Migräne: Verhaltenstherapie statt Medikamente – hilft das wirklich?

Photographed by Megan Madden.
Migräne habe ich seit meinem 14. Lebensjahr und behandle sie, seit ich denken kann, mit Medikamenten. Seit meiner ersten Regelblutung, die an sich ja schon als Geschenk während der Pubertät reichen würde, kamen da noch diese kaum auszuhaltenden Schmerzen am Kopf, die bis in meine Augen vordrangen. Dann begann der Ärztemarathon. Zuerst wurde ein Gehirntumor ausgeschlossen und dann relativ schnell festgestellt, dass meine Attacken hormonell bedingt sind. Sobald ich meine Tage bekam, hatte ich zuerst ein paar Tage lang Spannungskopfschmerzen, danach kam die Migräne. Mein Frauenarzt verschrieb mir die Pille, doch in den Pausen quälte ich mich immer wieder durch die mehrtägigen Schmerzen und Übelkeit. Um einen relativ konstanten Östrogenspiegel zu halten, begann ich die Pille vor etwa fünf Jahren auf Rat meines Gynäkologen durchzunehmen, ohne darüber nachzudenken, was das mit meinem Körper machte. Trotzdem hatte ich ab und zu Migräne. Ab zum Neurologen also. Sein Tipp nach der Trigger-Diagnose: „Minimieren Sie Stress und versuchen Sie, einen geregelten Tagesablauf zu führen. Merken Sie die Attacke kommen, nehmen Sie Triptane, die die Gefäße im Hirn verengen.“ Stress minimieren? Das hörte sich sehr vage an und selbst wenn ich gewusst hätte, wie, war davon mitten im Studium mit zwei, manchmal drei Nebenjobs nur zu träumen. Meine Tage begannen um acht Uhr morgens und endeten um ein Uhr nachts in der Bar, in der ich arbeitete. Ich wusste, ich konnte meinen Tagesablauf noch nicht ändern, also ging ich erneut zum Neurologen und fragte nach einer provisorischen Lösung. Topiramat ist eigentlich ein Anti-Epilepsiemittel, das allerdings vielen Migränepatient*innen hilft. Ich las viel Gutes darüber und war voller Hoffnung.
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Anti-Epilepsiemittel, Anti-Baby-Pille & Triptane gegen Migräne

Es half vorerst aus dem einfachen Grund, dass ich dachte, ich würde etwas nehmen, das mir tatsächlich Linderung bringen würde. Das Problem mit diesem Medikament war, dass es die Wirkung meiner Pille schwächte. Zwischenblutungen läuteten erneute Attacken ein. Zu dieser Zeit hatte ich einen festen Freund, wollte jedoch nicht schwanger werden. Also beschloss ich gemeinsam mit meinem Arzt, das Medikament wieder abzusetzen. Nur wenige Tage später lag ich mit einer nicht enden wollender Attacke beim Notarzt. Heute, retrospektiv und mit mehr fundiertem Wissen, kann ich mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit sagen, dass der Behandlungsversuch mit Topiramat mehr mental ablief als körperlich. Und auch das Durchnehmen der Pille wirkte wie ein schützendes Tuch. Wenn ich eine Pause machte, bereitete ich mich im Kopf schon auf die kommende Migräne vor, wartete praktisch darauf. Nahm ich das Anti-Epilepsiemittel, dem ich vertraute, ging es mir besser – der klassische Placebo-Effekt.

Diese Therapieverfahren gehen davon aus, dass unser Denken einen großen Einfluss darauf hat, wie wir uns fühlen, verhalten und körperlich reagieren.

Dr. Doris Wolf, Psychotherapeutin
Heute, mit 27 Jahren schleiche ich die Pille aus. Das bedeutet, dass ich über einige Monate eine halbe Tablette statt einer ganzen nehme, um einen Hormoncrash zu verhindern – natürlich alles ärztlich begleitet. Zusätzlich versuche ich die Dinge, die ich während meiner langen Migräne-Geschichte als positiv kennengelernt habe, zu implementieren. Neben der automatischen Stressminimierung dank nur eines Jobs, Meditation, Ausdauersport, einem regelmäßig geführten Kopfschmerztagebuch, das ich über die App M-sense ganz einfach von unterwegs ausfüllen kann und einer täglichen Dosis von 600mg Magnesium, habe ich begonnen, mich über kognitive Verhaltenstherapie zu informieren.

Mind over Matter – hilft das wirklich bei Migräne?

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Ich stieß darauf, als ich einen Artikel unserer amerikanischen Refiner29-Kollegen*innen las. Darin erwähnte die Autorin eine Studie des Journals Headache, für die 232 Migränepatienten, bei denen eine präventive Behandlung nicht ansprang, mit einer Verhaltenstherapie oder einer Kombination aus beidem behandelt wurden. Ergebnis des Versuchs war, dass sich die kognitive Verhaltenstherapie als genauso wirksam herausstellte wie die Prophylaxe. Eine Mischung aus beidem war am effektivsten. Mein Neurologe sagte zwar immer, dass man sich Migräne nicht ein- oder ausbilden kann, aber darum geht es hier auch nicht, sondern um die „bio-psycho-sozialen Zusammenhängen bei der Entstehung der Migräneerkrankung“, erklärt Stefka Lysk, psychologische Psychotherapeutin. Weiter sagt sie: „In einer Psychotherapie geht es darum, einen besseren Umgang mit den Kopfschmerzen zu entwickeln und den möglichen psychischen Ursachen auf die Schliche zu kommen. Auch kann dir die Psychotherapeutin helfen dein Stresslevel zu reduzieren.“ Die Wirksamkeit der relativ neuen Methode bestätigt auch die Ärztezeitung. Eine Kollegin aus den USA hat die Therapie getestet und erlebt die längste attackenfreie Phase seit Beginn ihrer Beschwerden: „Ich habe das Gefühl die Wunderbehandlung gefunden zu haben – zumindest für mich.“
Beim Lesen ihrer Erfahrungen konnte ich total mitfühlen, denn Migräne spielt sich auch bei mir nicht nur neuronal, sondern auch emotional sehr viel im Kopf ab. „Fangen die Schmerzen wieder an, leiden viele Migränebetroffene auch an Ängsten, depressiven Verstimmungen oder Hilf- und Hoffnungslosigkeit. Migräneattacken und Spannungskopfschmerzen können einen auch sehr stark im Alltag einschränken – und das kann Angst machen.“ Diese in den Griff zu bekommen und die negativen Gedanken der Erkrankung, für die es bis heute keine Heilung gibt, zu positiven oder neutralen umzupolen, ist das Ziel der Therapie. Mein Termin steht und ich werde berichten. Schädlicher als die Pille über fünf Jahre durchzunehmen kann eine Gesprächs- und Entspannungstherapie in keinem Fall sein.
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Eine Liste mit zertifizierten Therapeuten für spezielle Schmerzpsychotherapie findest du hier.
Weitere hilfreiche Texte zum Thema Migräne findest du hier:

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