Ich möchte nicht Teil eurer Generation sein

Dieser Artikel erschien zuerst bei Mit Vergnügen 
Ich bin vor etwas mehr als einem Jahr nach Berlin gezogen. Diese tolerante, offene Stadt, in der man alles sein kann und gleichzeitig niemand, angeblich. Für meine Kommilitonen war ich die typische Anfang 20-Jährige, die für ihr Studium nach Berlin zieht. Für meine Mutter war ich die typische Tochter, die einfach nur weit weg möchte. Für alle, die wussten, dass ich Geschichte studieren wollte, war ich die typische Geisteswissenschaftlerin, die mit ihrem Studium nicht weit kommen würde, weil man so oder so irgendwann was mit Medien macht.

Bin ich ein Sinnbild "meiner" Generation?

So viele Klischees, die ich nicht geplant habe. Die ich nicht mal lebe. Die mir von außen aber immer wieder auferlegt werden, sodass ich selbst schon das Gefühl habe, ein Sinnbild meiner Generation zu sein. Dass ich hinter all meinen Entscheidungen stehe, seien sie für den Moment oder für längere Zeit, scheint zweitrangig. Auch, dass meine Entscheidungen nichts mit Trends zu tun hatten, scheint irrelevant zu sein. Dass ich mich in Berlin als Stadt wahrlich verliebt hatte und Geschichte meine Leidenschaft ist, das interessiert niemanden.
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Wenn ich #allblackeverything trage, bin ich schnell mal der Gothic oder zumindest der Hipster – oder bin ich vielleicht einfach nur Minimalist?

All diese Klischees, die ich angeblich erfülle, erleichtern es für viele, mich einzuordnen. Für die meisten scheint es notwendig, zu wissen, an wem sie sind. Die glutenfreie, vegane Studentin. Wenn ich #allblackeverything trage, bin ich schnell mal der Gothic oder zumindest der Hipster – oder bin ich vielleicht einfach nur Minimalist? Groß bin ich auch, also spiele ich bestimmt Basketball, trage nie hohe Schuhe, "weil das zu übertrieben wäre", und finde keine passenden Hosen.
Ich kann euch sagen, die Hälfte davon trifft nicht einmal ansatzweise auf mich zu. Aber klar, in die Schubladen passe ich jetzt! Aber nun? Seid ihr doch auch nicht schlauer. Wisst nichts über mich, was mich wirklich ausmacht. Andersartigkeit scheint euch aber so abzuschrecken, dass Systeme, Ordnung und Schubladen ein absolutes Muss sind. Und dabei will ich ja einfach nur ich selbst sein. Ist das nun auch wieder typisch für meine Generation?

Ich will einfach nur ich selbst sein. Ist das nun auch wieder typisch für meine Generation?

Ist unsere Generation überhaupt etwas Konkretes oder kann sie das sein? Wir waren schon so viel: Influencer, Hipster, Generation Y, Generation Smartphone, Generation Tinder, Generation Snapchat, die Generation, die sich nicht binden will. Ich bin es Leid, ein Teil von etwas zu sein, zu dem mich andere machen. Sind wir am Ende etwa die Generation, die nicht definiert werden will?
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