Freundschaften & große Entfernungen: Warum wir nichts erwarten sollten, um befreundet zu bleiben

Foto: Getty Images, Illutrsation: Mary Galloway.
Das erste Mal passierte es, als ich 16 Jahre alt war: Meine beste Freundin machte ein Austauschjahr in den USA. Plötzlich war die Person, die ich seit unserem Kennenlernen täglich in der Schule, nachmittags und am Wochenende – also quasi 24/7 – gesehen hatte, tausende Kilometer und mehrere Zeitzonen von mir entfernt. Damals waren gelegentliche SMS (teuer), E-Mails (umständlich) und die ersten Versionen von Skype (unzuverlässig) die Retter in der Not und das ultimative Mittel gegen das Vermissen. Schafften wir es zu Beginn des Auslandsaufenthalts noch regelmäßig, zu telefonieren, ließ der Kontakt im Laufe der Monate immer mehr nach. Das allerdings halb so schlimm: Umso größer war die Freude beim lang ersehnten Wiedersehen.
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Seitdem habe ich dieses Phänomen immer wieder erlebt. Nach dem Bachelor-Abschluss in Wien, nach meinem Umzug nach Berlin, während unterschiedlicher längerer Auslandsaufenthalte. Mal war ich diejenige, die weg ging; mal zogen meine Freunde in andere Städte und Länder. Wie bei der ersten Fernfreundschaft, wiederholte sich das Phänomen eines zunächst sehr engen und regelmäßigen Kontakts, der im Laufe der Zeit mehr oder weniger schnell ausklang. Dabei hatte ich mir immer fest vorgenommen, es dieses Mal anders zu machen.
Allein während meines Masterstudiums lebte ich in drei verschiedenen Ländern. Alle drei bis sechs Monate fand ich eine neue Wohnung und mich selbst in einer neuen Lebensrealität zurecht, begann neue Bekanntschaften zu pflegen, studierte und lebte, dachte und lachte ganz nebenbei in einer Fremdsprache. Wirklich viel Zeit für einen engen Kontakt mit den Freunden daheim blieb auch bei mir zu selten. Dennoch ist es heute – dem mobilen Internet sei Dank – viel einfacher, als noch vor zehn Jahren im Kontakt zu bleiben. Skype spielt immer noch eine große Rolle, ebenso wie internationale Mobilfunkverträge, WhatsApp und andere internetbasierte Messenger Services.
An der Qualität des Kontakts ändern sie allerdings nur wenig. Besonders in der Zeit, in der ich diejenige war, die in einem anderen Land lebte, ist mir aufgefallen, dass es eigentlich weniger um die Häufigkeit, als um die Art des Kontakthaltens geht. Denn im Grunde gehören Freundschaften über große räumliche Distanzen hinweg irgendwie zum Alltag.
Nehmen wir wieder das Beispiel meiner Schulfreundin und ihrem Austauschjahr: Die Zeit hat uns seit dem Abitur in einer südbadischen Kleinstadt noch öfter getrennt. In den letzten zehn Jahren haben wir beide zusammengerechnet in klassischer Millennial-Manier in insgesamt zehn Städten und sieben Ländern gelebt – in den seltensten Fällen gleichzeitig. Freundinnen sind wir trotzdem geblieben. Auch wenn wir seit ihrem Umzug nach New York Anfang des Jahres nur sporadisch texten und es noch kein einziges Mal geschafft haben, zu telefonieren. Shame on us!
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Ich bin grundsätzlich der Meinung, dass sich das Kontakt halten aus zwei Gründen oft schwieriger gestaltet, als die meisten von uns vorher annehmen.
Einerseits gibt es solche und solche Freundschaften. Auch wenn diese Aussage erst einmal so klingt, als sei das eine Wertung, so soll sie genau das nicht sein. Ganz im Gegenteil. Denn so wie es unterschiedliche Menschen in deinem Freundeskreis gibt, sind auch die Freundschaften, die ihr miteinander pflegt nicht immer gleich. Gerade weil jede Freundschaft einzigartig und speziell ist, haben wir doch mehrere, oder? Da gibt es diejenigen, die den heißen Draht ganz unbedingt brauchen. Menschen, mit denen du viel schreibst oder telefonierst. Oder Menschen, die du sehr regelmäßig triffst. Und dann gibt es eben auch noch diese andere Sorte von Freundschaft, die sich selbst dann nicht verändert, wenn man sich gefühlte Jahre weder gesehen, noch gehört hat. Unabhängig davon, ob man in einer Stadt oder tausende Kilometer von einander entfernt lebt.
Worin der Unterschied begründet liegt, ist mir bis heute ein Rätsel. Doch ich glaube, es geht grundsätzlich um Vertrauen. In meinem Freundeskreis gibt es die unterschiedlichsten Kommunikationsniveaus. Und ich muss zugeben, dass auch ich nicht immer die Zuverlässigste bin, was das Kontakt halten betrifft. Eines habe ich in den letzten Jahre trotzdem gelernt. Nämlich, dass es in Beziehungen im Allgemeinen und Fernfreundschaft im Besonderen darauf ankommt, die Bedürfnisse des anderen zu verstehen und darauf einzugehen.
Wenn es Freund oder Freundin X wichtig ist, jede Woche zu skypen und täglich zu schreiben, solltest du versuchen, wenigstens nicht drei Tage zu warten, bis du drei Worte zurück schreibst. Kündigt sich Freund oder Freundin Y nach monatelanger Sendepause (und ohne jemals auf deine Message von vor drei Wochen geantwortet zu haben) zum Spontan-Besuch in deiner aktuellen Heimat an – Ist übermorgen für dich okay? – solltest du womöglich auch in diesem Fall versuchen, dich darauf einzulassen. Denn solange ihr euch und eurer Verbindung vertraut, ist die Häufigkeit des Kontakts doch eigentlich egal.
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Darum sollte besonders in Fernfreundschaften eine Maxime gelten: keine Erwartungen haben. Das klingt besonders deshalb hart, weil Freundschaften auf den ersten Blick genau darauf basieren. Denn geht es nicht um Konstanz, Loyalität, Zuverlässigkeit? Dennoch kann ich garantieren, dass dir dieses Motto viel Streit ersparen wird. Denn sobald man nicht mehr in unmittelbarer Nachbarschaft lebt, an einem gemeinsamen Projekt arbeitet oder regelmäßig zusammen zum Sport geht, wird der regelmäßige Kontakt deutlich komplizierter. Um nicht zu sagen, Arbeit. Ich sage nicht, dass es sich nicht lohnt, die zu investieren. Aber nur weil dir jemand nicht schreibt, bedeutet das noch lange nicht, dass er nicht an dich denkt. Wo wir wieder beim Punkt Vertrauen wären.
Hier liegt meiner Meinung nach das zweite große Problem in Sachen Fernfreundschaft: Denn in Zeiten ständiger Kommunikation scheinen wir die Tatsache, dass wir uns nicht immer und überall mitteilen müssen, schlicht und ergreifend vergessen zu haben.
In Situationen, in denen man an eine weit entfernte, liebe Person denkt, zum Telefon zu greifen und das mitzuteilen, ist etwas sehr Schönes. Würden wir diesen Gefühlen jedes Mal nachgehen, bliebe etwas anderes auf der Strecke – nicht zuletzt wir selbst. Dass das schon allein deshalb nicht immer realistisch ist, wissen wir im tiefsten Innern unseres Herzens wahrscheinlich alle selbst. Außerdem geht mit der Tatsache, nichts voneinander zu hören, nicht automatisch einher, dass man nicht aneinander denkt.
Fühlt man sich zu Beginn eines längeren Auslandsaufenthaltes oder nach einem Umzug in eine andere Stadt noch oft alleine, so beginnt man doch relativ schnell, sich den Gegebenheiten anzupassen und ein Leben vor Ort aufzubauen. Egal, ob in der ehemaligen oder der neuen Heimat, der Alltag geht weiter.
Wenn die Sache mit dem Kontakt halten im hyperkommunikativen Zeitalter also das ein oder andere Mal nicht klappt, solltest du das niemandem übel nehmen. Vertrauen zahlt sich trotzdem aus. Denn egal wie lange das letzte Treffen her ist und unabhängig von der Zahl der gesendeten Messages und vertelefonierten Minuten, hast du garantiert einen festen Platz im Herzen deiner Fernfreundschaft.
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