Gucci: Kopftuch auf dem Laufsteg, im Alltag lieber nicht?

Foto: Gucci PR
Auf dem Gucci-Runway erscheinen Models mit Kopftüchern, dann mit Turban, etwas später einige mit Niqab-ähnlichem Style vor dem Gesicht. Dann einige mit dem Bindi oder traditionell ostasiatischem Kopfschmuck. Sowohl einigen Männern als auch Frauen wurden Monobrauen aufgeschminkt. Das alles bei der Show der Herbst-Winterkollektion 2018 von Gucci im Rahmen der Fashion Week in Mailand.
Ihr denkt, hier werden verschiedene Kulturen hochgelebt und Bodypositivity gefeiert? Falsch gedacht. Von den 90 anwesenden Models waren exakt 78 weiß. Mein erster Impuls, als ich die Outfits auf dem Instagram-Account von Gucci gesehen habe? Oh wow, Gesichtsbehaarung, Kopftücher und Turbane hätten eigentlich am besten schon vorgestern aus der Gesellschaft verbannt werden sollen, an einem weißen Model sind sie aber edgy oder fancy? Die Reaktionen einiger waren ziemlich eindeutig: Viele haben meinen Unmut überhaupt nicht nachvollziehen können, es werde ja mit dieser Kollektion dazu beigetragen, dass sich beispielsweise das Tragen des Kopftuchs in der Öffentlichkeit normalisiert, also bloß nicht wieder in die Opferrolle drängen! Andere wenige wiederum teilten meine Meinung, denn es ist klar, womit wir es hier zu tun haben: Cultural Appropriation. Traditionelle, kulturelle oder religiöse Gegenstände oder visuelle Merkmale von verschiedenen Ethnien werden übernommen und für den Kommerz instrumentalisiert. Mittlerweile ist dieses im Deutschen „kulturelle Aneignung“ genannte Phänomen so gängig im Mode- und Lifestylebereich, dass Menschen schon vergessen haben, was dieser Begriff überhaupt bedeutet.
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Foto: Gucci PR
Check your privilege!
Alles an diesen Outfits ist beleidigend, besonders betroffen war ich vom Kopftuch und vom Turban. Das angeführte Argument, dass Modelabel damit zur Normalisierung der Kopfbedeckungen in der Öffentlichkeit beitragen, lasse ich nicht gelten. Wem Repräsentation wichtig ist, soll das richtig machen oder gleich bleiben lassen. Und wenn eine weiße Frau im Namen der Mode auf dem Laufsteg ein Kopftuch trägt, hinter den Kulissen einer anderen Frau aber der Job auf Grund des Kopftuchs verwehrt wird, dann stimmt da gehörig was nicht. Abgesehen davon: was für eine Message wird da nach außen hin getragen, wenn religiöse und kulturelle Merkmale an einem weißen Model präsentiert werden? Ist es gesellschaftlich also nur akzeptabel, wenn man als weißer Mensch ein Kopftuch oder einen Turban trägt, weil es nun mal stylisch ist, aber wenn ich als Muslimin oder Person of Color das tue, dann nicht? Diese Menschen werden mit großer Wahrscheinlichkeit nie wissen, wie es sich anfühlt, auf Grund einer Kopfbedeckung verurteilt, gehasst, beschimpft und körperlich attackiert zu werden. Oder sich in der Öffentlichkeit nicht sicher zu fühlen. Vor dieser Erfahrung sind sie gefeit, weil ihr Körper und ihre Hautfarbe nun mal mit dem vorherrschenden Ideal in der Gesellschaft übereinstimmen: dem Weiß-Sein. Ganz im Sinne von „They want our culture but not our struggle.“
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Weiße geben den Ton an
Es vergeht mittlerweile kein Monat, in dem nicht irgendeine Marke oder ein Promi auf Grund von Cultural Appropriation oder blankem Rassismus – im Namen der Mode natürlich – einen weltweiten Shitstorm auslöst. Nicht zuletzt hatte sich H&M, für deren Kampagne ein schwarzes Kindermodel in einem Sweater mit dem Aufdruck „coolest monkey in the jungle“ abgelichtet wurde. Auch Marc Jacobs sorgte 2016 für große Empörung mit seiner Fashionshow, bei der Models wie Gigi Hadid oder Kendall Jenner mit Dreadlocks auf den Laufsteg geschickt wurden. Eine Entschuldigung gab es nicht, nur ein Statement: „Ich sehe keine [Haut-]Farben.“ Valentino engagierte 2015 für die „Wild Africa“-Show von 90 Models 82 weiße Models und ließ sie in Ethno-Prints, Bongos und traditionellem Kopfschmuck auftreten. Jegliche Kritik an diesen Marken ist berechtigt. Denn ohne jegliche Recherche zur Kultur, Ethnie oder Religion, ohne Sensibilität und Wertschätzung für das Thema werden Merkmale marginalisierter Gruppen nicht nur respektlos zur Schau getragen, sondern auf dem Rücken dieser Minderheiten noch Kapital geschlagen.
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Mode dekolonialisieren
Die Industrie muss sich ihrer Reichweite und des Stellenwerts von Mode auch im gesellschaftspolitischen Diskurs bewusst werden. Mode kann nämlich auf jeden Fall als Mittel zur Dekolonialisierung und als kultureller Vermittler dienen. Es ist nichts Verwerfliches daran, sich von anderen Ethnien, Kulturen und Religionen inspirieren zu lassen. Die Frage ist dann nur, ob diese kulturelle Inspiration fundiert ist und in Zusammenarbeit entsteht oder sich im Handumdrehen als Cultural Appropriation entlarven lässt. Designer sollten deswegen bei Inspirationen von der jeweiligen Quelle auch die nötige Wertschätzung entgegenbringen, indem sie zum Beispiel mit Menschen zusammenarbeiten, die den jeweiligen Background vertreten oder sie im Arbeitsprozess einbinden. Die soziale und kulturelle Vielfalt muss besser genutzt werden, denn adäquate Repräsentation fängt nicht auf dem Laufsteg an, sondern hinter den Kulissen.
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