Wer in der Mode arbeitet, sollte sich nicht nur für Fashion interessieren

Genauso wie die Relevanz von Mode aus Berlin immer wieder angefochten wird, lassen viele Kritiker am Label Michalsky nicht ein einziges gutes Haar. Langweilige Laufstegkollektionen, exaltierte Selbstdarstellung im Fernsehen und dann noch diese Duschbadkollektion. Dabei gibt der Erfolg dem Designer eigentlich recht. Nach Stationen bei Adidas und MCM hat er sein Label bereits 2007 gelauncht und sich über die Grenzen Berlins hinaus einen Namen erarbeitet. Die StyleNite ist ein etablierter Termin der Modewoche. Von der Vogue wurde er sogar zum „neuen deutschen Mode-Papst“ gekürt.
Doch wie ist es Michalsky gelungen, zu dem Label zu werden, das es heute ist? Das weiß nicht nur der Designer selbst, sondern auch Lena Loosen, die Managing Director der Marke ist. Seit drei Jahren treibt sie die Entwicklung voran und ist damit ein Vorbild in Sachen Karriere in der Modebranche in Deutschland. Wie sie deren Stand einschätzt, warum Kooperationen so wichtig sind und was sie über eine Frauenquote denkt, lest ihr im Interview.
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Refinery29: War die Position als Managing Director schon früher dein Ziel?
Lena Loosen: Mode hat mich immer schon sehr interessiert. Nach dem Abi entschied ich mich für ein BWL-Studium und habe mir parallel zur Uni Nebenjobs in der Fashion-Branche gesucht. Dabei konnte ich schon früh vielseitige Einblicke in das Business gewinnen. Michalsky hatte ich damals auch über ein solches Engagement kennengelernt und in den Semesterferien dort als Aushilfe für seine Fashion Show gejobbt. Da hat es bei mir auch Klick gemacht und ich wusste, dass ich bei dieser Marke bleiben wollte! Daran, dass ich drei Jahre später Chefin bei Michalsky werden würde, habe ich zu diesem Zeitpunkt aber nicht gedacht.
Wie gelingt es euch die Marke Michalsky immer wieder neu zu erschaffen und neu zu interpretieren?
Man muss mit offenen Augen durch die Welt gehen und seine Neugier behalten. Nur so kann man sich immer wieder neu erfinden. Man kann seiner langfristigen Vision für eine Marke folgen – aber sollte auch keine Angst davor haben neue Wege zu gehen, um dieses Ziel zu erreichen. Change is good, ist ein Credo nach dem wir uns in der Firma häufig richten und sind damit gut gefahren. Das setzt allerdings voraus, dass die Hauptakteure mutig sind, was im Business seltener ist, als man denkt. Bei Michalsky gibt es einen sehr ausgewogenen Mix an Kreativität, Erfahrung und Innovationsfreudigkeit in der Führungsetage, was uns viel Selbstvertrauen für neuartige oder ungewöhnliche Entscheidungen gibt.

Bei Einstellungsgesprächen achten wir nicht auf das Geschlecht, sondern auf starke Persönlichkeiten. Charaktereigenschaften sind nicht geschlechterabhängig.

Was sind die größten Herausforderungen, wenn man in Deutschland in der Modebranche arbeitet?
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Die Branche hat sich allein schon in den letzten Jahren stark verändert – nicht nur in Deutschland. Die größte Herausforderung ist, wenn man nur Mode denkt. Heute ist Fashion ein Lifestyle, der sich stark mit anderen Lebensbereichen vermischt. Michael hat auch gerade ein Buch zu diesem Thema geschrieben: In „Lass uns über Style reden“ wird ganz bewusst nicht nur Mode behandelt, sondern auch Fragen darüber, wie wir wohnen, lieben oder mit anderen Menschen kommunizieren. In diesem Buch wird deutlich, wie eng Mode mit Stil im weiteren Sinne verknüpft ist. Wer das erkennt, hat schon viel gewonnen.
Wie bleibst du motiviert?
Da kommen viele Faktoren zusammen. Aber in erster Linie sind es die Menschen, die mein Arbeitsumfeld prägen. Neben Michael arbeite ich mit jedem Mitglied aus unserem Team eng und gerne zusammen. Aber auch über Partnerschaften unserer Designkollaborationen treffen wir interessante Persönlichkeiten. Die Bandbreite erstreckt sich von Großkonzernen wie WMF, über starke Mittelständler bis hin zu erfolgreichen Online Start-Ups wie Mister Spex oder About you. Den Austausch mit unseren Partnern finde ich oft inspirierend und abwechslungsreich. Mein „Traumberuf“ früher war einmal jeden Beruf auszuprobieren. Das hat sich in gewisser Weise so erfüllt. Mir gefällt außerdem, dass wir Businessideen sehr schnell umsetzen können und natürlich der wachsende Erfolg unserer Marke Michalsky.
Was ist der größte Luxus in deinem Privatleben?
In meiner Rolle kann ich schwer zwischen Privat und Beruf trennen. Beide Seiten sind wichtige Teile meines Lebens und deshalb sollte man möglichst viel Freude in beiden Bereichen haben. Mein größter Luxus ist, dass ich meine Zeit weitgehend selbstbestimmt einteilen kann. Es gibt Tage da arbeite ich bis in die frühen Morgenstunden und merke gar nicht, dass es in der Zwischenzeit draußen hell geworden ist. Und es gibt Tage, da sind andere Dinge wichtiger - auch wenn das ein Montag ist. Aber an solchen Tagen bin ich meist auf Standby: Man weiß ja nie, wer einem begegnet und ob nicht sogar am Nachbartisch eine gute Businessidee wartet.
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Ich erkenne heute früher, wenn sich externe Faktoren nicht beeinflussen lassen und kämpfe nicht für etwas, das sich nicht lohnt. Das spart Zeit.

Wie eng arbeitest du mit Michael Michalsky zusammen?
Wenn wir beide in Berlin sind, sehen wir uns fast jeden Tag in der Firma. Da haben wir unser kleines Ritual. Jeden Morgen trinken wir einen Kaffee zusammen und besprechen aktuelle Projekte. Dann widmet sich jeder seinen Aufgaben. Wenn einer von uns unterwegs ist, sagen wir immer: Ich nehme das Internet mit. Wir haben eine sehr gute Kommunikationsebene und wissen, in welchen Fällen der Austausch dann per Telefon, WhatsApp, Instagram oder E-Mail stattfindet. Der einzige Unterschied ist, dass Michael ein absoluter Morgenmensch und ich eher die Nachteule bin. Manchmal läuft der Austausch also zeitversetzt.
Was schätzt du an eurer Zusammenarbeit besonders?
Ich schätze an Michael nicht nur seine Kreativität, sondern auch, dass er sehr ehrlich ist. Im direkten Gespräch kommen wir so schnell zu Entscheidungen. Das ist besonders wichtig, wenn viele Projekte parallel laufen. Zudem ist er unglaublich strukturiert und verlässlich, was die alltägliche Arbeit für das gesamte Team stark erleichtert. Seine Kreativität kann übrigens auch sehr unterhaltsam sein – er schafft es immer wieder einen zum Lachen zu bringen. Das liebe ich!
An welche Business-Regeln haltet ihr euch?
Wir glauben an Stories. Ich vergleiche unsere Business-Projekte gerne mit einem Kinofilm. Eine Geschichte baut sich auf und läuft gezielt auf den Höhepunkt bzw. das Happy End hinaus. Natürlich gibt es manchmal auch spannende Wendungen – in jedem Fall liefern einzelne Szenen viel Emotionen. Um ein solches Drehbuch mit einer interessanten Dramaturgie zu schreiben, brauchen die Businesspartner ein vertrauensvolles Verhältnis und einen respektvollen Umgang. Wenn das gegeben ist, kann aus der Short Story ein großer Blockbuster werden oder sogar die Lieblingsserie.
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Ich glaube daran, dass in der Zukunft niemand mehr über eine Frauenquote spricht, weil Frauen in Führungspositionen einfach zum Alltag gehören.

Warum sind Kooperationen mit anderen Brands so wichtig für euch?
Eine Kooperation ist der Zusammenschluss von mindestens zwei Experten, die gemeinsam mehr erreichen können als jeder für sich. Die Motivation dahinter ist häufig sehr unterschiedlich: Steigerung von Bekanntheit, Stärkung der Designkompetenz, Größere Vertriebspower etc. Ich sage immer eine Kooperation ist ähnlich zu einer Ehe oder einer anderen Form der Lebensgemeinschaft. Deshalb ist es wichtig sich vorher zu überlegen, mit wem man diese Kooperation eingeht. Wenn man sich dafür entschieden hat, sollte man eine starke Kommunikationsebene aufbauen und erhalten. Sofern man also die Erfolgskriterien einer guten Partnerschaft berücksichtigt – gilt die alte Redensart von Aristoteles: Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile.
Was ist die wichtigste Lektion, die du in deiner bisherigen Karriere gelernt hast?
Man muss auch loslassen können. Als Grundoptimist und Mensch mit einer positiven Einstellung fällt es mir schwer sich „dem Schicksal“ zu ergeben. Auch in schwierigen Situationen suche ich oft nach einer Lösung, die das scheinbar Unmögliche möglich macht – das liegt in meiner Natur. Heute erkenne ich zum Glück früher, wenn sich externe Faktoren nicht beeinflussen lassen und kämpfe nicht für etwas, das sich nicht lohnt. Das spart Zeit.
Euer Team besteht größtenteils aus Frauen. Wie arbeitet ihr zusammen? Trifft das Klischee des Zickenkriegs unter Frauen auf euch zu?
Es stimmt, dass bei Michalsky überwiegend Frauen arbeiten, was daran liegen mag, dass sich bei uns in der Regel mehr Frauen bewerben. Aber natürlich arbeiten auch Männer hier. Wir achten bei Einstellungsgesprächen aber weniger auf das Geschlecht, sondern auf starke Persönlichkeiten, die unser Team bereichern. Nur so kann ein Team gemeinsam über sich hinauswachsen. Charaktereigenschaften sind nicht geschlechterabhängig.
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Für dich als starke Frau im Business: Was denkst du über eine Frauenquote?
Ich bin in einer Familie mit vier Brüdern aufgewachsen. Da wär die Frauenquote bestimmt eine gute Sache gewesen (lacht). Im Job geht es mir hauptsächlich um Qualifikationen. Ich glaube daran, dass in der Zukunft niemand mehr über eine Frauenquote spricht, weil Frauen in Führungspositionen einfach zum Alltag gehören werden.
Wie schaltest du persönlich ab?
Ich liebe Karaoke!
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