Wie du als erwachsene Frau am besten mit deinen Eltern streitest

photographed by Megan Madden
Die Sitzordnung auf einer Hochzeit. Wäsche. Weihnachtsessen. Donald Trump. Liebe. Enkelkinder. Sprachnachrichten. Die Wandfarbe im Schlafzimmer. Feminismus. Geburtstagsgeschenke. Die Zeitabstände zwischen Telefonaten. Freizügige Frauen. Tomaten. Das sind nur einige der Themen, über die sich die erwachsenen Frauen, mit denen ich für diesen Artikel gesprochen habe, in letzter Zeit mit ihren Eltern gestritten haben. Um uns mit unseren Eltern zu zanken, dafür sollten wir doch mittlerweile alle zu alt sein. Eine kurze Umfrage unter Frauen über 20 in meinem Umfeld ergab jedoch: Wir sind offensichtlich niemals zu alt, um „Mama, jetzt reicht es aber!“ zu brüllen.
Wenn du dich mit deiner Mutter oder deinem Vater, oder beiden zusammen, streitest, solltest du eins wissen: Du bist damit nicht allein. Ich habe über Social Media nach Leuten gesucht, die als Erwachsene immer noch in regelmäßige Auseinandersetzungen mit ihren Eltern geraten. Das Ergebnis war überwältigend. Es gibt eine ganze Menge Leute da draußen, bei denen die jahrelangen Konflikte einfach unlösbar scheinen. Viele Frauen, mit denen ich geredet habe, sagten, dass sie sich wieder wie Teenager fühlen, wenn sie sich mit ihren Eltern streiten, und dass diese Streitigkeiten anders sind als alle, die sie sonst führen. Die 32 Jahre alte Fiona erzählt: „Meistens drehen sich unsere Auseinandersetzungen darum, dass ich mich von ihnen bevormundet fühle. Sie behandeln mich einfach immer noch wie ein Kind und nehmen meine Meinung nicht ernst. Und da ich wie ein Kind behandelt werde, verhalte ich mich dann auch wie eins.“
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Wäsche. Weihnachtsessen. Donald Trump. Liebe. Enkelkinder. Sprachnachrichten. Die Wandfarbe im Schlafzimmer. Feminismus. Geburtstagsgeschenke. Freizügige Frauen. Tomaten. Das sind nur einige der Themen, über die sich erwachsenen Frauen in letzter Zeit mit ihren Eltern gestritten haben.

Elaine ist 33 Jahre alt und stammt aus den USA. Ihre Eltern haben Trump gewählt, was immer wieder zu Streit führt. „Es kommt immer zu hitzigen Diskussionen, wenn ich anspreche, dass ich Trumps Aktionen einfach nur fragwürdig finde, genau wie sein irrationales Gefasel auf Twitter, und welche Stimmung da gerade im Land herrscht. Ich war so wahnsinnig enttäuscht von meiner Mutter und meinem Vater, als ich herausgefunden habe, dass sie beide für Trump gestimmt haben. In der Wahlnacht und am Tag danach habe ich mich taub gefühlt und stundenlang nur geweint.“ Obwohl Elaine sich sehr häufig mit ihren Eltern streitet, will sie sie weiterhin in ihrem Leben haben. Diese Einstellung ist sehr weit verbreitet unter den Frauen, mit denen ich gesprochen habe. „Ich liebe meine Eltern trotzdem bedingungslos und daran wird sich auch nie etwas ändern.“
Die 24-jährige Ashna lebt noch bei ihren Eltern. Bei den heutigen Mietpreisen keine Seltenheit. Wenn man als Erwachsene*r mit seinen Eltern zusammenlebt, können jedoch wieder alte Dynamiken auftreten, die man schon als Kind erlebt hat. Und das führt nicht selten zu Konflikten. „Ich streite mich jeden Tag mit meiner Mutter. Und zwar über wirklich alles: Wäsche, wann ich nach Hause komme, wie oft ich mein Telefon in der Hand habe, wieso ich Single bin, was ich trage, was es zum Abendessen gibt, ob wir eine Katze kaufen. Ich weiß einfach nicht, wie ich endlich aufhören kann, mich wie ein Teenager zu verhalten, wenn sie mich weiterhin wie einen behandeln.“
Rosie ist 32 und die Konflikte mit ihren Eltern drehen sich um Politik, Feminismus, deren Lebensentscheidungen und Scheidung. Sie wirft ihren Eltern vor, dass sie in ihrer Elternrolle gescheitert sind. „In meiner Traumvorstellung habe ich Eltern, die noch zusammen sind, sich verstohlen in der Küche küssen, wenn sie glauben, dass niemand guckt, es gibt Apfelkuchen, Kaminfeuer und große Weihnachtsessen mit der ganzen Familie. Das ganze kitschige Paket eben. Jedes Mal wenn wir uns streiten, werde ich aber daran erinnert, dass es all das bei uns zu Hause nicht gibt. Manchmal kommen dann noch komische Schuldgefühle dazu: Was, wenn sie morgen tot umfallen, und das letzte was wir zusammen gemacht haben, war, uns anzubrüllen?“
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Das Entwickeln einer eigenen Meinung, Angst, Unsicherheit, Ungewissheit, Distanz und das Älterwerden scheinen die Hauptgründe dafür zu sein, dass sich erwachsene Frauen in heftigen Auseinandersetzungen mit ihren Eltern wiederfinden. Auch der 38-jährigen Sandra geht es da nicht anders. „Meine Eltern werden älter, und ich versuche, sie so gut es geht zu unterstützen. Sie wollen ihre Privatsphäre und Unabhängigkeit aber nicht aufgeben, und so halten sie einige Dinge vor mir geheim, so wie Teenager es machen würden. Andere Spannungen entstehen aus dem Verhältnis zu ihren Enkelkindern. Inwiefern sie genug Zeit mit ihnen verbringen oder mir bei deren Betreuung helfen. All diese Streitigkeiten brechen mir das Herz.“
Bernadette ist 31 Jahre alt und hat „viele kleine Auseinandersetzungen [mit ihrer Mutter] die sich in der Regel schnell lösen“. Aber beide scheinen sehr gut zu wissen, wo ihre Grenzen liegen und welche Sachen lieber unausgesprochen bleiben. „Es scheint fast so, als könnten wir beide deswegen so wütend aufeinander werden, weil wir tief in unserem Inneren wissen, dass wir unsere Konflikte immer lösen können. Unsere Verbindung ist so stark, dass sie niemals zerstört werden kann.“
Das trifft aber noch lange nicht auf jede Beziehung zu. Einige der Frauen, die sich auf meinen Aufruf in den sozialen Medien gemeldet haben, haben teilweise wochen-, monate- oder jahrelang nicht mit ihren Eltern gesprochen. Manche von ihnen haben nicht vor, den Kontakt noch einmal wiederaufzunehmen. Ich habe mit der Familientherapeutin Dr. Shadi Shahnavaz gesprochen, um zu verstehen, wieso wir uns als erwachsene Frauen mit unseren Eltern streiten. Sie sagt: „Die Beziehung, die wir als Kinder zu unseren Eltern führen, setzt sich in der Regel in unserem Erwachsenenalter fort. Wenn man damals eine gute Verbindung zueinander hatte, sich sicher und verstanden gefühlt hat, spürt man diese Liebe und diesen Respekt auch heute noch. Wenn man sich hingegen nicht gehört und verstanden gefühlt hat, wächst man mit einem Gefühl der Leere auf. Das kann zu Konflikten im Erwachsenenalter führen, wenn diese Leere sich in Wut verwandelt.“
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Einige der Frauen, die sich auf meinen Aufruf meldeten, haben teilweise wochen-, monate- oder jahrelang nicht mit ihren Eltern gesprochen. Manche von ihnen haben nicht vor, den Kontakt noch einmal wiederaufzunehmen.

Es ist aber durchaus möglich, diese Beziehung zu verbessern. Wenn du es schaffst, deine Eltern von einer Familientherapie zu überzeugen, kannst du hier, moderiert von einem*r Psychologen*in, einige wichtige Gespräche führen. „Es liegt in unserer Natur, unsere Eltern lieben zu wollen. Deswegen versuchen die meisten von uns, die Beziehung zu kitten.“, erklärt Dr. Shahnavaz. Bei Sitzungen bittet sie ihre Klienten darum, sich in die Situation des jeweils anderen zu versetzen. Dann spricht sie mit ihnen darüber, wie ihre eigenen Verhaltensweisen auf ihr Gegenüber wirken könnten. Auch außerhalb der Therapie kann es helfen, diese Übung anzuwenden, um mehr Verständnis füreinander zu entwickeln. Unsere Eltern sind, wie alle Menschen, komplexe Individuen mit eigenen Gefühlen und Problemen. Sich vorzustellen, welche Auswirkungen das eigene Verhalten auf sie haben könnte, hilft, den Menschen hinter der Mutter oder dem Vater wahrzunehmen. Das kann auch dabei helfen, Dynamiken aus der Kindheit besser zu verstehen.
„Wir müssen uns klar darüber werden, was in unserer Kindheit passiert ist. So können wir besser verstehen, wie wir jetzt als Erwachsene reagieren. Wenn wir uns im Dauerstreit mit unseren Eltern befinden, müssen wir uns bewusst machen, wo das angefangen hat. Die Gründe für unsere Konflikte mögen zunächst trivial wirken, oft verbirgt sich dahinter aber etwas Größeres. Nicht selten ist eine alte Wut im Spiel, die von einer Verletzung oder einem Geheimnis herrührt. Vielleicht gab es einen vertuschten Seitensprung, von dem das Kind aber wusste, oder eine Spannung zwischen den Eltern, die damals totgeschwiegen wurde, die jetzt aber stellvertretend in Form von Streitereien zum Vorschein kommt. “, sagt Dr. Shahnavaz.
Und was ist nun die beste Strategie, um die Konflikte mit unseren Eltern zu lösen? „Nimm dir deine Freiräume. Wenn du spürst, wie der Ärger sich in dir aufbaut, verlasse das Zimmer. Geh weg und schreibe an einem ruhigen Ort auf, was dich geärgert hat. Lass es zwanzig Minuten liegen. Wenn du dich beruhigt hast, geh zurück und schau dir an, was du geschrieben hast. Die Hälfte der Sachen kannst du wahrscheinlich streichen, weil du sie in Rage geschrieben hast. Wenn aber auf diesem Zettel noch etwas steht, dass dir immer noch wichtig ist, versuche es in einer ruhigen Atmosphäre mit deinen Eltern anzusprechen. Vielen Leuten hilft es auch, eine E-Mail zu schreiben. So verfallen die Eltern nicht direkt aus der Verletzung heraus in einen defensiven Modus oder reagieren aus Wut. Eine meiner Klientinnen hat es genauso gemacht, und die erste Reaktion ihrer Mutter war zunächst Empörung. Doch dann hat sie die Mail noch einmal gelesen, sich beruhigt und durchgelesen, was ihre Tochter ihr zu sagen hatte. So konnten die beiden in Ruhe über ihre Probleme sprechen.“
Denn oft geht es bei den Streitigkeiten mit unseren Eltern gar nicht um die Wandfarben, Ehen, Sitzordnungen oder Tomaten. Vielmehr sind sie das Resultat von Spannungen und Ängsten, die noch aus unserer Kindheit herrühren. Wir sollten also versuchen, hier einen Abschluss zu finden, indem wir einander verstehen und Mitgefühl zeigen.
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