Jennifer Rostock: „Das ist mein Körper, das sind meine Regeln!

Foto: Birte Filmer
Spätestens nach ihrem Anti-AfD-Song hat ganz Deutschland mitbekommen, dass diese Band Eier hat: Jennifer Rostock haben etwas zu sagen und tun es auch. Nach neun Jahren Bandgeschichte gehen ihnen die Gesprächsthemen nicht aus – das fünfte Album „Genau in diesem Ton" strotz vor Ansagen für Sexisten, Rassisten und Nörgler. Aber lassen wir sie das selbst erzählen. Wir treffen Jennifer Weist, Joe Walter und Christoph Deckert zum Interview im Hotel Michelberger in Berlin. Musik ab:

Der Titel „Silikon gegen Sexismus“ auf dem neuen Album ist uns natürlich direkt entgegen gesprungen, worum geht es euch in diesem Song?
Jennifer: Dieser Song ist in einer crazy Phase entstanden: Wir sind an den Arsch der Heide gefahren, nach Oberbreitenlohe, um uns vier Wochen einzuschließen und unsere Vorproduktion zu machen. Wir haben uns natürlich im Zuge des Albums auch über aktuelle Themen unterhalten: über Feminismus, über Sexismus. Mit welchen Vorbildern wachsen Mädchen auf? Was darf eine Frau zeigen? Was muss eine Frau leisten? Oft unterliegen Frauen dem gesellschaftlichen Druck, einfach alles leisten zu müssen. Hausfrau und Mutter sein, nebenbei noch Karriere machen, trotzdem immer gut aussehen, auf die Figur achten und natürlich nach einem anstrengenden Tag immer noch abends das sexy Biest im Bett zu spielen. In diesem Song geht es darum, dass es egal sein sollte, was dir vorgelebt wird, oder mit was du aufgewachsen bist, du solltest dich von gesellschaftlichen Zwängen freimachen und einfach tun worauf du Bock hast. Der Titel „Silikon gegen Sexismus“ ist die Kernaussage des Songs. Weil ich einen kurzen Rock anhabe, muss ich mich nicht wundern, wenn ich angegrabscht werde. Und weil ich gemachte Brüste habe, muss ich mich auch darauf reduzieren lassen. Bullshit!

Joe: Der Titel spielt auch so ein bisschen auf die Frage an: Wie unrasiert muss Feminismus sein? Oder kann man nicht auch feministisch sein, wenn man nicht aussieht wie Alice Schwarzer?
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Ein Frauenthema und doch ist es so wichtig, dass auch Männer darüber reden und sich Gedanken darüber machen. Chris und Joe, wie seht ihr das?
Joe: Ich finde, dass es auf jeden Fall auch ein Männerthema ist. Bei Feminismus geht es ja nicht nur darum, die Frauen zu stärken, sondern es geht um Gleichberechtigung. Das geht ja in beide Richtungen. Natürlich gibt es viele Themen, bei denen die Frauen schlechter gestellt sind und woran man arbeiten muss. Aber unter Geschlechterklischees leiden auch wir Männer. Es gibt genug Männer, die unter dem Druck leiden, Mann sein zu müssen. Feminismus kämpft auch dafür, dass Männer freier aufwachsen und leben können.

Christoph: Ich finde auch, dass es gerade als Mann interessant ist, sich damit zu beschäftigen. Erst wenn man sich damit auseinandersetzt, merkt man, dass Frau-Sein schon irgendwie eine Herausforderung ist. Als weißer, heterosexueller Mann, in der Mitte von Europa, hat man es ja so leicht, wie man es nur haben kann. Wenn man sich da einfach nur in die Rolle der Frau hineinversetzt, da merkt man, bei was für Sachen man zu kämpfen hat. Sei es dieser subtile Druck, dass eine Frau ein Kind bekommen muss.
Gibt es da noch andere Themen, die Jennifer in die Diskussion gebracht hat und über die ihr vorher vielleicht noch gar nicht nachgedacht habt?

Jennifer: Ich muss schon sagen, ich bin da ziemlich gut bedient mit meinen Männern. [lacht] Wir haben uns so oft über Sexismus, Feminismus und Geschlechterklischees unterhalten und da muss ich sagen, dass ich viel von den Jungs gelernt habe. Joe hat mir zu vielen Dingen einen Denkanstoß gegeben.

Zum Beispiel?

Jennifer: Wir sind zum Beispiel mit Märchen und Disney Filmen aufgewachsen, in denen es immer nur Helden gibt. Frauen sind oft nur dafür da dem Helden den Rücken zu stärken, ein hübsches Beiwerk sozusagen. Und wenn sie auch mal Heldinnen sein dürfen, steckt dahinter meist ein tragischer Charakter. Mir ist das vorher nie aufgefallen. Das hat mich sehr zum Nachdenken gebracht: Wie bin ich eigentlich aufgewachsen? Mit welchem Frauenbild bin ich groß geworden? Und mit welchem Männerbild?
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Blicken wir in die deutsche Musikindustrie. Findet ihr auch, dass diese noch an vielen Ecken von Männern dominiert ist?
Christoph: Ja, gerade in unserem Bereich, es ist so absurd, wie wenig Frauen in Bands spielen. Man denkt, wir wären in einer progressiven und vollständigen Zeit, das ist aber nicht so.

Joe: Oder auch in Chefetagen bei den Plattenfirmen zum Beispiel. Da sitzen ja fast nur Männer.

Jennifer: Ich finde aber auch, dass vieles besser geworden ist. Generationen von Frauen haben vor uns für die wichtige Sachen gekämpft und auch diese auch erreicht. Die Gesellschaft hat sich aber verändert und so auch die Punkte für die wir jetzt kämpfen müssen.

Welche Fragen müssen wir uns heute stellen?

Joe: Früher hat man dafür gekämpft, dass Frauen arbeiten gehen dürfen und jetzt muss man noch weitergehen und dafür kämpfen, dass die Voraussetzungen auch fair sind für beide Seiten.
Jennifer: Ja, gleiches Geld, gleiche Vorraussetzungen.

Joe: Genau, aber ebenso der Konflikt mit Kind und der Karriere: Das eine darf das andere heute nicht hemmen.
Christoph: Das verändert sich bestimmt erst über zwei Generationen, weil es in der Erziehung ja schon verankert sein muss. Bei uns ist der Zug wahrscheinlich schon ein bisschen abgefahren.

Jennifer, du stehst für ein selbstbestimmtes Frauenbild und zeigst deinen Körper. Ist das ein bewusster Schritt, um aufzurütteln?
Jennifer: Ich habe damit nie gegen oder für etwas gekämpft. Ich war schon immer so wie ich bin, auch wenn das die Leute nicht so gesehen haben. Ich hab auch schon mal im Jahr 2009 meine Brüste gezeigt, nur damals hat das noch niemanden interessiert. Ich will niemanden wachrütteln, ich will niemanden schockieren, ich bin einfach die die ich eben bin. Das ist mein Körper, das sind meine Regeln!

Joe: Du bist jetzt auch nicht die Person, die jetzt unbedingt als Galionsfigur für eine Bewegung steht. Sondern du bist halt du. Und so, wie es halt bei allen Themen auch ist, die dich oder uns als Band betreffen, wo wir Position beziehen: Wir machen das, weil wir das so sehen, aber nicht, weil wir jetzt denken, wir wollen das Gesicht einer Kampagne sein.


Welche Stereotypen in Deutschland gehören abgeschafft?
Jennifer: Alle. [lacht] Ich finde zum Beispiel ganz schlimm, dass in Berlin seit Jahren vom Hipster geredet wird. Dieser Stereotyp muss weg. Der wird immer gleich beschrieben, als Modeströmung und Trenderscheinung. Wenn du einen Bart haben willst, dann hattest du den auch schon vor fünf Jahren. Und jetzt bist du ein Hipster, weil du ein Bart hast. Das ist scheiße.

Joe: Was ich gefährlich finde, ist der Stereotyp der Unterschicht. So dieses "Cindy aus Marzahn"-Ding. Das Darüberlachen, dass Leute ihre Kinder Kevin nennen. Dadurch hat sich meiner Meinung nach, die Gesellschaft ganz schön gespalten. Und jetzt wundern sich alle, dass die AfD 21 % in Mecklenburg Vorpommern kriegt. Das sind die Leute, über die man sich die ganze Zeit nur lustig macht: Das sind ja Menschen, die irgendwie ein Leben haben, Pläne haben, Träume haben, Sorgen haben. Und wenn dann mal jemand kommt und sich nicht über die lustig macht, sondern sie ernst nimmt – na klar, wählen die das dann. Das ist ein gefährliches Klischee oder Stereotyp, was man überwinden muss.
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