Bis dass der Tod uns scheidet: Die häusliche Gewalt spitzt sich in Italien zu

Eifersucht und Neid sind tödlich für die Liebe. Plötzlich checkt er jede ihrer Nachrichten, die Beschuldigungen werden immer absurder, die Hand rutscht aus... Wir wissen alle, wie Szenen aus einer ungesunden Beziehung aussehen, wie sie enden können: Mehr als jede dritte Frau hat in Deutschland physische oder sexuelle Gewalt erfahren, das besagt die Studie „Gewalt gegen Frauen“ der Agentur der Europäischen Union für Grundrechte aus dem letzten Jahr. In Europa sind laut Schätzungen des Europarats jeden Tag zwölf Frauen Opfer von familiären Gewaltverbrechen. Besonders schlimm ist aktuell die Lage in Italien:
In diesem Jahr allein sind in Italien 76 Frauen von ihren Partnern oder Ex-Partnern ermordet worden. Laut dem Spiegel wurden in den vergangenen zehn Jahren fast 1800 Ehefrauen, Verlobte, Freundinnen umgebracht. Laut Experten soll die Dunkelziffer enorm sein. Das Sozial- und Wirtschaftsforschungsinstitut Eures veröffentlichte eine weitere Hochrechnung, die traurig stimmt: Der Anteil der Beziehungsdelikte bei allen Morden in Italien habe sich seit 1999 verdreifacht und steigt weiter an.
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„Das Thema häusliche Gewalt wird in Italien immer schlimmer, es werden viele Frauen umgebracht. Das liegt an der italienische Kultur, die den Männern beigebracht hat, dass die Frau eine Rolle spielt, die sie heute nicht mehr spielen möchte", sagt Michelle Hunziker im Gespräch mit Refinery29. Der italienische Fernsehstar gründete die Stiftung „Doppia Difesa” gegen häusliche Gewalt, Diskriminierung und Missbrauch von Frauen. „Diese ganzen Tragödien haben mit Klischees und Stereotypen zu tun. Da müssen wir rauskommen, denn Emanzipation heißt nicht nur, das Recht zum Wählen zu haben, sondern Emanzipation muss im Alltag und in den Familien stattfinden. Meine Stiftung unterstützt mit Aufklärung zusammen mit der Polizei und wir helfen täglich konkret mit kostenfreier juristischer Beratung, psychologischer Betreuung und medizinischer Unterstützung."

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Laura Boldrini, die Präsidentin in Italiens Abgeordnetenkammer ist sich des Problems bewusst und kämpft mit allen Mitteln gegen ein gewalttätiges Patriarchat: Seit 2013 gibt es ein Gesetz für drastische Strafverschärfungen bei Gewalt gegen Frauen. Demnach sind Stalking und häusliche Gewalt in das Strafgesetzbuch integriert, und für Mord und Totschlag nach Stalking sind automatisch lebenslängliche Haftstrafen vorgesehen.
Und trotzdem blutet der grausame Zustand vor sich hin: "Femminicidio" nennt man den Frauenmord auf italienisch. Unter diesem Schlagwort protestieren Frauen auf den sozialen Netzwerken und auf der Straße. Nachdem in den letzen Monaten immer mehr Geschichten von Frauen an die Öffentlichkeit gerieten, die verbrannt, erschlagen, erwürgt oder erstochen wurden.
Zuletzt ging #Saranonsara um die Welt: Die Initiative hinter diesem Hashtag fordert ein Ende der Gewaltakte: „Saranonsara" bedeutet übersetzt „Sara wird es nie wieder geben" und bezieht sich auf den grausamen Fall der 22-jährigen Wirtschaftsstudentin Sara Di Pietrantonio, die Ende Mai von ihrem Exfreund lebendig verbrannt wurde. Innerhalb von wenigen Tagen haben sich Tausende der Instagram- und Twitter-Aktion angeschlossen und rote Kleidungsstücke, Schuhe, Tücher und Flaggen an Fenster und Balkons für Sara gehängt.
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