„Je härter die Zeiten, desto wichtiger, den Leuten ein gutes Gefühl zu geben.”

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Mit Songs wie „Hungriges Herz“ oder „Tanz der Moleküle“ haben sich MIA. ab Anfang der 2000er den Ruf einer der eigenwilligsten und polarisierendsten Formationen innerhalb der deutschsprachigen Musik erspielt. 2017 feiert das Berliner Quartett um Frontfrau Maria Mummert alias Mieze Katz sein mittlerweile zwanzigstes Bandjubiläum. Refinery29 Germany sprach mit der 38-jährigen Sängerin über ihre Entwicklung von der einstigen Postpunk-Göre zur First Lady des Deutschpop.
Refinery29: Zwei Dekaden sind im Popgeschäft eine verdammt lange Zeit. Wie hast du diese Jahre wahrgenommen?
Maria Mummert: Als eine sehr, sehr lange Zeit. Es gab in meinem Leben bisher nur wenige Beziehungen zu anderen Menschen, die so lange Bestand hatten. Die Beziehung zu meinen Eltern zum Beispiel, aber dann hört es auch schon auf. Wir haben weder unser 5-jähriges, noch unser 10-jähriges Jubiläum gefeiert. Aber das 20-Jährige ist für uns etwas Besonderes, das wir bewußt feiern wollen. Wir haben uns deshalb gewünscht, unsere Musik durch die Augen anderer Künstler wie Balbina, Gregor Meyle oder Madsen wahrnehmen zu dürfen.
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Hast du bei der Bandgründungmit einer derartig langen Karriere gerechnet?
Ich war mir ziemlich sicher, dass die Band mindestens 100 Jahre existieren würde. Ein Fünftel haben wir jetzt hinter uns. Aber ernsthaft: Ich lege Dinge gerne auf lange Sicht an und bin mit der festen Einstellung gestartet, diese Band für immer zu machen. Damals war ich 18; bisher habe ich mich an jedem Tag wieder neu für das Leben in dieser Band entschieden.
Gab es auch einen Plan B?
Nein. Ich kann alles machen, das ist das Tolle bei MIA. Ich liebe Hörbücher, ich liebe Bücher, ich liebe es, zu schreiben. Ich habe zwischendurch auch für andere Künstler geschrieben. In dieser Band hält mich niemand davon ab, mich auch abseits zu verwirklichen. Wenn ich etwas anderes machen möchte, ist dafür immer Zeit und Raum.
Wie haben deine Eltern reagiert, als du ihnen damals deinen neuen Lebensweg in MIA. eröffnet hast?
Insgesamt haben mich meine Eltern sehr unterstützt. Ich hatte schon früh den Hang zu wilder und exzentrischer Klamottengestaltung; meine Eltern haben mich aber niemals gebremst. Ich kann mich noch an ein besonders schönes Outfit aus meiner Schulzeit erinnern: Rote Strumpfhose, eine beige Cordhose, die an der Seite komplett aufgerissen war und von vielen Sicherheitsnadeln zusammengehalten wurde, dazu ein grünes Trikot mit einer weißen 10. Meine Eltern hatten an diesem Look nichts auszusetzen, aber meine beste Freundin hat mich nachmittags gefragt, ob ich tatsächlich so in die Schule gegangen wäre.
Du hast eine klassische Gesangsausbildung an einem eher konservativen Haus genossen...
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Der Drang, mich auszudrücken, wurde von meinen Eltern unterstützt. Viele Eltern hätten ihre Kindern sicher in solch einem Aufzug nicht zur Probe gehen lassen. Sie haben schon früh erkannt, wie wichtig mir die Musik ist und dass die Klassik nicht wirklich mein Lebensgefühl reflektierte. Ihnen war es wichtig, mit mir gemeinsam Lösungen zu erarbeiten, wie man finanziell eine Musikkarriere stemmt. Ich habe dann eine Zeit lang bei einem Musical an der Garderobe gearbeitet. Mein Chef hatte den Nachnamen Möse. Daran kann ich mich noch erinnern.
Würdest du sagen, du bist heute „erwachsener“, als zu Gründungszeiten von MIA.?
Ich bin zu nah dran und habe gar nicht genug Abstand zu mir selbst, um das beurteilen zu können. Es sieht vielleicht so aus, als hätte der Lauf der Zeit die Zähne ein wenig stumpfer gemacht. Ich glaube, es geht darum, Dinge immer wieder anders zu machen. Das setzt sich auch in der Band fort: Wir wollen uns nicht wiederholen. Wir sind nicht AC/DC, die 40 Jahre lang ohne große Weiterentwicklung durchziehen. Und das meine ich ganz wertungsfrei. Das ist bei MIA. einfach nicht möglich. Sobald sich die Chance bot, etwas Neues auszuprobieren, möglicherweise sogar etwas, wovor uns die Leute gewarnt haben, haben wir es erst Recht getan.
MIA. waren Ende der 90er Jahre die erste Band innerhalb der deutschsprachigen Musik, bei der wieder eine Frau am Mikro stand. Kannst du dich noch an das Lebensgefühl erinnern?
Die Bezeichnung „Sturm- und Drangzeit“ passt super schön auf diese Zeit. Das reflektiert sehr gut unsere Lebenseinstellung und auch die besondere Lebensenergie, die heute immer noch Teil meiner Gefühlswelt ist. Damals brach dieses „Sturm- und Drang“-Gefühl mit größtmöglicher Wucht aus. Es gab aber auch Gegenwind. Uns wurde ständig vorgehalten, wir wären nicht Fisch, nicht Fleisch. Nicht Mainstream und nicht Underground. Für Tocotronic-Hörer waren wir zu kommerziell, für Fanta 4-Fans zu schräg.
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Was war der wichtigste Ratschlag, den du in den vergangenen zwanzig Jahren bekommen hast?
Die Perspektive zu ändern: Die Sicht von außen nach innen wenden. Ich übe einen Beruf aus, bei dem viele Menschen der Meinung sind, sie müßten meine Arbeit kommentieren, werten oder sich auf andere Weise mitteilen. Man bekommt unglaublich viele Ratschläge, was vermeintlich gut für einen wäre oder welche Dinge man unbedingt ausprobieren sollte. Der beste Ratschlag war, dem nicht um jeden Preis gerecht werden zu müssen, sondern lieber auf seine eigenen Bedürfnisse zu hören. Seinem Herzen und seinem Bauchgefühl zu folgen.
Ist es schwer gefallen, dir so ein dickes Fell zuzulegen?
Ich habe gar keines. Aber ich kann heute besser mit all diesen „guten Ratschlägen“ leben und brauche auch gar kein dickes Fell. „Sich ein dickes Fell zuzulegen“ gehört im übrigen auch zu den guten Ratschlägen, die man immer wieder bekommt. Ich denke, ich bin immer noch so emotional und sensibel, wie ich auf die Welt gekommen bin.
Hast du musikalische Vorbilder?
Nein. Mich hat früher weder Radio, noch Musikfernsehen interessiert. Ich habe sehr spät angefangen, Musik zu hören. Ich hatte eher klassische Einflüsse. Erst, nachdem mein Gesang mit den Acts der Neuen Deutschen Welle verglichen wurde, habe ich begonnen, mich überhaupt mit Nina Hagen oder Nena zu beschäftigen. Heute muss ich immer noch schmunzeln, wenn ich mich im „Alles neu“-Clip mit diesen breiten Schulterpolstern, der gelben Strumpfhose und dieser New Wave-Frisur sehe. Ich wußte damals nicht, dass es total 80er-Jahre-Style ist. Ich habe damals auch nicht gewußt, was man üblicherweise mit Schlaghosen assoziiert. Später habe ich angefangen, diese modischen Zitate sehr bewußt und sehr plakativ einzusetzen.
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Wie stehst du zu deiner eigenen Vorbildfunktion als Künstlerin?
Es gibt viele Frauen, denen wir Mut machen. Wenn ich Fehler während der Show mache, thematisiere ich das auch. Unser Credo ist: Egal, wie du bist – du bist gut genug, es ist alles in Ordnung! Je härter die Zeiten werden, desto stärker ist mein Bedürfnis, dem bei unseren Konzerten etwas entgegen zu setzen! Bei unseren Auftritten kommen so viele verschiedene Menschen zusammen; mir geht es darum, Selbstvertrauen zu schenken und den Leuten ein gutes Gefühl zu geben. Unsere Musik ist sozusagen der Soundtrack.
Mehr Mut zum Fehlermachen?
Natürlich! Wir leben in einer Gesellschaft, in der Fehler oft unverzeihlich sind. Wer Fehler macht, muss dafür bezahlen. Ich bin sehr entspannt im Umgang mit Fehlern geworden und möchte Menschen sogar dazu ermutigen, auch mal Fehler zu machen. Fehler sind nichts Schlimmes. Lieber einmal mutig sein, Fehltritte in Kauf nehmen und daraus lernen, als sein ganzes Leben auf Nummer sicher zu gehen und so das Schönste zu verpassen. Und vielleicht später Dinge zu bereuen, weil man gewisse Sachen nicht getan hat. Das täte mir leid. Ich glaube nicht, dass wir dafür auf der Welt sind.
Ab Anfang April 2018 gehen MIA. auf große „Nie wieder 20“-Tour durch Deutschland.

Lieber einmal mutig sein, Fehltritte in Kauf nehmen und daraus lernen, als sein ganzes Leben auf Nummer sicher zu gehen und so das Schönste zu verpassen.

MIA.
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