Was es für uns restliche Migranten bedeutet, dass sich der Hass so stark gegen Muslime richtet

Dieser Artikel erschien zuerst bei Huffington Post  
Illustration: Delucca Paola
Meine gesamte Kindheit über musste ich mir Sprüche über mein Herkunftsland Polen anhören: Wir klauen, wir saufen, wir sind bestenfalls gute Handwerker. Seitdem aber der Islamhass in Deutschland gewachsen ist, habe ich den Eindruck, dass wir Polen verschont bleiben. Jetzt seid es ihr, liebe Muslime, die den Hass vorrangig ertragen müsst, während andere Gruppen und Nationalitäten vergleichsweise aus dem Blickfeld geraten. Es ist unfassbar, welche Anschuldigungen ihr euch tagtäglich anhören müsst. Ihr wolltet niemals der Sündenbock der Nation sein und sicherlich habt ihr nichts dafür getan, um das zu verdienen.

Rassismus ist kein neues Problem

Meine Eltern kamen in den 80er-Jahren aus politischen Gründen nach Deutschland, ich bin hier geboren, hier aufgewachsen und kenne Polen höchstens aus Urlauben. Mein Polnisch ist nicht akzentfrei und meine Mutter sagt immer: “Du bist Deutsche.”
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Dennoch hat mein Umfeld mir stets bewusst gemacht, wo meine Wurzeln sind – und zwar meist auf keine positive Art. Ich erinnere mich an wildfremde Menschen, die auf der Straße an meine Eltern und mich herantraten und uns befahlen, gefälligst deutsch miteinander zu sprechen.
Ich kenne sämtliche Polenwitze auswendig: “Morgens, halb zehn in Polen – hey, wer hat mein Knoppers geklaut?” Jaja, haha.
Ich weiß noch, dass ich es als Kind doof fand, eine polnische Familie zu haben. Wenn ich schon eine zweite Sprache fließend konnte, warum dann nicht so etwas Sinnvolles wie Englisch oder Französisch? Polnisch fanden alle lustig bis hässlich.

Die Deutschen fühlen sich überlegen

Warum konnte ich nicht aus einem Land stammen, das mehr beheimatete als Diebe, Alkoholiker und Spargelstecher? Seit jeher schienen Deutsche sich ihrem östlichen Nachbarn gegenüber überlegen gefühlt zu haben – weder Politik noch Kultur konnten daran jahrzehntelang etwas rütteln.
Obwohl Polen mit derzeit 1,25 Millionen Einwanderern und 1,6 Millionen Menschen mit polnischem Migrationshintergrund die zweitgrößte Migrationsgruppe bilden, war der wohlwollende Blick der Deutschen stets gen Westen gerichtet. Bis vor einigen Jahren zumindest.
Spätestens im Studium lernte ich Leute kennen, die mir von der polnischen Küche vorschwärmten oder die Gastfreundlichkeit meiner Landsleute lobten. Warschau, Krakau oder Danzig wurden zu beliebten Urlaubszielen, einige meiner Kommilitonen haben sogar ein Auslandssemester in Polen verbracht. Erst letztens erzählte mir eine Freundin, dass sie an der Uni mal einen Polnischkurs belegt hat, weil sie die Sprache so schön findet.
Seit mindestens zehn Jahren sind die üblichen Reaktionen auf meine Herkunft nicht mehr: “Leute, versteckt eure Wertsachen!”, sonder eher: “Wow, wie spannend – kannst du mir ein paar Worte Polnisch beibringen?”
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Die Vorurteile verschwinden, jedenfalls die gegenüber Polen

Selbst eine Langzeitstudie der Bertelsmann Stiftung belegt, dass das Bild Polens in Deutschland seit 2006 immer positiver wird. Die Vorurteile werden schwächer, so werden Polen in den letzten Jahren zunehmen als freundlich, gebildet und modern beurteilt.
Nun könnte man glauben, dass diese Entwicklung von einer allgemein voranschreitenden Weltoffenheit zeugt – das Deutschland des 21. Jahrhunderts könnte zunehmend frei von Rassismen sein. Ist es aber nicht.
Die Ressentiments verlagern sich lediglich, und Muslime trifft es derzeit am stärksten.

Muslime sind der Lieblingsfeind der Nation

Kaum ein Tag vergeht, an dem nicht über islamistischen Terror, Flüchtlinge aus muslimischen Ländern oder Kopftuchverbot berichtet wird.
Die Berichterstattung aus dem Nahen Osten ist einseitig und trägt dazu bei, dass sich in unseren Köpfen ein Bild des “Muslims” formt, eines mindestens potenziellen Terroristen, der mit seiner unterdrückten und von Kopf bis Fuß verschleierten Frau lauter kleine Nachkommen produziert, um Deutschland zu islamisieren – “Geburten-Dschihad” und so.
Bei diesem Bild, vor dem gerade so gerne gewarnt wird, werden sämtlich Merkmale wie Herkunft, Religion und Bildungsgrad in einen Topf geworfen.
Heraus kommt ein einheitlicher, beängstigender Brei, der droht, die abendländische Kultur auszulöschen – egal ob die Bestandteile aus Ägypten oder Saudi-Arabien stammen, ob sie sunnitisch oder alevitisch oder religiös oder nicht-religiös sind.

Die Deutschen halten den Islam für gefährlich

Dieses Bild baut sich seit den letzten Jahren zunehmend bedrohlich vor uns auf, gerade in Deutschland steigt die Islamophobie.
Schon 2012 wurde der Islam hierzulande als gefährlicher wahrgenommen als zum Beispiel in Frankreich oder Großbritannien.
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Einer Studie nach empfanden die Befragten hierzulande den Islam damals zu 53 Prozent als sehr bedrohlich oder bedrohlich.
► 2015 waren es schon 57 Prozent.
Seitdem ist die Angst vor dem Islam immer weiter gestiegen; das bemerkte zum Beispiel auch die Journalistin Andrea Backhaus, deren Rechercheschwerpunkt Naher Osten auf immer weniger Begeisterung stößt:
“Wenn ich früher im privaten Kreis von meinen Recherchen im Nahen Osten erzählte, sagten die meisten: ‘Das ist aber interessant.’ Heute ist es: ‘Du Arme. Und das als blonde westliche Frau.’”
Die positive Entwicklung, die ich mit meinen polnischen Wurzeln in den letzten Jahren erfahren habe, erleben Muslime nun genau umgekehrt, sogar noch verschärfter – mir wurde zumindest niemals unterstellt, mich in die Luft sprengen zu wollen, ich hätte höchstens dein Handy geklaut.

“Der Islam gehört nicht zu Deutschland”

Dabei fühlen sich die bis zu 4,7 Millionen in Deutschland lebende Muslime mehrheitlich integriert und befürworten demokratische Regierungskonzepte.
Viele von ihnen leben liberal, gehen feiern, trinken Alkohol, setzen sich für Frauenrechte ein und distanzieren sich von religiösen Fanatikern genauso wie Christen.
Dennoch scheinen Muslime noch nicht in Deutschland angekommen zu sein. Erst kürzlich hat Horst Seehofer pünktlich zum Amtsantritt betont, der Islam gehöre nicht zu Deutschland – und seine Meinung teilt etwa die Hälfte der deutschsprachigen Bevölkerung.

Natürlich ist der islamistische Terror in der Welt real.

Natürlich wütet der Islamische Staat gerade im Nahen Osten, Menschen werden im Namen Allahs getötet oder gefoltert. Frauen werden teilweise unterdrückt oder gar verstümmelt. Die Horrornachrichten, die täglich zu uns dringen, sind nicht falsch.
Wenn ein religiöser Fanatiker sich in die Luft sprengt und dabei dutzende oder gar hunderte von Menschen mit in den Tod reißt, ist das höchstgradig zu verurteilen, egal welcher Religion er angehört. Keine Frage.
Und Tatsache ist, dass bei Attentaten solcher Art Islamisten gerade Platz eins belegen.

Pauschalverurteilung aller Muslime

Für die verhältnismäßig kleine Gruppe von (potenziellen) Terroristen muss nun jedoch eine Gruppe mit Millionen von Mitgliedern leiden – eine Gruppe, die aufgrund ihrer Herkunft, Gesinnung und auch Religiosität unterschiedlicher nicht sein könnte, aber dennoch unter dem Stichwort “Muslim” verächtlich zusammengefasst wird.
Bei dem ganzen Hass auf den Islam scheint den Deutschen (und teils auch anderen hier lebenden Migrantengruppen) keine Energie mehr zu bleiben, um weitere Völkergruppen nachhaltig zu verachten.
Mehr noch: Die Polen ziehen in Sachen Islamophobie kräftig mit, befeuert von der Regierungspartei PiS. Die ehemaligen Spargelstecher und Putzhilfen helfen nun beim Hassen, Westen und Osten haben nun einen gemeinsamen Feind. Wie schön.
Liebe Muslime,
es tut mir leid, dass ihr gerade so viel Abneigung erfahren müsst. Es tut mir leid, dass diejenigen von euch, die seit Jahrzehnten integriert sind, Familien gegründet und gearbeitet haben, gleichgesetzt werden mit gefährlichen Fanatikern, weil ihr vielleicht ein Herkunftsland oder eine Religion oder vielleicht auch nur die Hautfarbe teilt.
Ich wünsche euch,
dass die Menschen bald einsehen, dass sie euch alle nicht für die schrecklichen Taten einiger weniger verantwortlich machen können – und ich wünsche uns allen, dass Deutschland sich, wenn der Hass vorbei ist, keinen neuen Sündenbock mehr sucht.
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