Hype um „Die immer lacht": Die Anti-Helene-Fischer im Interview

FOTO zur Verfügung gestellt von Universal Music/Ben Wolf
Von den einen frenetisch gefeiert, von den anderen abgrundtief gehasst. Selten zuvor hat ein deutsches Lied in den sozialen Netzwerken für so kontroverse Diskussionen gesorgt wie der Sommerhit „Die immer lacht.“ Was weniger an dem gnadenlos omnipräsenten Mix aus Dance-Pop und Schlager (25 Wochen in den Top Ten, dreifache Gold und eine Platin-Auszeichnung, 52 Millionen Views auf YouTube) liegt als an der Frau hinter dem Ohrwurm: Kerstin Ott (34), Ex-Malerin aus Heide und bekennend homosexuell, mag nicht so recht hineinpassen in das engstirnige Raster der Scheuklappen-Träger. Der Bruch mit Tabus und Konventionen scheint zugleich ihr Erfolgsrezept zu sein, denn auch Kerstins neue Single „Scheissmelodie“ brauchte gerade mal 24 Stunden, um die Top Ten bei ITunes zu knacken. „Meine Fans sehen in mir eine Anti-Helene Fischer und das gefällt mir", sagt die Ex-Malerin aus Heide dann auch selbstbewusst im Gespräch mit refiniery29.de. in Berlin.

Deine Debüt-Single „Die immer lacht“ war wochenlang in den Top 10, hat mittlerweile 50 Millionen Klicks auf Youtube, du tourst durch Deutschland, sitzt bei Marcus Lanz in der Sendung – über Nacht bist du ganz ohne Castingshow zum Star geworden und das innerhalb weniger Monate. Wie hat sich dein Leben verändert?
Mein Leben hat sich total verändert. Wegen des Erfolgs von „Die immer lacht“ lasse ich meinen Hauptjob als freiberufliche Malerin jetzt erst mal ruhen und konzentriere mich voll und ganz auf die Musik. Für etwas anderes wäre auch gar keine Zeit, denn ich bin momentan ganz schön unterwegs. Obwohl ich „Die immer lacht“ ja schon vor zwölf Jahren geschrieben hatte, kam der Durchbruch im vergangenen Jahr sehr überraschend.
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„Die immer lacht“ ging auch deshalb durch die Decke, weil er in den sozialen Netzwerken so häufig geteilt wurde. Obwohl oder gerade weil er in die Kategorie Schlager fällt.
Richtig, Das zeigt mir, wie sehr er die Menschen berührt. Und was die Kategorisierung anbelangt: Ich lasse mich nicht in eine Schublade stecken, weder als Mensch noch als Musiker. Wer meine Musik Schlager nennen möchte: Bitte schön! Ich trete gerne auf Mallorca im Bierkönig auf, das Publikum hat meine Lieder abgefeiert.
Was hast du dir von deinem ersten Plattenfirmen-Scheck angeschafft?
Mit meinem ersten Geld, dass durch „Die immer lacht“ reinkam, habe ich mir bei uns im Ort eine Gitarre gekauft! Danach war ich happy! [lacht] Ich kann gut von meiner Musik leben, nur reich bin ich dadurch noch nicht geworden. Selbst wenn ich eines Tages Millionärin sein sollte, gibt es nichts, was ich durch Geld an meinem Leben großartig ändern würde. Ich bin glücklich, auch ohne einen teuren Sportwagen vor meiner Tür. [lacht]
Diese Authentizität scheint Teil deines Erfolgsrezeptes zu sein.
Vielleicht gefällt es den Leuten einfach, dass ich eine Anti-Helene Fischer bin. [lacht] Nichts gegen Helene, sie ist ein großartige Künstlerin, die ich sehr verehre. Aber ich bin nun mal ein Gegenentwurf zu dem, was in der deutschsprachigen Musiklandschaft momentan sonst so geboten wird. Ich trage kein Make-Up, brezle mich nicht für Konzerte auf. Ich bin der lebende Beweis dafür, dass es auch ganz normale Leute schaffen können.
War es denn dein Traum ein Musikstar zu werden? Du hast ja schon in jungen Jahren im Kinderchor von Rolf Zuckowski mitgesungen.
Nein, von einer Karriere als Musikerin hätte ich nie zu träumen gewagt. Für mich schien dieser Traum unerreichbar. Ich dachte mir, Millionen junger Menschen auf der ganzen Welt wollen Pop-Musiker werden, warum sollte ausgerechnet ich das schaffen? Ich wollte auch keinem vermeintlichen Hirngespinst hinterherzujagen. Auf dem Himmel auf so einer Wolke herabzuschweben, das war einfach nicht meins. Dazu kam meine Schüchternheit auf der Bühne. Sobald ich im Kinderchor allein im Rampenlicht stand, fühlte ich mich unwohl.
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Also wurden du zunächst Malerin...
Genau. Nach meinem Hauptschulabschluss mit 15 Jahren absolvierte ich eine Maler-Lehre. Ich war mal auch mal für ein paar Wochen auf der Polizeischule in Eutin und habe bei der Berufsfeuerwehr hineingeschnuppert, aber das war alles nichts für mich. Ich wollte am Ende eines Arbeitstages sehen, was ich vollbracht hatte. Außerdem brauchte ich etwas zum Auspowern.
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Keine Angst, dass „Die immer lacht“ ein One Hit Wonder bliebt und du zurück in deinen alten Beruf musst?
Nein, ich war schon vor der Musik sehr, sehr zufrieden mit meinem Leben und habe gerne als Malerin gearbeitet. Deswegen verspüre ich auch keinen Druck weitere Hits abliefern zu müssen. Ich würde nicht in mein Kissen weinen, wenn morgen alles wieder vorbei wäre.
Du machst aus deiner Homosexualität kein Geheimnis. Bist du schon immer so offen mit deinem Lesbisch-sein umgegangen?
Bis zu meinem Outing viel es mir nicht leicht. Das änderte sich nach meiner ersten, festen Freundin. Von da an war mir klar, dass ich meine Liebe zu einer Frau nicht verheimlichen wollte. Mit 17 habe ich mich dann geoutet. Seit diesem Zeitpunkt habe ich keine Probleme mehr damit, auch öffentlich darüber zu reden.
Lief das problemlos ab oder bist du auch auf Unverständnis gestoßen?
Das lief eigentlich relativ problemlos ab. Meine Familie hatte sich das schon gedacht. Ich war einfach nicht wie andere Teenager in meinem Alter. Natürlich gab es auch ein paar Leute in meinem Umfeld, die ein Problem mit meiner Homosexualität hatten und mir das auch zeigten. Von denen habe ich dann ganz schnell Abstand genommen.

Hattest du vorher auch Beziehungen mit Jungs?
Nicht wirklich, ich würde das eher unter Spielkram und sich Ausprobieren verbuchen. (lacht) Aber ich glaube, so geht es allen Jugendlichen, die in die Pubertät kommen und ihre Sexualität entdecken.

Was rätst du jungen Menschen, die sich ebenfalls outen möchten?
Es gibt keine Grundregel für ein Outing. Ihr bestimmt ganz allein, wann für euch der beste Zeitpunkt gekommen ist. Sich einem Herzensmenschen anzuvertrauen, hilft ungemein. Weiht als erstes euren Lieblingsmenschen ein. Eure beste Freundin oder besten Freund, Natürlich kann eine Vertrauensperson auch die Mutter oder ein anders Familienmitglied sein. Hauptsache, ihr habt ein gutes Verhältnis zu dieser Person. Positives Feedback am Anfang ist sehr wichtig, weil es das Selbstvertrauen stärkt. Jeder Mensch hat am Anfang Angst und Befürchtungen vor Ablehnung.
Unter den Deckmantel der Anonymität grassiert Homophobie in den sozialen Netzwerken. Auch du wirst auf Youtube oder Facebook oft angefeindet und beleidigt.
Das stimmt. Und am Anfang gingen mir die Beleidigungen auch wirklich sehr nah. Ich kannte diese Form der Meinungsäußerung so noch nicht, die traf mich völlig unvorbereitet. Ich bin davon ausgegangen, dass die, die schlimme Sachen über mich schreiben, so etwas doch selbst nicht über sich auf Facebook oder Youtube lesen wollen würden. Heute weiß ich, dass das häufig 15-jährige Teenager sind, die unreflektierter Handeln und einfach irgendeinen Quatsch absondern wollen. Ich rege mich über so etwas nicht mehr auf.

„Die immer lacht“ hast du für eine Freundin geschrieben, die in einer Lebenskrise steckte. Steckt auch hinter deiner neuen Single „Scheissmelodie“ eine persönliche Story?
Ja, bevor ich mit meiner jetzigen Partnerin zusammengekommen bin, hatte ich ein paar Beziehungen, die nicht so gut gelaufen sind. Mit jeder Beziehung verbinde ich gewisse Lieder, die man gemeinsam gehört hat, als man noch verliebt war. Umso schmerzvoller ist es dann, wenn diese Lieder im Radio laufen und man gerade unter Trennungsschmerz leidet. Dann wird aus einem Lieblingslied plötzlich eine „Scheissmelodie“. (lacht) Dass sich die Menschen mit auch mit diesem Thema identifizieren können zeigt sich wieder mal auf Youtube, wo der Song innerhalb von vier Tagen über eine Million mal angesehen wurde.
Von Herzschmerz kann bei dir momentan nicht die Rede sein – du bist seit Jahren glücklich liiert und möchtest bald sogar heiraten!
Das stimmt, meine Freundin und ich wollten eigentlich noch in diesem Jahr heiraten, aber das steht noch nicht hundertprozentig fest, da ich wegen der neuen Single und dem Album, dass im Herbst erscheinen soll, kaum Zeit habe. Außerdem wünsche ich mir eine Sommerhochzeit unter freiem Himmel! Hauptsache unkonventionell und nicht spießig. [lacht]

Wie darf man sich das bei dir vorstellen?
Nur im engsten Familien und Freundeskreis, mit viel guter Musik und ganz wichtig - kein Kleiderzwang! Kurze Hose, T-Shirt. Zu Essen gibt es dann Bratwurst und Kartoffelsalat. [lacht]

Wie sieht es mit Nachwuchs aus?
Da sind wir bestens versorgt. Meine Freundin hat aus ihrer Ex-Beziehung zwei Kinder mit in unsere Partnerschaft gebracht. Mehr soll es nicht geben. Wir haben uns in meiner Wahlheimat Heide ein schönes Leben aufgebaut, das gibt mir den nötigen Rückhalt in dieser aufregenden Zeit.
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