Eine Frau erzählt, wie ihr Leben nach der Genitalverstümmelung ist

Foto: Khadija Gbla/David Mariuz.
Khadija Gbla wurde in Sierra Leone geboren. Als der Krieg 1991 ausbrach, zog ihre Familie nach Gambia. Als sie neun Jahre alt war, sagte man Gbla, dass sie mit ihrer Mutter in den „Urlaub“ fahren würde. Sie fuhren los – und das war der Moment, an dem sich alles veränderte.
Es erschien ihr wie ein Überfall: Hilflos wurde Gbla niedergehalten, während eine alte Frau ihre Klitoris mit einem rostigen Messer abschnitt. Plötzlich war sie eine der Millionen Mädchen und Frauen, die eine Genitalverstümmelung erleben mussten.
„Dann warf sie das Stück Fleisch durch den Raum, als ob es das Widerlichste wäre, das sie je gesehen hatte“, erzählt Gbla in einem TED Talk von 2014.
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Traumatisiert vergrub sie die Erinnerung an diesen furchtbaren Tag. Acht Jahre später – mittlerweile war sie nach Australien geflüchtet – sah Gbla ein Diagramm der drei Arten von Genitalverstümmelung, die an Frauen und Kindern praktiziert werden. Da kamen plötzlich Erinnerungen zurück.
Heute ist Gbla Vorsitzende der „Khadija Gbla Cultural Consultancy“ und Executive Director bei No FGM Australia und setzt sich dafür ein, Aufmerksamkeit auf das Thema der „female genital mutilation“, der Beschneidung von Frauen und Mädchen zu lenken.
Über 200 Millionen der heute lebenden Mädchen und Frauen werden in den 30 Ländern Afrikas, Asiens und im mittleren Osten beschnitten, wo diese Praxis laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) am weitesten verbreitet ist.
Während einige Länder die Beschneidung bereits verbannt haben, eingeschlossen vieler Gemeinden, in denen diese Praxis weit verbreitet ist, so wie Gambia, arbeiten andere Organisationen daran, die verbreiteten Warnungen vor dieser Praxis zu beenden. Viele der Länder in denen Genitalverstümmelung sehr häufig ist erleben einen hohen Bevölkerungszuwachs, bemerkte der Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen. In manchen Fällen haben Menschen aus Kulturen, in denen Beschneidung von Frauen die Norm ist, diese Praxis in den USA oder in anderen westlichen Nationen fortgeführt.
Beschneidungen haben keine medizinischen Vorteile. Für die Überlebenden kann das Leben mit den Nachwirkungen grauenhaft sein. Laut UN Bevölkerungsfonds kann eine Beschneidung zu starken Blutungen, Zysten, Infektionen, Unfruchtbarkeit und Komplikationen während der Geburt führen.
Refinery29 sprach über Skype mit Gbla über die Auswirkungen von Beschneidungen, die Schwangerschaft und die Geburt als Genitalverstümmelung Überlebende, und darüber junge Frauen auf der ganzen Welt zu inspirieren.
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Du hast deine Geschichte kürzlich in einem TED Talk geteilt und gesagt, dass du erst neun oder zehn Jahre alt warst, als du misshandelt wurdest. Wie kamst du in einem so jungen Alter damit zurecht?
„Du kommst nicht wirklich damit zurecht. Es ist ein riesiger Schock, der bleibende Schäden hinterlässt, weil du dich einfach nicht darauf vorbereiten kannst. Es gab keine Erklärung für das, was passierte. Ich habe einfach nur versucht zu überleben.
Bis heute ist da noch ein großer Schock, es ist Verwirrung, ein Gefühl von Schmerz und Verrat. Erst wirst du weggelockt und anstatt dann in den Urlaub zu fahren, endest du damit, dass an dir eine der furchtbarsten Handlungen vollzogen wird. Ich weiß nicht, wie jemand so etwas aufarbeiten soll. Ich gehe bis heute zur Therapie.
Ich glaube, die Menschen können sich die Brutalität dieser Handlung nicht vorstellen. Es ist eine grausame Praxis. Ganz ohne Anästhesie, einfach brutal. Keine beruhigenden, liebenden Worte. Nichts, was den Schmerz lindern könnte. Keine Schmerzmittel. Nur du und eine Rasierklinge oder ein Messer oder eine Schere – was auch immer sie kriegen können – und dann fangen sie an zu schneiden. Ich weißt nicht, wie jemand darüber hinwegkommen soll. Ich glaube, niemand kann das.“

Die Narben erinnern mich jeden Tag. Ich kann nicht duschen gehen, ohne Trauer und Schmerzen zu verspüren. Ich kann dem nicht entkommen.

Khadija Gbla
Kannst du darüber sprechen, ob und wie die Beschneidung die Beziehung zu deinem Körper verändert hat und wie es deine Beziehung zu Sex in deinem Erwachsenenleben beeinflusst?
„Ich habe immer noch Narben. Sie sind konstante Erinnerungen daran, dass mir etwas genommen wurde; etwas von dem ich weiß, dass es ziemlich wichtig war und einen Zweck hatte. Aber weil ich als Mädchen geboren wurde und weil ich als minderwertig angesehen wurde, wurde entschieden, dass ich nicht das Recht darauf habe, eine sexuelles Wesen zu sein und deshalb musste es gehen. Die Narben erinnern mich jeden Tag. Die Narben erinnern mich jeden Tag. Ich kann nicht duschen gehen, ohne eine latente Trauer und Schmerzen zu verspüren. Ich kann dem nicht entkommen.
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Ich halte mich für sexuell behindert. Ich fühle mich nicht wie eine volle Frau. Ich spüre nicht das, was ich spüren sollte. Die Sensibilität ist ganz einfach weg. Ich fühle nur sehr beschränkt – vielleicht fünf bis zehn Prozent.
Es ist traurig. Für mich persönlich war das der größte Schlag. Ich kann mit den Narben leben, hier sein. Aber was mich am meisten verletzt, ist, dass ich nicht so sexuell sein kann, wie ich gerne würde oder mich als sexuelles Wesen empfinde.“
Letztes Jahr hast du einen Sohn bekommen, den du dein „Wunderbaby“ nanntest. Die Leute reden nicht häufig über den Geburtsprozess bei Frauen, die beschnitten wurden. Kannst du über deine Erfahrungen sprechen und darüber, eine Mutter zu sein?
„Mir wurde gesagt, dass ich große Empfängnisprobleme haben würde, also dass ich praktisch unfruchtbar sei. Wie bei den meisten Frauen, die gesagt bekommen, dass sie keine Kinder kriegen können, war das ein Schmerz, den du mit dir herumträgst und über den es sehr schwer ist zu sprechen. Ich würde das den Leuten nicht erzählen.
Ich weinte nachts neben meinem Mann und er wachte auf und fragte mich, warum ich weine. Ich sagte immer wieder, ‚Weil ich ein Kind möchte‘. Der Gedanke, dass mir diese Wahl einfach genommen wurde. Ich bin ja nicht durch einen Unfall oder durch eine Krankheit unfruchtbar geworden. Ich wurde einer brutalen Handlung unterzogen, die meine Fruchtbarkeit einschränkte, weil meine Mutter das so entschieden hatte.
In meiner Community wurde ich dafür ausgelacht, die Frau zu sein, die kein Kind bekommen kann. Ich wurde verurteilt. Wenn ich versucht habe andere Kinder hochzuheben, haben sie mir das Kind weggenommen, als ob ich eine Aussätzige wäre. Es war eine sehr schmerzvolle Erfahrung.“
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Foto: Khadija Gbla/David Mariuz.

War es eine schwere Schwangerschaft?
„Mir wurde sofort gesagt, dass es aufgrund der Genitalverstümmelung eine Risikoschwangerschaft sei. Da die meisten Ärzte nicht sehr versiert im Umgang mit beschnittenen Frauen sind, bekam ich nicht die Behandlung, die ich benötigte. Ich hatte das Gefühl, dass ich nicht einfach eine Patientin sein konnte. Ich musste gleichzeitig auch Lehrerin sein. Es gab Zeiten, in denen ich wirklich das Gefühl hatte, dass das Leben meines Kindes und mein eigenes in Gefahr waren.
Eine vaginale Geburt kam für mich wegen meiner Narben nicht in Frage. Ein Kaiserschnitt war die einzige Option, um ein gesundes Baby zur Welt zu bringen.
Der Gedanke an eine vaginale Geburt, an die Schmerzen und die Schnitte, die gesetzt werden müssten, wurden zu einem emotionalen Trigger. Und meine Hebamme sagte mir, dass sich die Narben öffnen könnten, was mir die noch verbliebenen fünf bis zehn Prozent Lust nehmen würde, die ich verspürte. Bei all diesen Gedanken und Ängsten wurde ich während der Schwangerschaft dann depressiv, weil ich mir nicht ausmalen konnte, wie eine Entbindung für mich aussehen soll.
Es war eine sehr traumatische Erfahrung. Die einzige Freude mein Baby, das mir lebendig und froh übergeben wurde. Er war gesund; ich schaute ihn an und war noch nie in meinem Leben so verliebt.“

Es geht nicht darum, Menschen oder Kulturen zu verurteilen. Es geht darum, den Akt zu hinterfragen, der vollzogen wird.

Khadija Gbla
Wie gehst du gegen die Auffassung an, dass Genitalverstümmelung nur in Afrika oder dem Mittleren Osten vorkommt?
„Die Menschen denken immer, dass es ein Problem ist, das irgendwo auf der Welt existiert. Nicht in Australien. Nicht in England. Nicht in Amerika. Es passiert in Afrika, in Asien oder irgendwo im Mittleren Osten. Sie möchten nicht darüber nachdenken, dass sich diese Gemeinden durch Migration bewegen. Sie sind jetzt in Australien, sie sind in England, sie sind in Amerika.
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Menschen möchten sich hinter ihrer Kultur verstecken. Ja, Menschen haben das Recht ihre Kultur auszuleben – solange sie dem Menschen nicht schadet. Vor allem keinem Kind. Wenn sie niemanden einem Risiko aussetzt. Sobald sie das tut, muss die Praxis überdacht werden.
Es geht nicht darum, Menschen oder Kulturen zu verurteilen. Es geht darum, den Akt zu hinterfragen, der vollzogen wird. Ich denke nicht, dass Kultur jemals eine Verteidigung von Genitalverstümmelung sein sollte. Nichts sollte das: Es ist Misshandlung. Es ist Gewalt gegen Frauen und Mädchen. Es ist ein Symptom des Patriarchats, das auf der gesamten Welt noch immer vorherrscht.“
Welchen Tipp hast du für junge Frauen, die sich für soziale Veränderungen in der Welt einsetzen wollen?
„Ich denke, zuerst solltest du etwas finden, für das dein Herz schlägt. Wenn du etwas gefunden hast, dem du mit Leidenschaft begegnest, sei selbstbewusst in deiner Überzeugung dafür zu kämpfen – egal ob du für oder gegen etwas kämpfst.
Ich habe mit meiner persönlichen Geschichte begonnen, mit meinen eigenen Erfahrungen. Das Persönliche ist politisch. Wenn es dir passiert ist, gibt es eine Chance, dass es jemand anderem auch passiert. Wenn du dafür einstehst, bestätigst du die Erfahrungen anderer Frauen. Wenn du dafür einstehst, gibst du jemandem eine Stimme, der vielleicht noch keine hat.“
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