Wie es ist, als trans* Person in Russland zu leben – ein Kurzfilm

Hinweis: Da es für das englische, genderneutrale Pronomen „them/their“ leider (noch) kein Äquivalent im Deutschen gibt, nutzen wir in diesem Artikel an einigen Stellen das generische Femininum. Diese Stellen sind kursiv geschrieben.
2016 wurden wir als Speaker zum jährlichen Pride-Festival „Queerfest“ nach Sankt Petersburg eingeladen. Es ist kein Geheimnis, dass LGBTQ-Personen in Russland meist schrecklich behandelt werden. Deshalb sind wir besonders gespannt darauf, das Festival und die Community dort zu erleben.
In den Medien wirkt es oft so, als würden die Grausamkeiten, mit denen Mitglieder der LGBTQ-Community konfrontiert werden, ausschließlich Homosexuelle betreffen – die Komplexität und Vielfältigkeit der LGBTQ-Community wird vernachlässigt. Deswegen wollten wir uns selbst ein Bild davon machen und mit den Aktivisten darüber sprechen, wie die Realität für transgender Personen in Russland aussieht. Wie steht es um die Gesundheitsversorgung und den sozialen Support? Ist es sicher oder gar überhaupt möglich für sie, dort zu leben? Diese Fragen gingen uns durch den Kopf, als wir die Einladung annahmen.
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Foto: Fox Fisher
Da wir sehr offen damit umgehen, dass wir Trans*-Aktivist*innen sind, waren wir skeptisch, ob wir überhaupt ein Visum für Russland bekommen. Man muss nur kurz „trans“ oder „activist“ und unsere Namen googeln, um auf unsere Artikel und Filme zum Themenbereich Transgender von uns zu finden. Trotzdem bekamen wir unsere Visa und flogen nach Russland – einen Ort, von dem wir nie geglaubt hätten, dass wir ihn jemals besuchen würden, besonders in Anbetracht der aktuellen politischen Lage.
In der Ankunftshalle des Flughafens wurden wir von zwei Aktivist*innen begrüßt, die einen Zettel mit der Aufschrift „Queerfest” in den Händen hielten. Erst hatten wir Angst um ihre Sicherheit, weil sie das Schild so offen zeigten. Doch später erklären sie uns, dass in Russland niemand wirklich weiß, was „queer“ eigentlich bedeutet.
Foto: Fox Fisher
Es ist nicht leicht, zu erklären, wie es sich als transgender Person anfühlt, in Russland zu sein. Obwohl Sankt Petersburg eine wunderschöne Stadt ist, war es schwer, dieses Gefühl von Unterdrückung und die vielen Jahre des Elends zu ignorieren. Es ist eigenartig, ständig beobachtet zu werden. Es gibt keine Privatsphäre oder Sicherheit für Menschen, die nicht der Mehrheit angehören oder keiner Schublade zugeordnet werden können. Dieser Eindruck wurde durch ein Schild über der Eingangstür unseres Hotels noch verstärkt: „Achtung: In diesem Hotel sind Video- und Audio-Überwachungen möglich“.
Wahrscheinlich hätten wir uns komplett eingesperrt gefühlt, wenn da nicht dieses alte Shoppingcenter neben unserem Hotel gewesen wäre, das von Hipstern in ein Vintage-Mode- und Comicbuchparadies inklusive veganer Essensangebote verwandelt wurde. Es war der einzige Ort, an dem wir problemlos Nahrungsmittel kaufen konnten. Überall sonst wollten die Menschen nicht mit uns reden – obwohl wir beide insgesamt vier Sprachen sprechen. Nur in diesem Shoppingcenter konnten wir dem möglichen Unheil entkommen, das gefühlt hinter jeder Straßenecke auf uns warte.
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Foto: Fox Fisher
Foto: Fox Fisher
Auch im Umgang mit Menschen erlebten wir ein Gefühl von kompletter Isolation. Mit Samthandschuhen wurden wir hier definitiv nicht angefasst und die Höflichkeitsfloskeln, die wir aus Westeuropa gewohnt sind, hörten wir hier auch nicht.
Als wir aufwuchsen, brachte man uns bei, in der Öffentlichkeit immer zu lächeln. Aber in St. Petersburg gelten andere Regeln. Uns wurde gesagt, dass einem die Leute nicht vertrauen, wenn man zu viel lächelt. Wie unterschiedlich die Auffassungen von Kommunikation und Intimsphäre sind, wurde uns besonders bewusst, als wir eine Person umarmen wollten, mit der wir bei der Produktion unseres Films Zeit verbrachten. Normalerweise sind die Beziehungen zu den Mitwirkenden immer sehr eng – transgender zu sein verbindet. Hier war es anders. Unsere neue Freundin wich zurück, als wir ihr die Arme entgegenstreckten. Es folgte unangenehme Stille und der Satz: „Das war eigenartig”.

Uns wurde gesagt, dass einem die Leute nicht vertrauen, wenn man zu viel lächelt.

Diese Erfahrungen waren zwar nicht so schön, dafür waren die Leute, die uns nach Russland eingeladen hatten umso netter. Jonny und Mark waren unglaublich freundlich, herzlich und ehrlich uns gegenüber. Zusammen gingen wir in ihre Wohnung, die sie sich mit einer dritten Person, Jay, teilen. Der Gebäudekomplex wurde anscheinend seit Jahrzehnten nicht renoviert und die dunkle Gasse hinter dem Haus sah auch nicht gerade einladend aus. Das Treppenhaus wirkte eher wie das eines verlassenen Lagerhauses als das eines Wohnhauses. Trotz der Baufälligkeit hatten die drei es geschafft, die Wohnung in ein gemütliches Zuhause zu verwandeln – mithilfe von Secondhandmöbeln und Deko. Der Geruch von frisch gebrühtem Tee lag in der Luft, als wir uns hinsetzten, dazu wurde Gebäck gereicht. Der schiefe Boden und die Risse in der Decke und an den Wänden wirkten auf einmal nicht mehr so angsteinflößend. Trotzdem erinnerten sie uns immer wieder daran, wie ärmlich die Lebensverhältnisse hier sind.
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Foto: Fox Fisher
Die Geschichten, die uns von unseren drei Freundinnen und anderen transgender Personen, die wir trafen, erzählt wurden, waren schrecklich. Manche wurden wochenlang in eine psychiatrische Klinik gesteckt, andere wurden in den Medien öffentlich geoutet und dadurch zu Opfern von Online-Belästigungen und Missbrauch. Eine Person berichtete, dass eine ehemalige Kollegin entschlossen war, ihr Leben und ihre Karriere zu ruinieren. Sie wurde öffentlich geoutet und man wollte sicherstellen, dass sie nie wieder einen Job bekommt. Mittlerweile hat sie schon drei Mal den Job gewechselt und ist von Wohnung zu Wohnung gezogen, damit sie nicht gefunden wird.

Manche wurden für Wochen in eine psychiatrische Klinik gesteckt, andere wurden in den Medien öffentlich geoutet und dadurch zu Opfern von Online-Belästigungen und Missbrauch.

Ein weiteres Problem ist, dass es nicht gerade einfach ist, das Geschlecht legal anerkennen zu lassen. Hormone bekommt man relativ leicht in Russland – es gab sogar eine Zeit, in der man sie ohne Rezept in der Apotheke kaufen konnte (jetzt ist es allerdings etwas schwerer). Aber eine Ärztin zu finden, die eine*n Trans-Patient*in aufnimmt und regelmäßig den Hormonspiegel checkt, um sicher zu gehen, dass alles ok ist, ist praktisch unmöglich. Die einzige Chance, die transgender Personen bleibt, ist gegenseitige Unterstützung. Ohne ärztliche Überwachung stellt die Hormonbehandlung allerdings ein gesundheitliches Risiko dar. Außerdem scheint es in Sankt Petersburg schier unmöglich zu sein, sich geschlechtsangleichend operieren zu lassen. Die wenigen, die es sich leisten können, reisen deshalb ins Ausland.
Zusätzlich zu diesen Herausforderungen kommt der Fakt, dass es in der Gesellschaft an Bewusstsein und Akzeptanz mangelt. Zudem ist die russische Sprache, ähnlich wie die deutsche, geschlechtsspezifisch ausgerichtet. Es fehlen also Begriffe und linguistische Konzepte, um die Erfahrungen von Trans*personen angemessen zu beschreiben.
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Das Pride-Festival stellt für die Trans-Community eine Möglichkeit dar, zu netzwerken und ein Gefühl der Zusammengehörigkeit zu entwickeln. Allerdings hat die Atmosphäre nicht wirklich etwas mit der auf anderen europäischen Pride-Festen zu tun. Während die LGBTQ-Community vor allem im Pride-Monat Juni vielerorts öffentlich feiert und gefeiert wird, findet das Festival in Russland hinter verschlossenen Türen an einem sicheren Ort statt. Partys und Demonstrationen werden von Workshops und Filmnächten ersetzt. Und doch, trotz all dieser Sicherheitsvorkehrungen, wurden Teilnehmer*innen in der Vergangenheit schon angegriffen. Vor einigen Jahren versuchte beispielsweise eine Gruppe von homophoben Aktivist*innen in die Location einzubrechen. Sie haben es zwar nicht geschafft, versperrten aber die Türen von außen und kippten eine faulig riechende Flüssigkeit durch die Risse der Wände.
Foto: Fox Fisher
Bei dem Event, an dem wir teilgenommen haben, ging zum Glück alles gut und ein Gefühl von Verbundenheit machte sich breit. Die Trans-Community war froh, ihre Geschichten mit uns und der Welt teilen zu können und zu zeigen, dass sie kämpfen.
Auch, wenn viele Westeuropäer*innen gerne helfen möchten, geht es der LGBTQ-Community in Russland nicht darum, gerettet zu werden. Stattdessen möchten sie eine starke, dynamische Community aufbauen, die selbstständig und auf ihre eigene Art und Weise für Anerkennung und Akzeptanz kämpfen kann.
Wir können natürlich dazu beitragen, dass ihre Stimmen gehört werden. Wir können ihre Anstrengungen unterstützen und ihre Geschichten erzählen. Aber es ist wichtig, dass wir verstehen, dass wir nicht einfach nach Russland gehen und den Menschen erzählen können, was sie machen sollen. Wir sind nicht Teil der russischen Kultur und wissen nicht, wie sie die Herausforderungen, vor denen sie stehen, am besten angehen sollen.
Demzufolge möchten wir euch den Film zeigen, der beim Besuch in Russland entstanden ist, um der russischen Trans-Communitiy eine Stimme in der Welt zu geben. Es ist wichtig, dass wir zuhören, lernen und sie in ihrem Kampf gegen Ungerechtigkeit unterstützen.
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