlich. Aber auch diese Meinung kann sich von Beziehung zu Beziehung und Lebensalter zu Lebensalter ändern.
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Beginnt man eine Affäre, kommen Betrüge wie diese immer wieder vor, sucht man quasi nach Ausflüchten aus der bestehenden Beziehung, muss man meiner Ansicht nach die Größe und den Mut haben, ehrlich zu sein. So langfristige oder gehäufte Betrugsfälle kommen fast immer raus und das hat der geliebte Mensch nun einfach nicht verdient (sofern er geliebt ist, denn ich bezweifle, dass jemand solche Muster an den Tag legt, wenn er aufrichtig liebt. Auch wenn man das kann, Gefühle und Sex trennen; das tut man jemandem, den man liebt, schlichtweg nicht an). Und dabei bleibe ich.
Anders verhält sich ein Fehltritt für mich am Ende einer Beziehung. Man schläft mit einer anderen Person, merkt, diese Beziehung will ich nicht mehr und ich trenne mich, so oder so. Egal was mit der anderen Person ist, vielleicht ist sie mir sogar völlig gleichgültig und ich kenne ihren Namen nicht mal, aber sie hat die Augen geöffnet; dann hat man – meiner Meinung nach – zu schweigen. Wenn man für sich selbst entscheidet, einen Menschen, den man geliebt hat, zu verlassen, ist das für diese Person schlimm genug. Der Beisatz, dass man ihn auch schon betrogen hat, kommt da einem Nachtreten gleich. Ja, vielleicht war das der Auslöser. Aber es muss nicht das sein, was der andere ins Gesicht geschleudert bekommt, wenn der einzige Punkt des es an der Trennung ändert, eine tiefere Verletzung des anderen ist.
Ich habe während der letzten Jahre im Zuge von verschiedenen Recherchen mit vielen Menschen über dieses Thema gesprochen, auch mit Psychologen und Paartherapeuten. Viele waren sich einig: Der Betrügende gesteht meist, weil er das eigene schlechte Gewissen nicht aushält. Weil er sich schlecht fühlt dieses Geheimnis mit sich herum zu tragen und einen Komplizen braucht. Vielleicht jemanden, der ihm sagt, wie schlimm das ist. Wie asozial und gemein. Jemand, der ihm auch verzeihen kann und sein Leiden erleichtert. Und das ist meiner Ansicht nach der falsche Ansatz. Erleichterung darf nie der Grund für ein Geständnis sein, denn es stürzt den anderen in ein Tal der Wut und Trauer, nur damit es einem selbst ein kleines Quäntchen besser geht. Und wer handelt, muss das aushalten können.
Für meine eigene Beziehung verfolge ich mittlerweile den Grundsatz „Offenheit und Ehrlichkeit hat noch niemandem geschadet“. Dennoch muss sich jeder auch an seinem Gegenüber orientieren und abwägen, wie viel Schmerz ein Mensch ertragen kann, egal ob goldenen oder silbernen. Das Richtige tun, ist nicht immer einfach. Let’s try.
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