So unentspannt gehen viele junge Menschen 2018 mit Körperbehaarung bei Frauen um

Der weibliche Körper ist vieles: Sexobjekt, Verkaufsfläche, Diskussionsmaterial. Nur eins ist er scheinbar nicht: behaart. Obwohl auch Frauen von Natur aus Körperhaare wachsen, hat die Schönheitsindustrie eine Vielzahl an kostenpflichtigen Tools erfunden, die dieses angebliche Übel beseitigen. Von Rasieren und Epilieren bis hin zum Waxing und Laserbehandlungen – so kann die weibliche Haut so glatt gestaltet werden, wie es in den meisten Medien propagiert wird: makellos und babyglatt. Denn selbst in der Werbung rasiert sich das Model nur den Schaum weg. Haben wir uns mit zu viel Photoshop-Perfektion bestrahlt, um jedes dunkle kleine Haar auf dem Körper einer Frau als unhygienisch oder eklig zu betiteln? Wann wird es endlich Zeit unsere Beautystandards zu revolutionieren?
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Seit wir alle das Wort „Diversity“ im Schlaf buchstabieren können, hat sich die Haltung rund um Feminität gewandelt und nicht zuletzt weil die ersten Prominenten für Diskussionen sorgten: Miley Cyrus färbte sich die Achselhaare pink, Jemima und Lola Kirke zeigten sich unrasiert auf dem roten Teppich, Madonna veröffentlichte Fotos ihrer Behaarung auf Instagram und Amber Rose postete sogar ihr Schamhaar für kurze Zeit, bevor es von der Social-Media-Plattform gelöscht wurde. Das fand die ersten Nachahmer und lockte gleichzeitig auch die ersten Wut-, Ekel- und Hasskommentare an. Ist das alles nur ein bloßer Schrei nach Aufmerksamkeit oder tatsächlich ein Protest gegen gängige Schönheitsideale?
Noch in den 70ern hätte sich niemand über buschige Achselhöhlen gewundert, doch heute gilt Körperbehaarung, besonders bei Frauen, als No-Go, das so gekonnt ignoriert wird, dass einige denken könnten, auf dem weiblichen Körper wächst nichts mehr. Viele hören bei dieser Kontroverse auf ihr subjektives ästhetisch-kosmetisches Empfinden, doch dabei ist ihnen nicht bewusst, dass sie schon von Kind an mit künstlich aufbereiteten Bildern und unrealistischen Körpern konfrontiert wurden. Im Pubertät-Paket lag neben Tampons schon die erste subtile Aufforderung: ein Rasierer. Im Schnitt ist unser Körper auf dem Quadratzentimeter mit bis zu 50 Haaren bedeckt. Der Großteil ist unpigmentierter Flaum, das sogenannte Vellushaar.
Das dunklere Terminalhaar findet sich bei Frauen meist auf den Unterschenkeln, auf oder unter den Armen, im Intimbereich und auch im Gesicht, in Form von Wimpern und Augenbrauen. Diese Haare schützen uns vor UV-Strahlung, Schmutz und Bakterien, aber meist weniger vor abfälligen Blicken und Vorurteilen. Dank unseres fortschrittlichen Lebensstils sind viele Körperhaare heute ohne überlebenswichtige Funktion, dennoch ist glatt rasierte Haut nicht gesünder als Unrasierte. Und eine ausgeprägte Behaarung ist kein Indikator für mangelnde Hygiene oder fehlende Feminität, oder etwa doch? Junge Männer und Frauen sprechen über ihre Sicht der Dinge.
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Hendrik, 24, Student aus Mannheim
„Achsel -, Bein- und Intimbehaarung finde ich bei Frauen unattraktiv – wahrscheinlich auch, weil es ein sozialer Standard ist, dass Frauen immer rasiert sind. Meist merkt man das bei Frauen auch erst, wenn man intim wird und dann wäre es für mich ein klarer Abturner, obwohl ich selbst nicht rasiert bin.“
Nadine, 23, PR Assistentin aus Frankfurt
„Als Kind hatte ich sehr viel Flaum und fühlte mich nicht weiblich. Mit elf Jahren rasierte ich meine Beine, Arme und zupfte meine Augenbrauen. Ich konnte das Haus nur verlassen, wenn ich frisch rasiert war, weil ich Angst hatte, jemand könne meine Körperhaare sehen. Heute fühle ich mich in meiner Haut viel wohler und blöde Kommentare sind mir egal. Ich rasiere nicht mehr alles krampfhaft und finde es nicht eklig oder unhygienisch, wenn es andere Menschen haariger mögen.“
Friederike, 25, Redakteurin aus Hamburg
„Ich kann nicht verstehen, warum sich jemand nicht mehr rasieren will. Achselhaare sind bei Frauen und auch bei Männern eklig. Ich rasiere alles an mir, außer meine Arme. Das tue ich zwar nicht jeden Tag aber irgendwann wird es widerlich. Nur weil eine Frau ihre Achselhaare auf Instagram zeigt und dafür gefeiert wird, heißt es nicht, dass das jede*r machen muss. Das ist doch wieder nur ein Trend, um krampfhaft aufzufallen und anders zu sein.“
Oliver, 29, Pädagoge aus Bremen
„Jede Frau sollte selbst entscheiden dürfen, ob sie sich rasiert oder nicht und das nicht von der Meinung anderer oder den Medien abhängig machen. Persönlich finde ich, dass es gepflegt aussehen sollte und dass es automatisch schön ist, wenn sich die Person damit wohl fühlt. Ich würde mir niemals das Recht rausnehmen meiner Freundin vorzuschreiben, was sie mit ihrem Körper machen soll.“
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Hannah, 23, Studentin aus Köln
„Ich achte darauf, Körperbehaarung zu entfernen, wenn es sichtbar für mein Umfeld ist, auch wenn die Einstellung vielleicht etwas veraltet ist. Dennoch denke ich, dass Körperbehaarung nichts mit Attraktivität oder Weiblichkeit zu tun hat und jede*r für sich entscheiden sollte, wie er oder sie für sich selbst ein Schönheitsideal definiert.“
Sebastian, 26, Informatiker aus Göttingen
„Ich finde Körperbehaarung lediglich im Intimbereich bis zu einem gewissen Grad in Ordnung, doch auch da wird es ab einer bestimmten Länge unappetitlich. Generell ist der Körper, egal ob Frau oder Mann, bis auf wenige wirklich kahle Stellen ja immer behaart. Je heller und unsichtbarer die Haare sind, desto besser.“
Julia, 27, Auszubildende aus Berlin
„Ich rasiere meine Körperbehaarung – aber nicht jeden Tag. Damit tut man der Haut auch keinen Gefallen. Dass es jetzt immer mehr Frauen sprießen lassen, finde ich gut und das tut der Feminität auch keinen Abbruch. Sie setzen damit ein Statement, um der Natur freien Lauf zu lassen und der ewig langweiligen Perfektionierung entgegenzuwirken. Auch Frauen sind unterschiedlich und somit auch unterschiedlich behaart!“
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