#DirtyThirty: Nein zu Slut Shaming oder Don’t you ever call me a Bitch

DirtyThirty: Maren Aline Merken ist 30 Jahre alt, Wahlberlinerin mit Herz für die Hauptstadt und dennoch ständig unterwegs. Ob auf Recherchereise im kunterbunten Indien, auf der Suche nach den neusten Foodtrends im lebhaften Johannesburg oder beim leicht chaotischen Familien-Kaffeeklatsch in ihrer Geburtsstadt Düsseldorf – sie ist neugierig, begeisterungsfähig, wortverliebt und gar nicht mal so spießig, wie sie sich Ü30-Frauen als Teenager vorgestellt hat. Immer hungrig auf Neues feiert sie das Leben mit der 3 vorne – und versteht bis heute nicht, wie man Angst vor dem 30. haben kann.
Es ist kein Geheimnis: Ich bin 30. Ich bin erwachsen und verantwortlich für mein Handeln. Ich kleide mich, wie ich möchte, und ich tu, was ich will – und das war eigentlich schon immer so, egal wie alt ich war. Weil es mein Leben ist. Es wird wahrscheinlich niemanden wundern, dass ich in meinem Leben schon einige Male Geschlechtsverkehr hatte. Mit wem, wann, wo und wie oft, ob Weiblein oder Männlein, mit ein, zwei oder drei Personen geht niemanden etwas an – außer mich und noch die anderen Personen, die involviert waren. Auf jeden Fall geht es Männer, die mich in Clubs anbaggern, nichts an; und auch nicht die Typen, die mir bei Instagram schreiben, und natürlich nicht jene, die ich bei Tinder gematcht habe. Auch meine Freunde geht es – pardon – rein gar nichts an. Leider ist das vielen Leuten – und vor allem Männern – offenbar nicht so ganz klar. Wenn ich, als ich noch Single war, mir mit Männern lose und ohne direkte Absicht bei Tinder geschrieben habe und eine Frage nach einem Treffen verneint habe, bekam ich Antworten geschickt, die zeigen, dass diese Männer der Meinung waren, es ginge sie doch etwas an. Als wüssten sie etwas über mich oder dürften sich ein Urteil erlauben. Da kamen schon mal so Nachrichten wie Du Hure, schreibst hier mit einem und dann ziehst du den Schwanz ein (by the way: I don’t have one) oder Komm, als ob du nicht hier schon jemanden gef*ckt hast, lass mich doch auch mal ran (Was zum Teufel?).
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Und nur weil man mich im Bikini auf Instagram sehen kann, heißt das nicht, dass ich promiskuitiv bin und Sex mit jedem möchte. Das bin ich, das ist mein Körper, das ist meine Entscheidung.

Mich haben bei Facebook schon Männer gefragt, ob ich statt meiner Katzen vielleicht was anderes Haariges im Bett haben möchte. Als ich dann ablehnte, bekam ich die Nachricht, ich sei eine Schlampe, das würde man schon merken, weil ich null verklemmt sei (Logik?!). Gestern erst, hat mir ein mir nicht bekannter Mann eine Nachricht bei Facebook geschickt, die einen Screenshot von meinem Tinderprofil beinhaltete, und die Anfrage, ob das für eine Story sei. Und als ich zurückfragte, wie er darauf käme, antwortete er mir, dass er sich gewundert habe, das ich als vergebene Frau bei Tinder ein Profil haben würde. Weil man das ja nicht mache. Weil es schlampig sei. Warum ich mein Profil nicht gelöscht habe, hat diesen Mann natürlich nicht die Bohne zu interessieren. Vielleicht nutze ich Tinder als Einschlafhilfe, weil man beim Swipen so schön müde wird; vielleicht führe ich eine offene Beziehung; vielleicht: WAS WEISS ICH. Not. Your. Business.
Typen bei Instagram reagieren manchmal auf eine Story und schicken mir unaufgefordert zwar sehr nette, aber auch ziemlich offensichtliche Nachrichten, die, wenn ich dann freundlich sage, dass ich einen Freund habe, mit Antworten wie Alles Schlampen, als ob du treu bist quittiert werden. By the way: Auch wenn ich keinen Freund hätte, bliebe ich gern von derlei Nachrichten verschont. Ich will auch keine Dickpics. Und nur weil man mich bei Instagram im Bikini sehen kann, heißt das nicht, dass ich mit jedem Sex haben möchte. Das bin ich, das ist mein Körper, das ist meine Entscheidung. Menschen, die sich über freizügige Bilder in sozialen Netzwerken oder wo auch immer aufregen und sie schlampig finden, gehören meiner Ansicht nach (und zum Glück auch der vieler anderer Frauen und Männer) eher zu der kleingeistigen, beschränkten Sorte. Sie haben tendenziell ein ordentliches Problem mit sich selbst, ihrem Körper oder ihrer Sexualität.
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Sind wir ehrlich, wir sitzen bei dieser klischeegetränkten, altmodischen, frauenfeindlichen Scheiße in einem Boot. Und trotzdem, trotzdem gibt es Frauen, die ins gleiche Rohr wie oben beschriebene dumme Männer blasen.

Ich habe schon Männer kennengelernt, die im Gespräch geäußert haben, dass sie es nicht cool finden, wenn ihre neue Freundin vorher mehr als drei Sexualpartner hatte, oder meinen, Frauen könnten ruhig viel Sex haben, aber bitte nur innerhalb einer Beziehung. Wenn man den Spieß dann umdreht, und fragt, wie es bei ihnen aussieht, wird schnell gesagt, das sei etwas anderes, weil sie halt Mann seien. Da kommt mir dann – excuse my French! – die Kotze hoch. Es ist also okay, wenn ich mich als Typ durch sämtliche Betten der Nation schlafe, aber als Frau soll ich doch bitte so jungfräulich wie möglich sein.
Ich habe nie verstanden, wieso es einen Unterschied machen soll, wenn eine Frau Spaß am Sex und wechselnde Sexualpartner hat. Aber verstehe ich noch ganz andere Dinge nicht: Slut Shaming greift Frauen für ihr sexuelles Verhalten, ihre Art und Weise sich zu kleiden an, oder redet ihnen dafür Schamgefühle ein. Das gab es zwar schon immer, aber inzwischen hat die Sache auch einen Namen. Und das macht es irgendwie einfacher zu erklären, was daran nicht okay ist.
Es ist zum Beispiel okay, das Outfit von einer anderen Frau geschmacklos zu finden. Was nicht okay ist, ist zu sagen, dass sie leicht zu haben sei, weil ihr Outfit nuttig aussieht. Ich glaube, dass fast jede Frau die unfaire und asoziale Reaktion einer Abfuhr kennt, die lautet: Du bist so ne Schlampe.
Aber was ich fast noch schlimmer finde (sofern es dabei ein schlimm, schlimmer, am schlimmsten gibt), sind Frauen, die slut shamen. Seien wir ehrlich, wir sitzen bei dieser klischeegetränkten, altmodischen, frauenfeindlichen Scheiße in einem Boot. Und trotzdem, trotzdem gibt es Frauen, die ins gleiche Rohr wie oben beschriebene dumme Männer blasen. Zuletzt saß ich mit einer Gruppe flüchtiger Bekannter zusammen und eine davon fragte nach einer anderen gemeinsamen Bekannten, die nicht anwesend war. Wir sprachen kurz darüber, wie es ihr gehe und was ihr Leben als Neusingle wohl so mache, als eine andere der Gruppe
meinte: Naja, mit Männer war sie ja schon immer recht locker. Was ja erstmal nicht verwerflich ist, aber wenn so eine Äußerungen mit einem gewissen Unterton fällt, bekomme ich direkt große Ohren. Auf Nachfrage meinte die Gute dann noch abfälliger, dass da ja schon jeder drangewesen sei: Die ist da nie sonderlich wählerisch gewesen. Ich musste kurz das Erbrochene, meine Wut, die Ungläubigkeit und alles andere, was mir hoch kam, runterschlucken. Und dabei ging es für mich nicht darum, dass es da um eine Freundin ging. Sondern darum, dass eine Frau über eine andere Frau durch die Blume in großer Runde sagt, sie sei eine Schlampe. Weil sie Spaß am Sex hat – und ja, vielleicht auch mit mehr als einem Partner im Monat. Slut Shaming war nicht cool, ist es nicht und wird es nie sein. Wenn ich daran denke, wie selbstverständlich und schnell Jungs aber auch Mädchen über jemand anderen das Urteil Schlampe fällen, wird mir übel. Nein, Frauen sind keine Schlampen, nur weil sie gern Sex haben. Auch nicht, wenn sie viel Sex haben. Nie. So you better never call me a bitch.#notoslutshaming
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