Wie Mode mein Leben verändert hat… Mit Karina Pavlova

Mode gilt für viele als etwas absolut Oberflächliches, dabei kann Kleidung so viel mehr sein und eine wirkliche Bedeutung für eine Person haben. Bei Karina Pavlova wurde vor zwei Jahren ein Gehirntumor entdeckt. Nach Operation und Reha genießt sie ihr Leben heute wieder in vollen Zügen. Dabei helfen ihr Familie und Freunde - aber auch ihre Leidenschaft für Mode.
Wenn man Karina kennenlernt, dann kann man nicht anders, als mehr als beeindruckt von ihrer Power zu sein. Im Zweifel erwischt man Karusch, wie sie sich nennt, gerade laut lachend und strahlend im Gespräch mit ihren engsten Freundinnen mal im The Store im Soho House, im Dudu31 in Charlottenburg oder im Beuster in Neukölln. Egal, wo die gebürtige Ukrainerin unterwegs ist, macht sie sich in Sekunden neue Freunde. Ihre Ausstrahlung ist einnehmend, positiv, herzlich. Ihr Stil bleibt obendrein in Erinnerung. Wie sie den gefunden hat und welche Rolle Mode für sie spielt, erzählt sie uns hier.
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„Mode war schon immer wichtig für mich. Das habe ich von meiner Mutter. Trotzdem brauche ich nicht all das Oberflächliche, was damit zusammenhängt. Ich bin in Kiew aufgewachsen. Früher war ich Wettkampftänzerin. Mit 13 bin ich mit meiner Familie nach Deutschland gekommen. Wir haben dann in Stuttgart gelebt. Aber ich wollte natürlich nach Berlin. Hier habe ich zuerst bei The Corner gearbeitet, dann im Quartier206. Mit meinem damaligen Partner hatte ich auch kurzzeitig ein eigenes Label, das wir aber eingestellt haben. Ich war auch kurz bei Porsche Design. Doch das war zu wenig kreativ für mich. Dann ging ich zum The Store und da bin ich bis heute. Ich arbeite 20 Stunden. Das ist nicht viel, doch es gibt mir viel.
Der Tag, an dem sich alles in meinem Leben verändert hat, war der 5. März 2015. Ich war zur Massage im Soho House. Auf dem Heimweg haben dann meine Muskeln versagt. Ich bin einfach umgefallen. Zum Glück war ein Arzt in der Nähe. Ich war paralelysiert. Meine Sprache war weg und ich wurde direkt ins Krankenhaus eingeliefert. Dort musste ich mit extremen Kopfschmerzen acht Stunden warten. Beim MRT haben sie einen gutartiger Tumor im Gehirn entdeckt. Vier Tage später wurde ich neun Stunden lang operiert. Das war die erste Operation meines Lebens. Vorher war ich noch nicht mal im Krankenhaus. Aber sie waren toll zu mir Vivantes. Außerdem hatte ich ständig Besuch. Es war immer ein bisschen wie eine Party bei mir im Zimmer.

Mein erstes Wort nach der Narkose zeigt, wie sehr ich Mode liebe. Ich habe tatsächlich Balenciaga gesagt.

Der schlimme Teil kam eigentlich erst nach der Operation, als ich wieder zuhause war. Ich musste die richtige Psychologin für mich finden. Sie hat mich gelehrt, das Rituale sehr wichtig sind. Dazu gehören für mich jeden Morgen mein Kaffee, das Tanzen und Mode. Ich habe heute einen 90-prozentigen Behindertenausweis, da mein rechtes Sichtfeld eingeschränkt ist. Es ist so, als würde ich eine Scheuklappe tragen. Ich habe keine Orientierung. Eigentlich darf ich nicht Rad fahren, doch mein Klapprad gibt mir Freiheit. Ich liebe es damit durch Berlin zu düsen.
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Nach der Operation musste ich das Sprechen wieder neu erlernen. Mein erstes Wort nach der Narkose zeigt wie sehr ich Mode liebe. Ich habe tatsächlich Balenciaga gesagt. Das hat natürlich niemand verstanden. Andere Wörter fielen mir deutlich schwerer. So einfache Dinge wie Bett oder Baum musste ich neu erlernen. Das hat drei Monate gedauert. Heute stottere ich nur, wenn ich aufgeregt oder nervös bin, mir die Wörter auf der Zunge liegen, ich sie aber nicht aussprechen kann.
Ich war ein Wrack nach der Operation. Ich hatte kein Gleichgewicht. Es musste alles wieder aufgebaut werden. Ich habe meine Haare verloren infolge der Bestrahlung. Das war ein Schock. Ich war drei Monate in der Reha. Zuerst dachte ich, ich wäre jetzt wirklich behindert und eingeschränkt. Gleichzeitig habe ich gespürt, wie stark ich bin. Manchmal brauche ich Hilfe im Alltag. Ich kann Schreiben, aber nicht Lesen. Deswegen hat meine Mutter mir dieses riesige Handy geschenkt. Ich versuche trotzdem zu Lesen. Zum Beispiel Paulo Coelho "Der Alchemist", auch wenn es mühsam ist. Vor dem Tumor war ich nie krank. Doch mein Wille hat mich zurückgeholt. Ich bin ohne Vater aufgewachsen. Erst durch die Krankheit hat meine Mutter gesehen, wie stark ich bin. Meine Großeltern wissen es bis heute nicht, da ich sie nicht belasten möchte. Mein Leben dokumentiere ich bei Instagram Stories. Dort zeige ich mich und lasse mich nicht unterkriegen. Das ist manchmal schwer. Seit meiner Diagnose machen mich oberflächliche Personen noch mehr wütend als vorher. Das Leben bekommt einfach eine neue Bedeutung.
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Manchmal bin ich traurig, dass ich nicht normal arbeiten kann, denn ich bin ein Workaholic.

Das Personalisieren von Kleidungsstücken erfüllt mich. Ich habe einen tollen Schneider und einen Schuster gefunden, die meine Ideen umsetzen. Kreativität ist alles für mich. Ich gestalte besondere Stücke für meine Freundinnen und mich. In Berlin kennen viele meine Designs. Außerdem arbeite ich ständig an Collagen zur Inspiration. Schon 1996 habe ich angefangen die Vogue zu sammeln. Ich liebe besonders die spanische Ausgabe. Meine Persönlichkeit drücke ich über Kleidung und meinen Stil aus. Dadurch fühle ich mich schöner und das ist unendlich wichtig nach so einem einschneidenden Erlebnis, wie ich es erfahren musste. Es braucht nicht viel für einen coolen Stil, man muss nur eigenwillig und kreativ sein. Nur die Accessoires dürfen gern hochwertig sein. Mit Lurex, Pelz, Federn, Knöpfen oder Metallics setze ich Akzente. Meine Mutter hat früher für mich genäht. Jetzt tobe ich mich selbst aus.
Meine Erkrankung hat alles verändert. Ich liebe mich heute zu 90 Prozent. Ein bisschen Zweifel bleiben aber. Arrogante Menschen und Lügner bedrücken mich. Da werde ich zum Vulkan und explodiere. Manchmal bin ich traurig, dass ich nicht normal arbeiten kann, denn ich bin ein Workaholic. Doch ich muss für mich stark sein. Viele möchten mit mir an meinen Designs zusammenarbeiten, doch ich bin krank und habe Angst davor jemanden zu enttäuschen. Mode und meine Moodboards motivieren mich dabei zu bleiben. Ich war nie die Schöne, doch ich war immer interessant. Das kann ich jetzt ganz anders zelebrieren. Ich bin anders schön. Dazu gehört auch meine Persönlichkeit und meine Ausstrahlung. Darauf bin ich stolz. Und vielleicht fasse ich irgendwann doch noch mal den Mut und starte mein eigenes Label.“
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