Nicht alle Freundschaften sind für die Ewigkeit bestimmt – und das ist okay

Foto: Lauren Maccabee.
Best Friends Forever, ewige Freundschaft, tiefe Verbundenheit ein Leben lang: In unseren Köpfen existiert die Vorstellung, dass unsere Freund*innen für immer an unserer Seite bleiben. Vom Kindergarten über die Uni bis ins Grab, wir werden bis in alle Ewigkeit gemeinsam brunchen gehen und uns über die neueste Folge des Bachelors die Mäuler zerreißen. Beziehungen kommen und gehen, aber unsere Freundschaften sind in Stein gemeißelt. Richtig? Schön wär's. Aber manche Freundschaften gehen zu Ende – und das ist okay.
Wir machen Fehler, wir verletzen andere, wir verändern uns, wir entwickeln uns weiter und wir wachsen aus Freundschaften heraus, die vielleicht früher mal Sinn ergeben haben. Je älter wir werden, desto besser wird unser Gefühl dafür, wer zu uns passt, wer an unsere Seite gehört und wer nicht. Wir heiraten, wir lassen uns scheiden, wir verlieben und entlieben uns in Partner*innen. Wieso sollten Freundschaften, bis auf die Heiratsdokumente und das weiße Kleid, anders sein als romantische Beziehungen? Nur weil man sich mit jemandem zu irgendeinem Zeitpunkt gut versteht, muss das nicht für immer so bleiben. Kompatibilität kann vorübergehen und sich das einzugestehen, kann durchaus sehr befreiend sein.
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Wer, so wie ich, in seinem Leben 83.339 Wörter über Freundschaft geschrieben hat, der lernt die ein oder andere Sache über die Menschheit. Ich habe in den letzten Jahren mit Evolutionspsycholog*innen, Fremden und Freund*innen über Einsamkeit, Freundschaft und Liebe gesprochen und zu allem Überfluss auch noch ein Buch darüber geschrieben. Wenn ich eins mit Sicherheit sagen kann, dann, dass Freundschaften leider reihenweise auseinanderbrechen.
Was mich dabei beunruhigt, fast schon betrübt, ist, dass einige dieser Freundschaften wegen Nachlässigkeit zu Ende gehen. Ich werde das Gefühl nicht los, dass wir verlernt haben zu anderen Menschen eine Verbindung aufzubauen; dass wir völlig vergessen, wie viel Zeit, Loyalität und Verletzlichkeit das verlangt. Wir ghosten einander und verschwinden kommentarlos aus dem Leben der oder des anderen, was zwar verwerflich ist, oftmals aber unausweichlich scheint. Und doch sprechen wir zu selten darüber, dass wir uns von Freund*innen trennen und wie sehr diese Trennungen wehtun. Dabei ist es häufig für alle Beteiligten hart, wenn ein*e Freund*in zu eine*r Bekannten oder gar zu einer Erinnerung wird. Für viele Leute, die mit mir über das Ende ihrer Freundschaften gesprochen haben, war es das erste und einzige Mal, dass sie sich selbst erlaubt haben auszusprechen, wie schmerzvoll diese Erkenntnis war. Was ich jeder einzelnen Person, der es so geht, sagen möchte: Du bist nicht allein, wenn du das Ende einer Freundschaft betrauerst. Und es ist möglich, sich von diesem sehr persönlichen Schmerz zu erholen.
Mir selbst ist heute bewusster denn je, dass alle möglichen Beziehungen ein Verfallsdatum haben. Und dass es nicht besonders sinnvoll ist, an etwas festzuhalten, das vorbei ist. Ich wurde vor einigen Monaten von einer engen Freundin geghostet. Sie schaut sich zwar immer noch meine Instagram-Storys an, aber ansonsten ist sie komplett verschwunden. Aus meinen WhatsApp-Nachrichten, meinem Leben und schließlich auch aus meinem Herzen. Ich habe vor neun Monaten das letzte Mal von ihr gehört, danach brach sie den Kontakt gnadenlos ab. Offensichtlich wollte diese Person nicht mehr Teil meines Lebens sein und so sehr ich mir das Gehirn darüber zermartere, woran es gescheitert ist: Ich kann es mir einfach nicht erklären. Ich habe nichts Schlimmes gemacht und kann so nur friedlich, wenn auch voller Schmerz akzeptieren, dass sie nicht mehr meine Freundin sein will. Ich habe wahnsinnig oft darüber nachgedacht und wenn meine Gedanken mal wieder freidrehen, beruhige ich mich selbst mit den immer gleichen zwei Sätzen: Manche Freundschaften gehen zu Ende. Und das ist okay.
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In den letzten 30 Jahren meines Lebens habe ich selber Freundschaften beendet oder ihnen dabei zugesehen, wie sie sich langsam, aber sicher in Luft auflösen. Wenn ich an die Freund*innen zurückdenke, die ich verloren habe, überkommt mich eine Art wehmütige Melancholie. Und doch weiß ich, dass es einen Haufen guter Gründe gab, die dazu geführt haben, dass diese Menschen heute nicht mehr zu meinem Leben gehören.
Dabei ist es irgendwie logisch, dass wir im Laufe der Zeit einige Freund*innen verlieren. Darüber hinaus ist es auch notwendig und kann schlussendlich sogar positiv sein. Besonders in jungen Jahren schließen wir viele Freundschaften und Allianzen aus anfangs vermeintlich banalen Gründen: Weil man beispielsweise eh schon den gleichen Schulweg hat und um nicht als letztes im Sportunterricht gewählt zu werden. Wir haben uns also mehr oder weniger geschnappt, wer am Einschulungstag neben uns saß und schon hatten wir eine*n neue*n Freund*in. In einem komplexen System aus Klatsch, Tratsch, Interessen, Coolness, Intro- und Extrovertiertheit probierten wir später als Teenager aus, welche Beziehungen wir zum Laufen bringen konnten. Einige Leute haben Glück und schließen in dieser Zeit bereits sehr tiefe Freundschaften, andere hingegen nicht. Und so verwundert es wenig, dass die meisten unserer Schulfreund*innen sich früher oder später aus unserem Leben verabschieden.
Wenn wir dann erstmal in der Uni sind, können wir das erste Mal im Vollbesitz unserer geistigen Fähigkeiten – nämlich mit zwei ausgebildeten Frontallappen – auf Freundesuche gehen. Wir haben immerhin schon eine grobe Vorstellung davon, wer wir sind, auch wenn sich unsere Identität und unser Netzwerk gerade noch mit Hilfe einer gehörigen Portion Jugendlichkeit, Naivität und Hoffnung entwickelt. Die Freundschaften, die wir als Erwachsene schließen – auf der Arbeit, durch unsere Kinder, online, auf der Hausparty der Schwester unseres Freundes oder wo auch immer –, haben das größte Potenzial, lange zu halten. Aber auch das ist kein Garant dafür, dass sie sich nicht irgendwann auseinanderentwickeln.
Das klingt jetzt vielleicht brutal, aber es ist unser aller Schicksal, dass Freundschaften schrumpfen, sich in etwas Fremdartiges entwickeln, verschwinden, verblassen, zerbrechen und zu Ende gehen. Manchmal ist dieses Ende heftig. Beispielsweise dann, wenn ein Streit eine unüberwindbare Kluft in die Beziehung reißt oder wenn eine Meinungsverschiedenheit so riesig erscheint, dass wir die andere Person einfach nicht mehr mit unseren Ansichten vereinbaren können. In anderen Fällen ist der Abgang leise. Eine schrittweise Entfremdung, das Verschwinden einer mal dagewesenen Intimität. Bis man die andere Person, die man mal seine*n Freund*in genannt hat, irgendwann nicht mehr wiedererkennt. Wenn wir eine Freundschaft beenden, ob plötzlich, heimlich, laut oder langsam, sollten wir sie aus meiner Sicht genauso betrauern wie eine gescheiterte Liebesbeziehung. Im Dunkeln eine Packung Ben und Jerry’s essen, während wir Adele hören, vor unserem Therapeuten in Tränen ausbrechen, Abschiedsbriefe schreiben, alles tun, um mit der Situation umzugehen und irgendwann wieder nach vorne blicken zu können.
Freund*innen gehen, verlassen uns, verlieren das Recht, zu unserem Leben gehören.
Aber da draußen gibt es noch jede Menge Freundschaften, die darauf warten, geschlossen zu werden. Vertrauen, das sich entwickeln und tausend tolle Erlebnisse, die ihr miteinander teilen werdet. Vergiss’ das bedingungslose für immer, halte an deinen guten Freundschaften fest und lass' diejenigen gehen, die einfach nicht gehalten haben. Keine Sorge, das ist okay.
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