Exklusiv: Sie ist schwarz, queer & mischt die männerdominierte RnB-Szene auf

Sie wird als Zukunft des Alternative-RnB gehandelt: Bisher war Kelela Mizanekristos vorwiegend als Gaststimme bei Acts wie den Gorillaz, Solange Knowles oder Danny Brown zu hören. Auf ihrem Debütalbum „Take Me Apart“ demonstriert die 34-jährige Sängerin und Songwriterin mit den äthiopischen Wurzeln nun eine bewundernswerte Offenheit – stilistisch, wie auch emotional. Refinery 29 Germany bat die Amerikanerin zum Gespräch über Angreifbarkeit und Freiheit, Nacktheit und Stärke.
Du probierst dich gerne aus und hast von Jazz, über Progressive Metal bis hin zu Electro und Pop schon mit unzähligen Stilen experimentiert. Woher kommt diese kreative Neugierde?
Ich habe mit dem Jazz angefangen, danach eine Indierock-Band gegründet und später kamen auch noch elektronische Einflüsse dazu. Ich fühle mich in den verschiedensten Genres heimisch und suche immer nach neuen Inspirationen. Ein einziger Stil wäre mir zu eindimensional. Ich versuche ständig, mich unter den verschiedenartigsten musikalischen Umständen neu zu definieren, wenn man es so ausdrücken möchte.
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Nach deinem Umzug vonWashington D.C. nach Los Angeles pendelst du heute hauptsächlich zwischen L.A. und London. Zwei Metropolen, deren Einflüsse sich auch in deiner Musik wiederfinden!
Definitiv. Gerade den Einfluss von L.A. kann man deutlich heraushören. Ich liebe es, einfach ins Auto zu steigen und loszufahren. Ohne Ziel, immer der Straße nach. Manchmal nur durch die City, manchmal in den Hills außerhalb der Stadt oder den Highway 1 entlang, der sich direkt an der Küste des Pazifischen Ozeans vorbei in den Norden Kaliforniens schlängelt. Man hat von dort oben einen wahnsinnig schönen Ausblick aufs Meer und kann seine Gedanken komplett frei machen. Auf der anderen Seite ist aber auch ein starker Vibe von East London spürbar: Dort lasse ich mich gerne von dem inspirieren, was ich in der U-Bahn und bei langen Spaziergängen erlebe.
Du bezeichnest auch Björk als riesigen Einfluss auf deine Musik.
Schon als Kind war ich extrem von Stimmen fasziniert. Ihre Stimme hat etwas ganz Besonderes, das mich auf viele verschiedene Arten berührt. Ich liebe außerdem ihren Sinn für Ästhetik und wie sie mit ihrer Musik ganze Welten erschafft. Sie hat es geschafft, einen komplett eigenständigen Sound aus organischen Elementen und einem sehr maschinellen Touch zu kreieren. Das, was sie macht, ist absolut einzigartig. Sie hat mir sehr in meiner Entwicklung geholfen. Ich habe sie kurz vor meiner ersten Headliner-Show in einem Restaurant in Williamsburg kennengelernt. Wir beiden waren dort unabhängig voneinander zum Dinner; ein toller Zufall!
Foto: Dicko Chan
Dein eigener Sound ist ebenfalls ziemlich ungewöhnlich und versteckt oftmals überraschende Ecken und Kanten. Klingt fast wie eine Gegenreaktion auf alltägliche Popmusik aus dem Radio!
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Ich will das Publikum überraschen; es zum Nachdenken bringen. Ich denke, es spielen verschiedene Faktoren eine Rolle: In erster Linie natürlich, eine Frau in einem Männer-Business zu sein. Zweitens, eine schwarze Frau in einem Männer-Business zu sein. Und drittens, eine schwarze, queere Frau in einem Männerbusiness zu sein. Ich bin immer irgendwie zwischen den Stühlen gestanden. Ich entstamme der zweiten Generation äthiopischer Einwanderer und fühle mich weder wirklich amerikanisch, noch wirklich schwarz. Trotzdem gibt es Tage, an denen ich wahnsinnig stolz darauf bin, schwarz zu sein. Und eine Frau. Ein seltsames Gefühl, das sich genauso zerrissen anfühlt, wie es klingt.

[Es ist nicht immer leicht,] eine schwarze, queere Frau in einem Männerbusiness zu sein. Ich bin immer irgendwie zwischen den Stühlen gestanden.

Kelela
Dein Debütalbum trägt den Titel „Take Me Apart“, begleitend zeigst du dich auf dem Plattenartwork fast komplett nackt. Ein mutiger Schritt!
Es geht darum, sich komplett nackt zu machen. Einerseits auf seelische Art, aber auch körperlich im klassischen Sinne. Darum, sich so zu zeigen, wie man ist. Ich möchte ohne eine schützende Rüstung durch mein Leben gehen; auch wenn ich mich damit extrem angreifbar mache und natürlich Gefahr laufe, tief verletzt zu werden. Doch die Message ist: Keine Angst! Erst in dem Augenblick, in dem man sich von anderen „auseinander nehmen“ lässt und sich völlig ungeschützt präsentiert, ist man wirklich frei. Je verletzlicher man ist, desto stärker wird man am Ende.
Wie gestaltete sich dasFotoshooting für das Artwork von „Take Me Apart“?
Mir war klar, dass es in den Songs um metaphorische und tatsächliche Formen der Nacktheit geht. Ich habe mir lange den Kopf darüber zerbrochen, wie man diese Reinheit und Verletzlichkeit visuell darstellen könnte. Ich hatte eine echte Krise, weil mir absolut nichts einfallen wollte. Also überlegte ich mir, wovor ich am meisten Angst hätte. Die Antwort: Mich der Welt auf dem Cover tatsächlich ohne Klamotten zu präsentieren. Also habe ich mich meinen Ängsten gestellt und es einfach gemacht. Ich betrachte meine Musik grundsätzlich als ziemlich selbsttherapeutisch; alles, was ich tue, hilft mir, mich selbst und die Welt da draußen ein wenig besser zu verstehen.
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Foto: Daniel Sannwald
Außerdem haben Titel und Artwork auch eine starke sexuelle Komponente.
Richtig. Die Bedeutungsebenen in meinen Songs sind extrem vielschichtig. Natürlich hat Nacktheit auch eine körperliche, sexuelle Seite, die sich ebenfalls in den Texten wiederfindet. Das ganze Album beschreibt die Entwicklung einer Beziehung. Vom Ende der vorherigen Liebe, über eine neue Partnerschaft bis zu deren Ende. Meine Gefühle, meine Erfahrungen und die Lektionen, die ich dabei lernen musste. Es geht im Grunde darum, seinem Bauchgefühl zu vertrauen und aus Fehlern zu lernen.
Was würdest du als deine größte Stärke bezeichnen?
Mich der Welt und all ihren oftmals scheußlichen Seiten zu stellen, ohne innerlich abzustumpfen oder zu verrohen. Wir leben in einer Welt, die immer extremer wird. Eine Welt, die sich gerade schwarzen Frauen nicht immer von ihrer schönsten und freundlichsten Seite präsentiert. Ich versuche auch, auf der Platte ein wenig von dieser Lebensrealität zu transportieren.
Was hat sich aus deiner Sichtseit den letzten Wahlen in den Vereinigten Staaten verändert?
Das ganze gesellschaftliche Klima ist heute anders. Es wird heute offener über die Probleme gesprochen, die People Of Color in einer weißen Gesellschaft haben. Ich denke, vielen Weißen ist mittlerweile klar geworden, wie drängend und dringend unser Anliegen ist. Und dass Rassismus alltägliche Realität ist. Das wird auch in meiner Musik deutlich. Ich könnte meine Geschichten in den Songs nicht erzählen, ohne das große Ganze drumherum abzubilden: Ich erzähle die Story dieser Frau, die sich unglaublich angreifbar in einer Welt macht, die eigentlich eine Bedrohung für sie darstellt und in der sie völlig ungeschützt ist. Sie wird nicht wirklich wertgeschätzt von ihrer Umgebung und hat keine Lobby, sondern muss sich alles alleine erkämpfen. Trotz allem lässt sie sich nicht unterkriegen, sondern sucht weiter nach Liebe.
Kelelas Debütalbum „Take Me Apart“ erscheint am heutigen Freitag bei Warp Records.
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