Warum ich meinem Mann vergeben habe, nachdem er mich & unsere Kinder verließ

Die Alarmglocken hätten läuten müssen, als mein Mann sich ein Glas Wein einschenkte, während ich in den Wehen lag und auf den Krankenwagen wartete. Selbst eine Woche später, als ich wieder zu Hause war, ist mir nicht klar gewesen, wie absurd sein Verhalten war.
Allerdings wird jede Frau, die einmal entbunden hat, bestätigen, dass man so kurz nach einer Geburt einfach nicht in der Lage ist, die Dinge nüchtern und mit Abstand zu betrachten. Ich war immerzu mit dem Baby beschäftigt und konnte weder an mich noch an meinen Mann denken. Aber warum konnte er eigentlich nicht an mich denken?
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Ich bin 35 und habe vergangenes Jahr mein zweites Kind bekommen – eines, das ich mir sehnlichst gewünscht habe. Von außen betrachtet sah es so aus, als würde ich eine ziemlich perfekte Familie haben: Eine zauberhafte Tochter, ein gesunder, neugeborener Sohn, ein tolles Zuhause und einen hart arbeitenden, liebenden und fürsorglichen Mann. Und dann lief hinter verschlossenen Türen plötzlich alles schief.
Nach der Geburt des ersten Kindes war mein Mann ein großartiger Vater, er war einfach perfekt. Aber man sagt, dass sich das nach dem zweiten Kind mitunter ändern kann. Ich erinnere mich, wie ich mit einer Freundin darüber sprach und sagte, dass mir das nun wirklich gar keine Sorgen machen würde. Alles, was mir Kummer bereitete, war die bevorstehende Entbindung. Was für ein glücklicher Trottel ich damals war!
Zwei Kinder zu haben, ist schwer genug. Zwei, die so kurz nacheinander kommen, ist aber noch schwerer. Aber im Nachhinein ist man bekanntlich immer klüger. Wenn man also aufeinanderfolgend zwei Kinder bekommt, ist die Wahrscheinlichkeit ziemlich hoch, dass man sich abends mit einem weinenden Baby auf dem Arm und einem verwirrten, bockigen Kleinkind an der Hand im Wohnzimmer wiederfindet. Sowohl ich als auch mein Mann waren emotional und physisch durch und bekamen jede Nacht nur ein paar Stunden Schlaf. Und dann ging es bergab.
Sobald die Elternzeit meines Mannes vorüber war, fühlte ich mich allein gelassen. Er arbeitete viel, machte Überstunden, ging nach dem Büro mit seinen Kollegen etwas trinken. Aber ich brauchte ihn dringender denn je. Ich konnte mich mit den zwei Kleinen kaum selbst über Wasser halten. Alles, was über die grundsätzliche Pflege der Kinder hinausging, war mir unmöglich. Ich würde nicht sagen, dass es eine postnatale Depression war, aber ich war maßlos überfordert. Unser Haus war eine Katastrophe. Ich war eine Katastrophe. Er war eine Katastrophe. Ich war so sehr mit den Kindern beschäftigt, dass ich gar nicht bemerkte, wie sehr sein Trinken außer Kontrolle geriet.
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Er trank schon während meiner zweiten Schwangerschaft merklich häufiger. Bevor die Kinder da waren, sind wir beide oft ausgegangen und haben gern gefeiert, ohne unsere Grenzen zu kennen. Aber das damals spielte es auch keine Rolle. Durch die Schwangerschaft und die anschließende Stillzeit hatte sich das für mich natürlich geändert. Ich hatte gar nicht die Energie, abends lange zu trinken oder mir am nächsten Morgen einen Kater zu leisten. Wenn ich nach dem ersten oder zweiten Glas Wein aufhörte, trank er noch ein oder zwei Flaschen weiter – an einem ganz normalen Freitagabend. Als seine Elternzeit vorbei war und er wieder zur Arbeit ging, trank er beinah täglich. Ich habe das nie als Reaktion auf unsere Lebenssituation betrachtet. Vielleicht zog ich es vor, es einfach nicht zu sehen.

Es war ein belangloser Streit, der alles auslöste.

Nach sechs Wochen und einem weiteren Streit packte er seine Tasche und ging aus dem Haus. Es war ein belangloser Streit, der alles auslöste, eine Folge kompletter Überforderung; kurze Zeit später wusste ich schon gar nicht mehr, worum es eigentlich ging. Und dann traf es mich wie ein Schlag: Nie im Leben hätte ich gedacht, dass dieser Mann die Kinder und mich verlassen würde. Erst recht nicht auf diese Art und Weise, ohne Vorwarnung, ohne Gespräch, ohne Erklärung. Plötzlich war er einfach weg und ich musste mit der Situation klarkommen.
Die erste Nacht ohne ihn war schrecklich. Immer wieder wachte eines der Kinder auf, ich konnte keine Ruhe finden. Wenn er in meiner Nähe war, hatte ich mich immer sicher gefühlt. Ich redete mir ein, er könne jeden Moment wieder durch die Tür kommen, er sei nur mal kurz raus gegangen, um sich zu beruhigen. Zwischendurch versuchte ich, ihn anzurufen und ihm zu texten, aber das Telefon klingelte nicht und meine Nachrichten kamen nie an. Er hatte meine Nummer blockiert.
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In den folgenden Tagen hatte ich einen Kloß im Hals, der nicht verschwand. Immer wieder musste ich Tränen zurückhalten, um nicht zusammenzubrechen. Ich fühlte mich verlassen und ignoriert und wollte schreien vor Frust, doch das konnte ich nicht, nicht vor den Kindern, die rund um die Uhr bei mir waren. Sogar meiner Familie konnte ich nicht gleich sagen, dass mein Mann fort war. Bis ich es seiner Familie sagen konnte, hat es sogar noch länger gedauert. Wie sich herausstellte, konnten sie ihn auch nicht erreichen. Er war unerreichbar – für alle.
Über die nächsten Monate hinweg schickten wir uns nur hier und da eine E-Mail. Während meine natürlich länger ausfielen, blieb er wortkarg. Doch das, was mich am meisten wurmte, war, dass er nicht einmal nach den Kindern fragte. Bei allem, was zwischen uns vorgefallen war, aber wie kann ein Mensch sich so wenig für seine Kinder interessieren? Wie konnte er es aushalten, sie nicht jeden Tag in die Arme zu schließen? Doch er war so wütend, so verbittert und böse auf mich, dass er sich nur mit viel Überzeugungskraft darauf einließ, die Kinder und mich an Wochenenden für ein, zwei Stunden im Park zu treffen. Für uns beide waren es schwierige und seltsame Zeiten.
Abgesehen von meiner Familie schaffte ich es damals nicht, mich jemandem aus unserem näheren Umfeld anzuvertrauen. Ich wollte nicht, dass meine Freunde erfuhren, dass mein Leben gerade zerbrach und meine scheinbar perfekte Familie nicht mehr existierte. Ich wollte nicht, dass man über uns redete. Also schottete ich mich ab, antwortete bestenfalls von Zeit zu Zeit auf Nachfragen, dass alles in Ordnung sei, ich aber schier überarbeitet und müde. Niemand schöpfte Verdacht.
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Und plötzlich stand er wieder da

Es folgten Monate, in denen sich alles zu Hause abspielte, was meine Kinder und ich zusammen unternahmen – nachts „Frozen“ auf DVD, Knabberkram gegen den Kummer, den ganzen Tag im Pyjama, alle zusammen in einem Bett. Nach einer Weile habe ich dann einen Rechtsanwalt kontaktiert, weil ich finanzielle Sicherheit brauchte und von meinem Mann keinen Rechnungen bezahlt wurden. Ich glaube, die ernsthafte Gefahr einer Scheidung hat ihn derart erschreckt, dass er wieder zu Sinnen kam. Aber es war natürlich nicht so, dass er einfach zurückkehrte und mir die Erklärung lieferte, warum er überhaupt fortgegangen war. Seine Wut verschwand nicht über Nacht – und meine Wut tat es auch nicht.
Er ging zu seinem Hausarzt und ließ sich starke Antidepressiva und Betablocker gegen Angstzustände verschreiben. Er fing außerdem mit einer Therapie an. Schmerzhaft langsam, aber sicher kam es mir so vor, als machten wir Fortschritte. Die Kinder ließen sich wieder auf ihn ein, beide hatten ihn ja über Monate immer nur für wenige Stunden gesehen.
Aber mir fehlten immer noch Antworten. In der Zeit, in der er fort war, hatte er Kredite aufgenommen, und ich wollte wissen warum. Dass Alkohol zu den Problemen zählte, war mir klar, und tatsächlich gab er es schließlich auch zu. Dann gestand er mir das Kokain. An einem normalen Arbeitstag fing er um elf Uhr morgens mit dem Trinken an, um dann am Abend mit Kokain den Rausch in die Nacht zu verlängern. Alles, um seine Wut und Angst zu betäuben. Ehrlich gesagt, hat mich das nicht wirklich überrascht, nicht nach allem, was ich in dem Jahr erlebt hatte. Er versagte bei der Arbeit, und für einen Mann, der früher so gepflegt war, sah er einfach schrecklich aus.
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Seitdem ist die Welt in meinen Augen sehr viel echter und ehrlicher geworden.

Manche Leute werden sich fragen, warum ich ihn zurückgenommen habe. Hauptsächlich war es wegen der Kinder. Während er heute versucht, unser Leben Tag für Tag ein Stückchen besser zu machen – die Schulden abzuzahlen, damit wir in ein größeres Haus ziehen können, damit wir mit den Kindern in Urlaub fahren können und ihnen eine glückliche Kindheit bieten –, habe ich inzwischen Hoffnung für unsere Zukunft. Er trinkt nicht mehr und ich habe inzwischen absolute Kontrolle über seine Finanzen. Wir müssen zwar noch an unserem gegenseitigen Vertrauen arbeiten, aber im Chaos des familiären Alltags sind wir, glaube ich, endlich auf dem richtigen Weg. Die Dinge sind nicht perfekt, aber der Unterschied ist, dass er heute in der Lage ist, seine Fehler zuzugeben, ohne dass es ihn aus der Bahn wirft.
Jemand sagte mal zu mir: „Eine Ehe ist alles andere als einfach. Damit sie funktioniert, musst du bereit sein, die Fehler des anderen zu akzeptieren, und dich auf seine Stärken konzentrieren.“ Sollte meinem Mann das noch einmal passieren, nehme ich ihn jedenfalls nicht zurück.
Vielleicht wird es auf lange Sicht funktionieren, vielleicht auch nicht. Aber mir hilft es, wenn ich mir vergegenwärtige, dass hinter all den zauberhaften Instagram-Post und Facebook-Updates, niemand das perfekte Leben führt.
Ich habe in mir eine Stärke gefunden, von der ich gar nicht wusste, dass ich sie hatte. Oft hört man Mütter sagen: „Ohne die Unterstützung meines Partners würde ich das alles nicht schaffen.“ Ich weiß, dass ich früher auch solche Sätze gesagt habe, und damals hatte ich erst ein Kind. Aber du kannst es schaffen, viele Eltern schaffen es. Ich habe es geschafft.
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