Jennifer Weist: „Konkurrenzverhalten zwischen Frauen kenne ich nicht“

„Wer hat dich in Ketten gelegt? Ketten aus Silber und Gold. Hast du das Silber gewählt? Hast du das selber gewollt? Bleibst du gefällig, damit du jedem gefällst? Die Waffen einer Frau richten sich gegen sie selbst". Bereits der erste Vers von Jennifer Rostocks neuem Song „Hengstin" schreit nach Gleichberechtigung und macht deutlich, dass man auch 2016 noch über Feminismus reden muss. Die Band dreht auf, um veraltete Frauenbilder von der Wand der Gesellschaft zu reißen.

Allerdings ist der Track des Albums „Genau in diesem Ton" nicht einfach eine wortgewandte Beschwerde mit Hip-Hop-Beat, es geht ebenso darum, Vorbilder zu feiern. Frauen des Alltags, die ihre Leben leben, so wie sie es für richtig halten. Frauen in Männerdomänen, Frauen in Frauendomänen – ganz egal, es gibt so viele Hengstinnen da draußen und ihre Facetten verdienen Gehör.

Jennifer Weist ist die Frontfrau von Jennifer Rostock, sie tanzt im Video und vertritt mit ihrer Performance die Meinung der Band – gleichzeitig hat sie die Bühne auch frei gemacht für 12 weitere Hengstinnen, die stellvertretend für alle starken Frauen stehen. Bikerin, Produzentin, Künstlerin, Transgendermodel ... – jede davon rockt ihren Alltag.

Warum das Thema für Jennifer eine Herzenssache ist, verrät sie uns am Rande des Videodrehs in Berlin Kreuzberg.

Jennifer, was ist eine Hengstin?
Eine Hengstin ist für mich eine Macherin. Jemand, der sein Leben in die Hand nimmt, macht, was er möchte und sich darin nicht von anderen beirren lässt. Eine Hengstin ist eine Frau, die ihren Körper liebt, die auch kein Problem damit hat, ihren Körper zu zeigen und einfach nichts darauf gibt, was andere Leute sagen.

Warum ist es dir eine Herzensangelegenheit, Hengstinnen in deinem Video zu repräsentieren?
Ich arbeite jetzt schon sehr lange in der Musikindustrie. Als wir angefangen haben Musik zu machen, gab es noch sehr viele Mädels da draußen, die Musik gemacht haben und das ist irgendwie viel weniger geworden mit der Zeit. Wenn wir jetzt auch Festivals spielen, dann sind fast keine Frauen mehr da. Das finde ich total schade. Aber das zieht sich ja von der Musikindustrie bis in ganz andere Bereiche, eigentlich in fast alle Bereiche. Es gibt immer noch sehr sehr viele männerdominierte Berufe und ich frage mich, wo die ganzen Frauen hin sind. Kommt mal alle her und lasst uns einen losmachen. Als wir den Song geschrieben haben, dachte ich: „Geil, endlich mal ein Song der für geile, starke Frauen steht. Und deswegen wollte ich auch nur geile, starke Frauen in diesem Video haben. Egal, aus welcher Branche. Egal, was sie tun. Ob sie jetzt Anwältin sind oder Mutter - das sind alles krasse Dinge, die eine Frau tun kann und von ihr abverlangt werden. Ich finde es cool, die ganze Bandbreite von Frauen zu zeigen, die da draußen einen mega Job machen, vor allem auch in männerdominierten Berufen.

Warum haben so viele Frauen Schwierigkeiten damit, sich selbst als stark zu bezeichnen?
Ich glaube, das hat damit zu tun, wie man erzogen wurde und wie man aufgewachsen ist. Mit welchen Frauenbildern wir aufgewachsen sind, was man uns erzählt hat, wie man als Frau sein muss. Wie die Gesellschaft uns das vorlebt. Einer Frau wird ziemlich viel abverlangt: Eine Frau muss erstmal immer top aussehen. Dann muss sie sich um ihre Schönheit kümmern, damit der Mann sie auch gut findet. Sie muss auch Kinder kriegen. Das ist natürlich auch total super, aber auf die faule Haut legen, darf sie sich dann auch nicht. Du musst gleichzeitig arbeiten und Karriere machen. Ich glaube, dass viele Frauen auch heute noch diese Bild haben, dass sie Zuhause bleiben und am Herd stehen müssen. Vielleicht wollten sie aber auch Ärztin werden oder Anwältin und dann hat man ihnen gesagt, dass das als Frau nicht geht und keiner hat an sie geglaubt.

Würdest du dich als Hengstin bezeichnen?
Ich würde mich schon als Hengstin bezeichnen, weil ich mir in meinem Leben Sachen vorgenommen und das auch durchgezogen habe. Das hat auch immer gut geklappt. Ich bin selber dafür verantwortlich, das zu erreichen, was ich möchte. Solange ich selber für meine Ziele verantwortlich bin, schaffe ich das auch immer.
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Was wünscht du dir grundsätzlich für Frauen in Deutschland?
Ich wünsche mir für Frauen, dass sie mehr aus sich raus kommen, dass sie nicht in jemandes Schatten stehen müssen, dass sie vielfältig sind, dass sie machen, was sie wollen, dass sie ihren Körper akzeptieren und dass sie morgens in den Spiegel gucken und das Gefühl haben, sie können alles schaffen, was sie wollen.

Siehst du einen Unterschied zwischen einem Hengst und einer Hengstin?
Für mich gibt es keinen Unterschied zwischen einem Hengst und einer Hengstin, weil ich generell nicht zwischen männlich und weiblich unterscheide. Deswegen fand ich auch immer Hengst und Stute so schwierig in den Begrifflichkeiten. Der Hengst ist dieses prachtvolle, mächtige Tier und die Stute ist irgendwie nur die Gebärmaschine und wartet bis der Hengst für sie da ist.

Bei einer Stute denkt man ja auch immer gleich an stutenbissig, oder?
Das stimmt. Man denkt an das Konkurrenzverhalten zwischen Frauen. Ich kenne das persönlich überhaupt nicht. Wenn ich Frauen treffe, dann bin ich solidarisch. Ich freue mich, wenn es Frauen gibt, die cool drauf sind, die nicht zickig sind, die einfach anderen Frauen gegenüber solidarisch sind. Solchen Frauen begegne ich einfach gerne. Für mich ist es nicht wichtig, ob da eine Frau oder ein Mann auf der Bühne steht. Ich werde ja häufiger mal angefeindet, weil ich mich leichtbekleidet auf der Bühne zeige. Bei Männern ist es aber egal, ob die nun oberkörperfrei auf die Bühne gehen. Da würde ich mir wünschen, dass da ein Umdenken stattfindet, dass man die Person, die da steht, einfach als Mensch wahrnimmt und nicht als Frau oder Mann. Wir haben alle die gleichen Rechte und Pflichten und wir können das Gleiche erreichen.

Muss eine Hengstin zwangsläufig stark sein?
Eine Hengstin muss nicht immer zwangsläufig stark sein. Es geht nicht darum, immer mit dem Kopf durch die Wand zu gehen. Es geht nicht darum, immer super stark zu sein. Eine Frau ist ein Mensch und Menschen sind eben auch mal schlecht drauf und traurig und emotional. Gerade das ist, wie ich finde, eine große Stärke, wenn man das rauslassen kann und das nicht immer irgendwie überspielen und eine Maske aufsetzen muss. Man darf auch mal Schwächen zeigen.

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