Vergesst Filter, Designertaschen & Avocados – Instagram geht auch ohne!

Foto: Tayler Smith, Instagram @leandramcohen
Am Wochenende ging ich meiner Lieblingsbeschäftigung nach: Wenn niemand Zeit hat, ich zu faul bin zu socialisen oder ich einfach Lust habe, zwei Stunden meines Lebens zu vergeuden, verliere ich mich in den Weiten von Instagram. Eine Weile prägte eine gesunde Hassliebe meine Beziehung zur allgegenwärtigen Social-Media-App. Liebe, weil ich mich schon mehr als ein Mal gefragt habe, woher ich all die Inspiration VOR Existenz von Instagram bezogen habe (na gut, ich weiß, es war Tumblr). Hass, weil die kleine Welt der Feeds wie alles, was an Popularität gewinnt, irgendwann so perfektioniert, unecht und durchgestylt wird, dass man manchmal die Freude daran verliert.
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Die Lösung hatte ich alsbald vor der Nase, nur habe ich sprichwörtlich vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr gesehen: filtern. Denn das Schöne an Instagram ist, dass man allem und jedem*r, der*die einem mit seinen Bildern auf den Keks geht, in Nullkommanichts entfolgen kann. Anstatt sich also permanent über das unechte Leben aufzuregen, das mir da ständig von mir unbekannten Menschen präsentiert wird, habe ich mir meinen Feed so zusammengeschustert, wie er mir gefällt.
Gleichzeitig bin ich natürlich selbst der App verfallen und poste fleißig Bilder aus meinem Leben – das, ich gebe es zu, in der Realität alles andere als unglaublich spannend ist. Ich habe es bereits mehrfach gesagt und ich sage es gerne noch mal: Ich bin die vermutlich langweiligste Person im World Wide Web. Man könnte meinen, dass ich durch meinen Wohnort (Berlin, die Weltstadt!), meinen Beruf (freie Mode- und Lifestyle-Redakteurin) und meine Umtriebigkeit ein aufregendes Dasein habe. Aber: weit gefehlt. Am liebsten verbringe ich meine freie Zeit nämlich mit mir selbst und einer nerdigen Serie, ertrinke an sechs von sieben Tagen in so viel To-Dos und Arbeit, dass für Events entweder die Energie oder der Antrieb fehlt und frage mich in regelmäßigen Abständen, was ich eigentlich kann – außer ein bisschen Schreiben und immer mal einen flachen Witz reißen.
Gleichzeitig begegnet man auf Instagram extrem vielen Menschen mit den gleichen Rahmenbedingungen. Mal mehr, mal weniger erfolgreich versteht sich, ich bin schließlich weder Modechefin bei einem Magazin, noch habe ich bisher einen eigenen Blog gegründet. Folgende Fragen drängen sich mir beim Scrollen durch die Feeds ebenjener Personen dann immer wieder auf: Wie schaffen diese Menschen (meist Frauen) es, immer so toll angezogen zu sein? Wer macht eigentlich immer zufällig diese Fotos beim Brunch, im Park oder am Strand? Woher haben sie das Geld für diese wunderschönen Wohnungen inklusive makelloser Einrichtung? Und woher, zur Hölle, nehmen diese Menschen die Zeit, ihren Feed so ästhetisch stimmig und hochwertig zu füllen?
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Meine Wohnung sieht aus wie eine Baustelle, die einzige einigermaßen „instagrammable“ Ecke in der Küche ist bereits totfotografiert. Ich habe jeden Morgen das Gefühl, dass ich dieses Outfit schon zehn Mal innerhalb der letzten 14 Tage getragen habe. Irgendwo habe ich immer Zahnpastaflecken und wenn ich meinen Freund bitte, ein schönes Bild von mir zu machen, während ich an meiner Fritz Limo nuckele oder im Park in der Sonne sitze, sehe ich aus wie ein Idiot. Versteht mich nicht falsch, ich habe weder die Ambitionen ein großer Instagram-Star zu werden, noch bin ich neidisch auf diese sympathischen und perfekten Feeds. Aber ich hatte eine Weile wirklich das Gefühl, dass Instagram von einer App, die vom Teilen der zufälligen und unperfekten Momente lebt, zu einem perfekten Bilderbuchportfolio geworden ist, bei dem man ohne Redaktionsplan und ein Fotografenteam nicht mehr mitspielen kann. Außer, man scheißt darauf, ob es jemanden interessiert, was ich auch nur so halb tue.
Wie ich also so auf der Couch lümmelte und mich wieder in wunderschönen Bildern, Feeds und perfekt arrangierten Storys verlor, blieb ich auf dem Account von Leandra Cohen, ihres Zeichens Gründerin des von mir sehr verehrten Blogs „The Man Repeller”, hängen. Leandra hat über 600K Follower und ihr Feed ist, joah, Kraut und Rüben. Gemessen an den Standards der allgegenwärtigen Influencer zumindest, siehe Caro Daur, Jessie Bush von We The People oder Maja Wyh. Unscharfe Spiegelselfies, geschwollene Knöchel inklusive unpedikürter Füße, Stories ohne klare Struktur, bescheuerte Selfies mit gut sichtbaren Pickeln und angenehm nicht arrangierte Arrangements von Schmuck und Blumen auf dem Couchtisch.
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Natürlich ist Leandra Medine auch eine DER Persönlichkeiten, die es mit ihrem Blog zu Weltruhm gebracht haben. Sie könnte vermutlich auch jeden Morgen ihr halb aufgegessenes Frühstück posten und würde Likes im fünfstelligen Bereich einsammeln. Dennoch bleibt die beruhigende Bestätigung im Raum stehen, dass man auch mit Spiegelselfies in seiner alltäglichen Unordnung und spontanen, ungeschminkten Snapshots auf einer so hedonistisch gewordenen Plattform wie Instagram bestehen kann. Gerade weil sie in der hedonistischsten Branche der Welt arbeitet. Denn, ganz ehrlich, mein Leben ist schon stressig genug, ich möchte mir nicht auch noch Gedanken darüber machen, ob mein Bett im Hintergrund meines Fotos gemacht ist, ob eine Strähne denkt, sie müsste ihr Ding machen oder ob ich jetzt ein Bild von Marge Simpson posten kann, ohne fünf Follower zu verlieren.
Ich habe wirklich kein Problem mit Feeds, die mir ausschließlich eine perfekt inszenierte Size-Zero-Backebacke-Kuchen-Welt vorgaukeln. Ich bin alt genug, um zu wissen, dass das nicht real ist und zum Glück weiß ich auch, wo sich der „Unfollow“-Button befindet, sollte ich es gar nicht mehr ertragen.
Man kann man selbst bleiben und muss nicht Stunden und Tage damit verbringen, seine Bilder zu bearbeiten oder an Storys zu feilen, die dann kleine Oscar-Kandidaten werden. Denn im Endeffekt sind es dann doch diese nicht ganz so perfekten Accounts, die im Gedächtnis hängen bleiben, weil sie eben nicht aussehen wie alle anderen. Natürlich gibt es neben Leandra noch weitere herrliche Random-Accounts von tollen Frauen, die mindestens genauso inspirierend sind wie die Daily Looks von dänischen Modemädchen oder Avocadotoast. Folgt doch mal Claire Beermann, Harling Ross, Haley Nahman, Hengameh Yaghoobifarah, Rebeka Breymas, Devon Carlson, Emanuella Valentinaz, Josephine Abeba, Wana Limar, Pia Arrobio Baroncini und natürlich Britney Spears.
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