Sag deine Pläne wieder ab: Warum Zuhausebleiben das neue Feiern ist

Wie sieht dein perfekter Freitag aus? Auf den Tischen tanzen und mit Hotties flirten oder asiatisches Essen bestellen und es dir mit einem Gläschen Wein auf dem Sofa gemütlich machen? Antwort B? Dann geht es dir wie ziemlich vielen Millennials.
Tatsächlich liegst du damit gerade voll im Trend! Eine neue Umfrage des Marktforschungsunternehmens Mintel zeigt, das 28 Prozent der 24-31-Jährigen (und 55 Prozent aller US-Amerikaner*innen) lieber in der eigenen Wohnung trinken. Sorry, liebe Barhopper und Party People: Ihr seid offiziell in der Minderheit.
Warum viele die eigenen vier Wände nicht verlassen wollen? Zum Beispiel deshalb, weil sie sich nach einem entspannten Umfeld sehnen. 74 Prozent der Befragten wollen ihren Feierabend nicht in einem überfüllten, stickigen Club verbringen, in dem sie ständig angerempelt werden, billige Anmachen abwehren müssen und Bier auf die Klamotten gekippt bekommen. 69 Prozent gehen nicht aus, weil sie Geld sparen müssen oder wollen, und 38 Prozent entscheiden sich bewusst dagegen, weil es ihnen so leichter fällt, weniger Alkohol zu trinken.
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Der für die Mintel-Umfrage zuständige Senior Foodservice Analyst Caleb Bryant sagt, es gibt keine genauen Daten, die einen Zusammenhang zum Onlinedating aufzeigen. Doch für die Millennials, mit denen wir gesprochen haben, ist es einer der Hauptgründe. Nennen wir es einfach mal den Netflix-and-Chill-Faktor. „Das ist doch das Geile an Netflix: Du kannst es dir auf der Couch bequem machen, binge-watchen und so viel Billigwein trinken, wie du willst. Warum sollte ich da mein Haus verlassen? Ich kann mir doch auch einfach jemanden einladen und mit ihr*ihm bei mir abhängen“, erzählt uns Jenifer Golden, die sich selbst als „älteren Millennial“ bezeichnet und Teil des Duos hinter dem Podcast It’s Complicated und dem Instagram-Account @TwoDrunkGirls ist.
Auch, wenn Millennials oft vorgeworfen wird, dass sie ihr Geld zu leichtfertig ausgeben und es für Luxusfood wie Avocado-Toast aus dem Fenster werfen (oder für eine Wohnung, die größer ist als ein Schuhkarton), war „Sparen“ tatsächlich eine der häufigsten Antworten bei unserer eigenen, inoffiziellen Umfrage. Und egal, wie abgefuckt die Eckkneipe ist – mit den Supermarktpreisen kann sie trotzdem nicht mithalten.
Auf der anderen Seite zeigt die Studie von Mintel auch, dass wir zwar weniger ausgehen, aber dafür mehr ausgeben: Wenn wir doch mal ausnahmsweise das Haus verlassen, sind wir nämlich bereit dazu, mehr Geld für fancy Drinks zu bezahlen. Wenn wir uns schon vom Sofa hochquälen, uns was anderes als einen Pyjama anziehen und mit anderen Menschen sprechen, ist das doch Grund genug, die Korken knallen zu lassen – der ganze Aufwand soll sich schließlich auch gelohnt haben.
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„Die Nachfrage bei Alkohol steigt vor allem bei teureren Spirituosen“, erzählt Bryant. „Außerdem werden die Millennial langsam älter. Sie haben mehr Geld zur Verfügung und werden mutiger, was das Konsumverhalten angeht. Sie trinken generell weniger Alkohol als andere Generationen. Aber eben weil sie weniger trinken und gleichzeitig trotzdem eine gute Zeit haben wollen, entscheiden sie sich für teure Drinks“.
Peter Sim ist 30 Jahre alt, lebt in New York und arbeitet im Finanzwesen. Er ist einer der wenigen Leute, die ich finden konnte, die den Ergebnissen der Umfrage nicht zustimmen. „Besonders die Millennials, die in der Großstadt leben, müssen sich überlegen, für was sie Geld ausgeben wollen. Weil die Mieten immer teurer werden, müssen wir in richtig kleinen Wohnungen leben. Für mich ist es deswegen essentiell, mein Apartment so oft wie möglich zu verlassen, unter Leute zu kommen und alles zu genießen, was die Stadt zu bieten hat. Und ich treffe auch einfach immer noch gern neue Menschen“.
Um noch mal auf die Studie zurückzukommen: Mintel definiert „Ausgehen“ als den Besuch eines öffentlichen Orts, an dem Alkohol verkauft wird – wie Bars, Clubs, Konzertsäle oder Restaurants. Interessanterweise sinkt zwar die Zeit, die wir dort verbringen, gleichzeitig steigt aber die Zeit, in der wir zu Hause Gäste entertainen. Schließlich ist das der perfekte Mittelweg: Du musst weder 15 Euro Eintritt bezahlen und deinen Freunden den ganzen Abend ins Ohr brüllen, noch sitzt du alleine vor deinem Computer und starrst apathisch auf den Bildschirm, bis du irgendwann auf der Tastatur einpennst. Stattdessen kannst du in der eigenen Wohnung zusammen mit deinen Freund*innen trinken, in normaler Lautstärke quatschen und, ohne anstehen zu müssen, auf ein sauberes Klo gehen. Socializen und Geld sparen – wenn das mal nicht die perfekte Kombi ist. Vielleicht ist bei Freund*innen abzuhängen, Cocktails zu mixen, überteuerten Käse zu essen und dabei Tabu zu spielen tatsächlich der goldene Mittelweg.
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Für DIY-Fans, die nicht nur jederzeit und überall Filme schauen, Musik hören und daten können, sondern auch Zugriff auf Rezepte, Life Hacks und Party-Inspiration haben, macht das Konzept besonders Sinn. „Heutzutage lieben wir es einfach, alles selbst zu machen – unsere eigenen Erfahrungen, unsere eigenen Cocktails, einfach alles“, sagt Lifecoach, Unternehmerin und Millennial-Marketing-Strategin Chelsea Krost. „Wir nutzen den gesamten Content, den wir auf unseren Social-Media-Kanälen finden. Wir lassen uns von Fotos und Influencern inspirieren und kochen Rezepte nach“. Und das geht natürlich nur zu Hause und nicht im Club.
Also einfach irgendwelche Leute einladen und schon geht's los?
Bei einer Sache müssen wir Peter Sim Recht geben: Gemütliche Hauspartys sollten wir nur mit Leuten feiern, die wir wenigstens einigermaßen gut kennen. Wenn wir Kolleg*innen, Bekannte oder mögliche Partner*innen in die eigenen vier Wände – und damit unsere Privatsphäre – einladen (oder zu ihnen gehen), sind wir einfach nicht so tiefenentspannt und locker. „Besonders bei Kolleg*innen, die wir vielleicht nur ungern zu uns einladen wollen, machen After-Work-Drinks in einer Bar auf jeden Fall mehr Sinn“, so Sim.
Hater könnten meinen, dass das gar kein so neuer Trend ist, sondern einfach nur Faulheit. Allerdings hält Bryant das für den größten Irrglauben, der seit der Veröffentlichung der Umfrageergebnisse aufgetaucht ist. Er meint, das Ganze hätte nichts mit weit verbreiteten, aber größtenteils ausgedachten Konzepten wie vermeintlichem „Millennial Entitlement“, also dem überragenden Anspruchsdenken der Millennials, oder „Rampant Unprofessionalism“, der zügellose Unprofessionalität, zu tun.
Auch wenn die Anti-Ausgehkultur genauso feuchtfröhlich und ausschweifend ist wie die Ausgehkultur, ist durch sie eine neue Spießigkeit entstanden. Und die wird durch die selben sozialen Plattformen verewigt, auf denen vorher die unglaublichsten, glamourösesten Partynächte festgehalten wurden. Hat jemand – deren gesellschaftliches Leben dem eine Achzigjährigen gleicht – schon mal etwas zu dir gesagt hat wie „Ich weiß, ich bin so eine Oma, aber ich liebe es einfach, zu Hause zu bleiben“? Dann weißt du vielleicht, was ich meine. Mittlerweile ist es nämlich sogar cool, nicht auszugehen. Oder zumindest ist es nicht uncool.
„In jeder Generation ­– und da ist mir die Altersgruppe wirklich egal – gibt es immer ein großes Spektrum von Leuten“, so Krost. Während es Leute gibt, die einfach Spaß am Feiern haben und schnell einen guten Draht zu fremden Menschen herstellen können, haben andere womöglich das Gefühl, ausgehen zu müssen, „weil sie sich nur dann bestätigt fühlen und die Aufmerksamkeit brauchen. Wieder andere sind selbstsicher und haben eben auch kein Problem damit, alleine zu netflixen.“
Wurden wir alle im Schlaf von einer guten Fee besucht, weshalb wir uns auf einmal super selbstbewusst und pudelwohl in unserer Pyjama-Uniform fühlen? Oder tun die ganzen extrovertierten Dancing Queens und Kings auf einmal alle nur so, als würden sie Monopoly cool finden? Wir wissen es nicht. Sicher ist nur, dass die Schlange vor dem Club, in den du dich bisher nie getraut hast, mittlerweile richtig kurz ist. Nicht, dass du überhaupt noch hingehen willst, aber wir wollten es nur mal gesagt haben – just in case.
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