Die vergessene Urkraft der Frauen: „Ich will eine instinktive Geburt"

FOTO: Yamagata Erin
Ich bin in der 19. Woche schwanger und so langsam lässt sich mein kleines Geheimnis vor der Öffentlichkeit nicht mehr verbergen. Je mehr Menschen ich allerdings damit vertraut mache, desto öfter sehe ich mich mit der Frage konfrontiert: „Und die Geburt, hast du Angst?“.

Zugegebenermaßen verwundert mich diese Reaktion eher, als dass mich ihre intime Natur ärgert. Sicher, ich habe mir zu Beginn dieser (wohlgemerkt ersten) Schwangerschaft alle möglichen Gedanken gemacht: Bin ich der Rolle als Mutter überhaupt gewachsen? Wie steht es um die finanzielle Sicherheit als Selbstständige? Bin ich wirklich bereit, meine eigenen Interessen zurückzustecken? Was wird sich verändern? Wie werde ich mich verändern? Wie mein Leben? Die Geburt rückte erst mit der bewussten Entscheidung für diesen neuen Lebensabschnitt wirklich in den Fokus meiner Kopfzerbrechen. Und auch dann war sie keineswegs mit negativen Assoziationen, Unsicherheit oder gar Ängsten verbunden.

Vielmehr packte mich eine unglaubliche Neugier. Zu meinem Glück gehöre ich scheinbar nicht zu den Frauen, für die dieser unumgängliche Schritt hin zum Muttersein vorab schon groß Thema gewesen ist. Bis jetzt. Mein erster intuitiver Gedanke: So natürlich wie möglich soll sie sein, die Geburt, und wenn möglich sogar zu Hause stattfinden. Seltsamerweise hatte ich von der ersten Sekunde an ein unerklärliches Urvertrauen in meinen Körper. Mittlerweile belesen, fühle ich mich darin nur noch bestärkt, auch wenn mir klar ist, dass das letzte Wort nicht ich, sondern das Baby haben wird. Denn eine Lektion hat mich dieses kleine Abenteurer schon jetzt gelehrt: Am Ende kommt ja doch alles anders! Und das ist auch gut so, solange ausschließlich wir zwei – Baby und ich – das Ruder in der Hand behalten und die Entscheidungen treffen.

Ich sehe mich seit jeher als sehr autonome Person und möchte meine Autorität – in dieser Angelegenheit am wenigsten – nicht an einen Stab aus Ärzten abgeben. Noch überraschender als das allgemeinläufige Interesse an der Geburt sind aber die bereits fest gefahrenen Meinungen und gut gemeinten Ratschläge zu ihr. Denn seltsamerweise stehe ich mit meinem Wunsch nach einem instinktiven, natürlichen Verlauf ziemlich alleine da. Vielmehr wird von allen Seiten versucht, mir diese Idee auszureden.

Mehr als einmal fallen die Worte: Komplikationen, Schmerzen, Notfall. Von getimten Kaiserschnitten ist stattdessen die Rede – so schön schnell, so schön sicher, so schön vorhersehbar. Dabei graust es mir vor nichts mehr, als in einem hell erleuchteten OP Saal, umringt von Menschen in grünen Kitteln gebären zu müssen. Solange es aus medizinischer Sicht nicht dringend notwendig ist, ist das schonmal keine Option für mich.

Der Gedanke, sich freiwillig diesem operativen Eingriff zu unterziehen, macht mir eindeutig mehr Angst als die Unvorhersehbarkeit einer natürlichen Geburt. Und je mehr ich mich mit dem Thema befasse, umso mehr ärgere ich mich darüber, dass diese in unserer Gesellschaft so selbstverständlich als medizinischer Eingriff abgestempelt wird. Und je mehr ich mich mit dem Thema befasse, umso mehr ärgere ich mich darüber, dass diese in unserer Gesellschaft so selbstverständlich als medizinischer Eingriff abgestempelt wird. Wie so oft, will ich wissen, warum das so ist.

Warum kommen 1/3 aller Babys in Deutschland per Kaiserschnitt zur Welt und warum nur 6,7% ohne jegliche medizinische Unterstützung (Stand: April 2015)? Auch die Frauengesundheit in Medizin e.V. fordert längst ein neues Bewusstsein zu dieser Thematik. Die Resonanz erklingt nur schleichend und leise aus der Ferne. Zu groß ist offenbar die Angst vor Komplikationen. Zu groß das Vertrauen in die Medizin, zu klein in die eigene Intuition.

Woher diese unausgeglichene Wahrnehmung rührt, wird bei der Suchanfrage „giving birth“ auf Google schnell deutlich: Frauen wie Katherine Heigl in Knocked Up, Kirsten Dunst in Fifteen and Pregnant oder Jennifer Aniston in Friends vermitteln allesamt dasselbe Bild: Ein Baby auf die Welt zu bringen ist schmerzhaft. Sehr schmerzhaft. Und es dauert. Das Szenario scheint dabei immer dasselbe: Angehörige, Geburtsbegleiter und Krankenhauspersonal laufen hektisch umher, die Protagonisten liegen – ihnen hilflos ausgeliefert rücklings und schweißgebadet – auf dem Bett (den Gesetzmäßigkeiten der Schwerkraft zu Folge eine wohlgemerkt denkbar ungünstige Position um zu gebären und natürlich zurückzuführen auf einen Mann).

Die Bilder zeigen Wirkung: das kollektive Trauma der Frauen sitzt tief. Dass das nicht die ausschließliche Realität und auch ein anderer Verlauf möglich sein muss, dafür herrscht augenscheinlich wenig Verständnis. Wirklich hilfreiche, realistische Darstellungen zur Geburt findet man erst nach sehr viel mühsameren Recherchen: Der Film The Business Of Being Born verdeutlicht anschaulich die Situation, wie Frauen in den USA von Krankenhäusern regelrecht entmündigt werden.

Alternative Beispiele für selbstbestimmte, natürliche Geburten liefern hingegen die Bücher The Spiritual Midwifery von Ina May Gaskin, ebenso wie der Band zur gleichnamigen Community Flow Birthing von Kristina Marita Rumpel. Besonders hilfreich habe ich die Lektüre von Isabella Ulrich, ihresgleichen diplomierte Elternbildnerin, Doula und Autorin, empfunden. Ihr Buch Instinctive Birth und der Film die Alchemie der Geburt stärken werdende Mütter nicht nur emotional, sondern nehmen ihnen auch die Angst vor einer natürlichen Geburt. Seit fast einem Jahrzehnt begleitet Isabella Paare auf ihrem Weg zu einer solchen.

Doch was heißt das überhaupt, eine natürliche Geburt? „Man unterscheidet zwischen einer natürlichen Geburt im Sinne einer vaginalen Entbindung und einer instinktiven Geburt im Sinne der weiblichen Urnatur des Gebärens. Obwohl ich seit frühester Kindheit von einem sehr positiven Bild geprägt wurde, war eine Geburt für mich immer mit einem Gefühl der Ohnmacht verbunden. Gebären bedeutete, den Schmerzen und Geburtsbegleitern ausgeliefert zu sein. Als ich zum ersten Mal die Gelegenheit bekam eine Geburt zu Hause zu begleiten, durfte ich eine Frau beobachten, die nicht ein Opfer der Wehen war, sondern sie mit Hilfe ihres Atems wie eine Welle ritt. Sie lag nicht teilnahmslos in ihrem Bett, sondern wiegte sich sanft hin und her – fand einen Rhythmus mit dem Kind, der sie in tiefe Trance versetzte. Fernab vom schmerzvollen Akt der Selbstaufgabe ein Ausdruck purer Liebe.“

Einmal mit der Thematik befasst, begegne ich also immer wieder auch solchen positiven Geschichten. Die Geburt als Akt der Liebe, eine Form des Loslassens und Verbindens gleichermaßen. Ich frage mich, warum in meinem Umfeld noch niemand einen solchen Geburtsverlauf zu berichten weiß. Bei jedem neuen Erdenbürger, der in unserem Freundeskreis hinzukommt, entgegnet mir eine immerhin überglückliche Mutter: „Es gibt nichts Schöneres, es ist perfekt, nur die Geburt war die Hölle.“

Vielleicht bin ich also mit meiner naiven Wunschvorstellung zurecht (fast) alleine und werde sie ohnehin alsbald revidieren. Aber was ist mit den Frauen aus den Geburtsgeschichten von Isabella Ulrich oder Ina May Gaskin? „Keineswegs Einzelfälle,“ beruhigt mich Isabella. „Frauen, die während der Geburt in einem entspannten Umfeld sind, die während des ganzen Prozesses Autorität über das Geschehene bleiben, die uneingeschränkt ihre Instinkthandlungen zulassen dürfen, denen keine Zeitvorgaben und keine Einschränkung der Privat- und Intimsphäre auferlegt werden, erleben eine ganz andere Art der Geburt.“ Und Isabella spricht dabei auch aus eigener Erfahrung: „Was unser weiblicher Körper tatsächlich vermag, wurde mir erst durch die Geburt meines zweiten Sohnes bewusst. Meine Erfahrungen haben mich davon überzeugt, dass ich mein zweites Kind so zur Welt bringen möchte, wie es mein Körper am besten kann. Instinktiv und aus eigener Kraft – ganz ohne Ohnmachtsgefühl und ohne unnötige Eingriffe.“ Doch gerade dann bleibt die Frage, warum Geburten in unserer Gesellschaft noch immer so vehement als schmerzhaftes Übel gesehen werden, ein Übel das auf medizinische Begleitung nicht zu verzichten scheinen kann? „Das hat mit der Verlegung der Geburten aus dem häuslichen in ein klinisches Umfeld als Hygienemaßnahme zu tun. Damit hat sich die Gebärkultur stark verändert. Das klinische Umfeld zwingt die werdenden Mütter zwangsläufig zur Aufgabe ihrer Autonomie, zugunsten einer notwendigen Routine. Geburtshormone funktionieren in einer unvertrauten und störanfälligen Umgebung ganz einfach nicht so, wie sie sollten und kaum eine klinische Geburt verläuft ohne Interventionen – sei es nur die Verabreichung eines Wehen- oder eines Schmerzmittels. Geburtsprozesse werden so denaturalisiert, dass sie oft nur noch durch operative Maßnahmen zu Ende gebracht werden können. Das Resultat ist leider die weit verbreitete Annahme, dass eine Geburt mit unvermeidlichen Gefahren verbunden ist und eine medizinische Begleitung erfordert,“ so Isabella.

Unabhängig davon ist die „weibliche Intuition“ den meisten von uns bislang wahrscheinlich nur in Form salopper Floskeln begegnet. Wirklich viel gibt unsere Gesellschaft jedenfalls nicht mehr auf sie, diese Intuition. Ist diese weibliche Urkraft wirklich etwas, das seit jeher in uns schlummert und nur in Vergessenheit geraten ist? Auch darauf weiß Isabella eine Antwort: „Die Natur hat uns zur Erhaltung des Lebens mit Instinkten ausgestattet, die es uns ermöglichen, lebenswichtige Handlungen ohne sie vorher zu erlernen, richtig auszuführen. Schon in der Schwangerschaft erwachen die Instinkte, die wir während des Gebärens brauchen. Eine Frau die aus eigener Kraft ein Kind zur Welt bringt, erfährt sich selbst nicht in Hilflosigkeit und Ohnmacht, sondern in ihrer größten Würde und in einer unbeschreiblichen Kraft. All das erwächst aus einer bewusst durchlebten Geburt, durch die man nicht einfach mit Drogen vollgepumpt durchgeboxt wurde, sondern die jene Zeit dauern durfte, die Frau braucht, um Mutter zu werden, und die das Kind braucht um durch diese Mutter geboren zu werden.“
Dass sich dennoch weiterhin so viele Frauen für die vermeintliche ‚Sicherheit‘ eines Krankenhauses entscheiden, liegt zum Teil an der fehlenden Aufklärung zu diesem Thema, wohl aber auch daran, dass werdenden Müttern bereits in der Schwangerschaft suggeriert wird, dass eine regelmäßige medizinische Überwachung Sicherheit gewährleistet. Für viele Frauen bleibt die Entscheidung für eine klinische Entbindung deswegen reine Routineformalität: „In den klassischen Geburtsvorbereitungskursen wird häufig erklärt, was bei einer Geburt physisch geschieht und welche Möglichkeiten Kliniken zur Geburtserleichterung bieten. Das vermittelt ein Gefühl äußerer Sicherheit. Viel wichtiger wäre es aber schon in der Schwangerschaft darüber zu sprechen, welche eigenen Ressourcen zur Schmerzbewältigung vorhanden sind. Der Schlüssel liegt in der Bereitschaft, sich dem Prozess hinzugeben. Während der inneren Loslösung vom Kind, durchfluten sogenannte Liebes- und Bindungshormonen (Oxytocin) und schmerzlindernde Morphine (Endorphine) den weiblichen Körper. Oxytocin ist allerdings ein scheues Hormon. Wie beim Liebesakt auch, kann ein schiefer Blick oder eine abwegige Bemerkung es zunichte machen. Nur selten gelingt das in einer Klinik,“ so Isabella.

Um diese innere Sicherheit und das Vertrauen in den eigenen Körper zurück zu gewinnen, gibt es verschiedene, alternative und ganzheitliche Vorbereitungsprogramme: Yoga für die Geburt, instinktive Geburtsarbeit oder Hypno Birthing. Auch in vielen Schwangerenyoga-Kursen wird vermehrt auf diese Aspekte der Vorbereitung geachtet. Werdenden Müttern im Raum Wien und Umland sei das Angebot von Instinctive Birth ans Herz gelegt, alle anderen finden über die Suchfunktion der Flow-Birthing Community eine Übersicht aller Kursangebote in der Umgebung.
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