Gender Gap: Wählen Frauen anders? Wahlforscherin Dr. Ina Bieber im Interview

Illustration: Isabelle Rancier
Männer entscheiden die Wahl, so heißt es. Aber stimmt das wirklich? Refinery29 hat bei der Soziologin Dr. Ina Bieber, 37, nachgefragt. Sie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Soziologie der Goethe-Universität in Frankfurt am Main. Ihre Magisterarbeit hat sie darüber geschrieben, ob Frauen eine geeignete Zielgruppe für Wahlkämpfe sind, und ihre Dissertation untersuchte den Frauenanteil in der Politik. Bieber weiß, warum Merkel keine Handtaschen trägt und Schulz so viel über gleiche Bezahlung redet.
Refinery29: Im Vergleich zu den Männern können am kommenden Sonntag 1,5 Millionen mehr Frauen wählen. Wenn alle wählen gingen, läge die Wahlentscheidung also bei den Frauen. Warum sind es trotzdem die Männer?
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Dr. Ina Bieber: Grundsätzlich liegt die Wahlbeteiligung von Frauen geringfügig unter der von Männern. 2013 waren es 0,6 Prozentpunkte. Diesen Unterschied können wir seit Bestehen der Bundesrepublik beobachten. Junge Frauen unter 21 Jahren und vor allem ältere Wählerinnen über sechzig geben weniger häufig ihre Stimme ab. Die Gründe dafür können unterschiedlich sein. Bei den älteren Frauen kann es daran liegen, dass sie vielleicht einfach krank sind und nicht mehr zur Wahl gehen können. Bei den sehr jungen Wählern und Wählerinnen sind die Unterschiede nur sehr gering, was sich in ihren Zwanzigern aber ändert. Grundsätzlich kann man beobachten, dass in der Wählergruppe der 25- bis 60-Jährigen der Anteil der Frauen etwas höher liegt als bei den Männern. Darüber spricht man aber meistens nicht. Generationsübergreifend auf eine niedrige Wahlbeteiligung der Frauen zu schließen, ist daher falsch.
Welchen Einfluss hat das auf den Wahlkampf?
Theoretisch könnten Frauen somit die Wahl entscheiden. Praktisch hat dieser Frauenüberhang jedoch nur einen geringen Einfluss. Männer und Frauen halten sich in ähnlichen sozialen Milieus auf und können daher in ähnlicher Weise im Wahlkampf beeinflusst werden. Frauen und Männer wählen daher gar nicht so unterschiedlich, wie wir oft meinen.
Man kann aber schon beobachten, dass manche Politiker versuchen, Frauen anzusprechen. Die AfD-Chefin Frauke Petry zum Beispiel war auf einem Wahlplakat mit ihrem Baby zu sehen. Ist das der richtige Weg, Frauen anzusprechen?
Ich bin keine Wahlkampfstrategin, aber neu ist das nicht. Bereits der ehemalige Präsident der Vereinigten Staaten John F. Kennedy hat im Wahlkampf seine Familie vor die Kamera geholt. Kinder und auch Familienangehörige sind ein beliebtes Wahlkampfmotiv. Man hat so die Möglichkeit, den Politiker oder die Politikerin als Privatperson zu zeigen. Das kann gelingen oder auch nicht. Der damalige Verteidigungsminister Rudolf Scharping von der SPD wurde sogar kurz vor der Bundestagswahl 2002 entlassen, weil er sich für die Zeitschrift „Bunte“ mit seiner damaligen Lebensgefährtin auf Mallorca im Swimmingpool fotografieren ließ, während die Bundeswehr vor einem Einsatz in Mazedonien stand.
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Martin Schulz, der Kanzlerkandidat der SPD, hat sich in seinen Wahlkampfreden für Lohngleichheit zwischen Männern und Frauen und ein Rückkehrrecht für Mütter in den Vollzeitjob eingesetzt. Kann man mit solchen Themen die Wahl gewinnen?
Bei einer Umfrage stellen wir zum Beispiel die Frage, was in Deutschland aktuell das wichtigste Problem ist. Aktuell ist das Thema „Ausländer/Integration/Flüchtlinge” das wichtigste politische Thema. Was man an den Antworten ablesen kann, ist, dass die Interessen von Frauen und Männern unterschiedlich sind. Grundsätzlich kann man sagen, Frauen interessieren sich eher für soziale Themen, für Bildung und Familienpolitik und Männer für härtere Themen wie Verteidigungs-, Wirtschafts- oder Steuerpolitik. Schulz versucht mit Themen wie Lohngleichheit Frauen anzusprechen, aber er spricht damit auch die Männer an, weil es sie ja ebenfalls betrifft. In einer Beziehung ist es natürlich für beide wichtig, dass auch die Frau mehr verdient oder das Kindergeld erhöht wird.
Welche Parteien wählen Frauen?
Seit 1953 wählen tendenziell mehr Frauen als Männer die CDU. Die SPD wurde hingegen bis in die 70er-Jahre mehrheitlich von Männern gewählt. Interessanterweise gab es mit dem Bundeskanzler Gerhard Schröder eine Umkehrung. Die SPD schien von 1998 bis 2005, als Schröder im Amt war, für Frauen attraktiver zu sein – zumindest wurde sie in dieser Phase von mehr Frauen als Männer gewählt. Inzwischen ist in der CDU-Wählerschaft der Frauenanteil wieder höher.
Wie sieht das bei anderen Parteien aus?
Bei den Grünen war der Anteil der Männer bis in die 90er-Jahre ein bisschen höher, seit 2002 wählen aber mehr Frauen die Partei. Bei den Linken haben die Männer einen Überhang und auch bei der FDP.
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Wählen Frauen die CDU wegen der Bundeskanzlerin Angela Merkel?
Jeder Mensch hat eine Parteiidentifikation, die unterschiedlich stark ausgeprägt ist und durch die Familie und den Freundeskreis beeinflusst wird. Durch diese Brille betrachten wir die Kandidaten und die Themen. Die Kandidaten werden dabei immer wichtiger. Das hat natürlich auch mit unserem Mediensystem zu tun, weil die Medien oft personalisieren. Das fällt den Wählern auch leichter als komplexe Parteistrukturen zu begreifen. Bei Angela Merkel können wir durchaus geschlechtsspezifische Unterschiede feststellen: Sie wird von Frauen positiver bewertet als von Männern.
Merkel wird oft als Mutti bezeichnet, helfen ihr solche Assoziation?
Das ist schwer zu sagen. Insgesamt versucht Merkel sich sehr neutral zu geben. Sie hat kein typisch weibliches Markenzeichen wie zum Beispiel die ehemalige britische Premierminister Margaret Thatcher, deren Markenzeichen Handtaschen waren. Manche Politikerinnen werden immer noch auf ihre Weiblichkeit reduziert. Da werden Diskussionen über Accessoires wie Schuhe, Kleidung oder Frisur geführt. Bei Männern ist es in der Regel egal, was sie tragen. Merkel versucht ihre Weiblichkeit zu reduzieren und sich nicht geschlechtsstereotyp zu verhalten, obwohl ihr das, wie die Diskussion über ihre Deutschlandkette im Wahlkampf 2013 gezeigt hat, nicht immer gelingt.
23 Frauenmagazine und sieben Verlage haben sich zusammengetan und die Initiative #Gerwomany gegründet. Sie wollen dafür kämpfen, dass die Wahlbeteiligung der 21- bis 25-jährigen Frauen steigt. In den vergangenen dreißig Jahren ist sie um 20 Prozent gesunken. Braucht es solche Initiativen um ein politisches Bewusstsein zu schaffen?
Ich persönlich begrüße das grundsätzlich. Dadurch werden mehr Frauen motiviert, wählen zu gehen. Je mehr Frauen sich beteiligen, desto mehr Macht haben sie auch. Je mehr Frauenförderung stattfindet, desto besser. Gerade, wenn viele Magazine sich zusammenschließen, wird vielleicht die eine oder andere Frau motiviert, ihr politisches Interesse nimmt zu und sie geht am Sonntag wählen.
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