Muss ich mich dafür schämen, dass ich einen Kaiserschnitt hatte?

Vor Hunderten von Jahren sagte ein berühmter Philosoph mal, Cogito, ergo sum – Ich denke, also bin ich. Mein Motto ist ein bisschen anders: Ich bin Mutter, darum bin ich schuldig. Meine Kinder sind nun erwachsen, aber ich habe nie das allgegenwärtige Gefühl von Schuld vergessen, das Eltern zu sein hervorruft. Leider kann ich dir nicht mit der Schuld helfen, die du wegen der Schulwahl, Fernsehzeiten, oder Disziplin spürst – aber es gibt eine Sache, bei der ich Linderung verschaffen kann. Als Geburtshelferin/Gynäkologin und Mutter kann ich dir sagen, dass es keinen Grund gibt sich bezüglich der Entscheidungen schuldig zu fühlen, die du während der Geburt triffst.
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Bedauerlicherweise, nicht zuletzt dank der „natural childbirth“-Ideologie (also der Ideologie, dass die natürliche Geburt die einzig Richtige sei), sind diese Entscheidungen nun in unserer Gesellschaft mit Vorurteilen, Vorhersagen, und Schuld unterlegt.
Vertreterder „natural childbirth“-Ideologie treten für die Meinung ein, dass eine vaginale Geburt ohne Einfluss von Medikamenten der beste Weg sei, Gesundheit und Glück für dein Kind sicherzustellen – alles andere macht dich zur Versagerin. Ein vielsagendes Beispiel liefert uns die preisgekrönte Schauspielerin Kate Winslet, die tatsächlich so beschämt darüber war, dass sie bei ihrem ersten Kind einen Kaiserschnitt hatte, dass sie die Welt glauben ließ, es sei nie passiert. Jahre später gab sie zu, dass sie gelogen hatte: „Ich habe einfach behauptet, ich hätte eine natürliche Geburt gehabt, weil ich so traumatisiert darüber war, dass ich nicht wirklich geboren hatte. Ich fühlte mich wie eine komplette Versagerin.“
Ich habe dieses Gefühl, von Versagen nach einem Kaiserschnitt, tatsächlich nie so richtig verstanden. Persönlich denke ich, dass Mütter, die einen Kaiserschnitt hatten, extra stolz auf sich sein sollten. Wenn sie vor die Wahl, zwischen dem Risiko für ihr ungeborenes Kind und Risiko für sich selbst, gestellt sind, entschieden sie sich, das Risiko ganz auf sich zu nehmen. Wenn das nicht die Essenz von Mutterliebe ist, dann weiß ich auch nicht.
Traurigerweise liegt der Grund für dieses Schuldgefühl meist in Fehlinformation. Im Folgenden mache ich dich mit den Fakten vertraut.
Die „richtige“ Kaiserschnitt-Quote
Alle, Mediziner und Vertreter der natürlichen Geburt, sind sich einig, dass die Rate an Kaiserschnitten in den USA zu hoch ist und möglicherweise gesenkt werden kann, ohne die perinatale Sterberate zu erhöhen. Aber um wie viel kann man die Rate senken?
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Viele „natural childbirth“-Ideologen berufen sich auf eine alte, „optimale“ Kaiserschnitt-Quote von 10-15%, die vor über 30 Jahren von der World Health Organization (WHO) herausgegeben wurde. Normalerweise erwähnen sie jedoch nicht, dass diese Quote still und leise 2009 wieder zurückgezogen wurde und die WHO selbst erklärte, dass es nie Forschungsergebnisse gab, die eine solch niedrige Rate bestätigen würden. Tatsächlich gab es nie überhaupt Forschungsergebnisse, die irgendeine optimale Rate hervorgebracht hätten.
Dr. med. Marsden Wagner, Kinderepidemiologe und Geschäftsführer der WHO zu der Zeit, als die Studie veröffentlicht wurde, hat wahrscheinlich mehr als jeder andere dazu beigetragen, dass die Quote von 15% an Kaiserschnitten als Ideal gesetzt wurde. In einem Artikel von 2007, an dem auch Wagner mitschrieb, ist allerdings explizit die Rede davon, dass die Quote für Kaiserschnitte ohne jegliche Beweisführung 1985 festgelegt wurde. Im gleichen Artikel wird angeführt, dass es nur zwei Länder auf der Welt gibt, die sowohl eine Rate von unter 15% an Kaiserschnitten, als auch niedrige Sterblichkeitsraten bei Müttern und Neugeborenen haben. Diese beiden Länder sind Kroatien (14%) und Kuwait (12%). Keines der beiden Länder ist bekannt für ihre Fehlerfreiheit bei Gesundheitsstatistiken. Im Gegensatz dazu sieht sich jedes andere Land der Welt mit einer Rate an Kaiserschnitten unter 15% mit unglaublich hohen Sterberaten bei Müttern und Neugeborenen konfrontiert.
Praktisch kein Land mit niedrigen Sterberaten, bezogen auf Mütter und Neugeborene, hat eine Quote von Kaiserschnitten unter 15%, und die meisten weisen Quoten auf, die wesentlich höher liegen. Die Daten zeigen tatsächlich, dass eine allgemeine Kaiserschnittrate von 15% oder weniger eigentlich unakzeptabel ist und, dass eine Durchschnittsrate von 22%, bis hin zu 36%, das Wohl der Mutter und des Kindes am meisten berücksichtigen. Die Rate von 32%, die momentan auf die USA zutrifft, bewegt sich in diesem Bereich. Könnte man die Quote auf 22% drücken? Sicherlich. Könnte sie gefahrlos auf 15% gesenkt werden? Absolut nicht.
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Über „unnötige“ Kaiserschnitte
Das Schwierige an Kaiserschnitten ist, dass einige dieser Prozeduren unnötig sind – allerdings wird das erst im Nachhinein klar.
Heutzutage zählen Kaiserschnitte zu den sicheren Methoden (Dank moderner Technik) und somit gibt es weniger Risiken, in Bezug auf das Wohl des Kindes, die wir Willens sind einzugehen. Gelichzeitig gibt es eine Vielzahl an Technologien, die helfen einzuschätzen, ob ein Baby einem erhöhten Risiko ausgesetzt wäre. Von der Kardiotokographie über Tests zu Schwangerschaftsdiabetes können heute eine Vielzahl von Risikofaktoren früh erkannt werden. Leider sind viele dieser Technologien noch nicht fehlerfrei. Obwohl sie geringe falsch-negativ Raten haben (wenn sie anzeigen, dass es dem Baby gut geht, kann man auch davon ausgehen, dass es dem Baby gut geht), sind es oft relativ hohe falsch-positiv Raten. Das heißt, dass wenn das Baby als Risikopatient eingestuft wird, nicht unbedingt auch wirklich ein erhöhtes Risiko besteht.
Bei Kaiserschnitten muss man also ohnehin von einer „Veschiebung von Risiken“ sprechen. Die vaginale Geburt bedeutet für das Kind wesentlich mehr Risiko als für die Mutter (rund 100 Mal höheres Risiko). Der Kaiserschnitt hingegen bedeutet für die Mutter ein minimal erhöhtes Risiko und senkt gleichzeitig aber das Risiko für das Baby drastisch. Was könnte also natürlicher sein, als eine Mutter, die sich entscheidet jegliche Gefahr von ihrem Kind fernzuhalten und lieber auf sich zu lenken?
Denken wir zum Beispiel an Steißgeburten. Als Ärzte sind wir verpflichtet unseren Patientinnen mitzuteilen, dass eine vaginale Steißgeburt das Risiko von Tod oder ernsthaften Behinderungen des Kindes wesentlich erhöht. Nichtsdestotrotz ist das absolute Risiko, dass das Baby eine vaginale Steißgeburt nicht überlebt, sehr gering; es liegt bei etwa 1%. Für mich ist es also umso bewundernswerter, dass die meisten Frauen, die ein Baby in Steißlage haben, sich für den Kaiserschnitt entscheiden. Dem zwar sehr echten, aber doch geringen Risiko für das Kind gegenübergestellt, wählen die meisten Mütter eine Unterleibsoperation, mit all den Schmerzen und der oft längeren Heilungsphase.
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Dasselbe gilt für Frauen, die dem Kaiserschnitt zustimmen, weil ihr Baby unter sogenanntem Fetal Distress leidet. 2016 ist die Diagnose für Fetal Distress nach wie vor nicht perfekt. Wir wissen, dass wir bei fast alle Babies, die unter Sauerstoffmangel bei der Geburt leiden, dies am Kardiotokographen erkennen können. Allerdings geht es vielen Kindern, die sich auf dem Kardiotokographen bemerkbar machen, trotzdem gut. Wenn eine Frau also dem Kaiserschnitt zustimmt, weil möglicherweise Fetal Distress erkennbar ist, sagt sie im Grunde genommen: Ich weiß nicht, ob mein Baby wirklich unter Sauerstoffmangel leidet, aber ich will absolut kein Risiko eingehen. Schneidet mich auf und helft dem Kind. Mit anderen Worten: es ist ein Zeichen von Hingabe, nicht von Versagen.
Kate Winslet ist nicht allein mit ihren Gefühlen von Schuld und Scham, aber es gibt wirklich keinen Grund warum sie, oder irgendeine andere Frau, sich für den Kaiserschnitt schämen sollte. Als Mutter von vier Kindern sage ich „Bravo!“
Ich selbst habe mich nie der Entscheidung für oder gegen einen Kaiserschnitt ausgesetzt gesehen, ich hoffe aber, dass ich ebenso selbstlos reagiert hätte, wie die Frauen, die diesen Schritt gegangen sind.

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