Pretty Women? Nein, danke! Ich zahle selbst.

FOTO: David Cortes
Kann sich noch jemand an den Film Pretty Woman erinnern? Der Schmachtfetzen, in dem Richard Gere mit einer Tasche voller Moneten in Julia Roberts’ aka Vivians Leben stürmt und aus dem armen Mädchen eine strahlende Diva macht? Kind, angel dir einen reichen Kerl, lass dir deine Klamotten bezahlen und sieh gefälligst gut aus. Das schien die Quintessenz der nach heutigen Gesichtspunkten eher fragwürdigen Story zu sein. Und Vivian? Hielt die Hand auf, ging auf seine Kosten shoppen und freute sich - konnte sie sich doch von ihrem Lohn als “leichtes Mädchen” kaum ein ordentliches Zimmer leisten.

Was haben wir aus diesem Film, der inzwischen immerhin ein Klassiker ist, nun also lernen sollen? Dass es okay ist, die Hand aufzuhalten, wenn der Partner mehr verdient? Jeder wie er mag, aber für mich passt das nicht. Denn ich zahle meinen Kram selbst! Oder zumindest versuche ich es. Und das ist gar nicht immer so einfach.

Im Schnitt, so führen uns immer neue Studien Jahr für Jahr vor Augen, verdienen Frauen noch immer weniger als Männer. In Zahlen heißt das derzeit konkret: Frauen haben am Ende des Monats 21% weniger im Portemonnaie - so der aktuelle Stand, den das Statistische Bundesamt für das Jahr 2015 veröffentlichte. Wobei das natürlich nicht für alle gilt: Ich habe Freundinnen, die finanziell besser gestellt sind als ihre Partner. Aber das ist eben doch noch die Ausnahme.

Meist arrangiert frau sich ganz gut mit dem Umstand des Lohngefälles in den eigenen vier Wänden. Was aber, wenn die Differenz zwischen beiden Gehältern so hoch ist, dass man plötzlich nicht mehr mithalten kann? Wie fühlt es sich an, das finanziell schwächere Glied der hauseigenen Finanz-Kette zu sein? Was, wenn plötzlich die Kohle fehlt, um den doch recht teuren Urlaub zu bezahlen, frau sich aber nicht aushalten lassen will? Fragen, die ich mir immer wieder stelle, wenn der Blick aufs Konto geht. Wobei ich eine davon zumindest für mich ganz klar beantworten kann: Die Kirchenmaus der Beziehung zu sein, fühlt sich für mich beschissen an. Aber die Vivian machen, also einfach die Hand aufzuhalten, würde sich nicht minder schlecht anfühlen.

Im Alltag heißt das aber auch manchmal: Die Reise war schön und erholsam, der Blick auf die Finanzen am Ende des Monats erschreckend. Der Flug ist zum Glück bereits seit Monaten bezahlt, das Hotel wird zu großen Teilen vom gemeinsamen Urlaubskonto eingezogen - das Abbuchen diverser Einkäufe folgt, wenn die Kreditkartenabrechnung kommt. Für ihn kein Problem, für mich nicht selten Bauchweh. Es fühlt sich an, als sei aus meinem Traum Karriere zu machen, viel Geld zu verdienen, ein nüchternes Erwachen geworden. Aus seinem Traum hingegen nicht - Großverdiener, Konto voll. Kein Problem, oder? Da sollte doch klar sein, wer die Spesen zahlt, die Miete trägt und die Autoversicherung löhnt? Und ich? Kohle einkassieren? Nee, nicht mit mir!

Aktuell ist mein Konto daher quasi leer. Während ich mich damit schwer tue, auch mal zu sagen, dass ich etwas jetzt gerade eben nicht bezahlen kann, war für meinen Freund die Sache von Anfang an klar: Ich zahle, was ich kann, der Rest läuft über ihn. Ich danke ihm dafür und hasse doch, wie ich mich manchmal dabei fühle. Ich will meinen Urlaub selbst zahlen und zwar genau die Hälfte davon - nicht nur ein Drittel. Ich würde auch gerne öfter bezahlen, wenn wir zusammen essen gehen, das geht aber auch nur selten. Also lass ich ihn zahlen. Im Grunde bin ich mir und meinem Stolz also selbst untreu und müsste konsequenterweise bei Brot und Butter zu Hause hocken. Aber wer tut das schon? Während ich noch über mein leeres Konto jammere, erklärt mein Freund mir, dass es am Ende um das große Ganze ginge, um das, was wir gemeinsam haben - nicht um das, was jeder von uns einzeln dazu beigetragen hat. Und am Ende des Tages muss ich leider einsehen, dass mein Konto erstmal einfach nicht voller wird - sofern ich nicht plötzlich in der Lage bin, endlich mal eine vernünftige Gehaltsverhandlung zu führen.

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