Meine Oma, die Stilikone: Was ich von meiner Großmutter über die Mode lernte

Ich glaube, ich habe mir nie eine Modezeitschrift gekauft, bis ich mit Anfang zwanzig ein Jahr Modedesign studierte und wir zur Trendrecherche reihenweise Magazine ankarren mussten. Es dauerte allerdings nicht lang, bis ich merkte, dass es mit dem Studium und mir nichts werden würde. Ein Filmangebot holte mich zurück zur Schauspielerei, vor allem aber merkte ich während des Ausflugs in die Modewelt, dass das nicht ich war. Und doch gab es offenbar etwas, das mich an der Mode dennoch so faszinierte, dass ich auf die Idee kam, gleich ein ganzes Studium dafür einzulegen – nur was?
Die Antwort zu dieser Frage beinhaltet zwei Wörter: meine Oma.
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Foto: Nike Martens
Seit ich denken kann, ist meine Großmutter meine absolute Mode- und Stilikone und überhaupt ein Vorbild in ganz, ganz vielen Lebensbereichen. Ich habe selten einen so warmherzigen und gutmütigen Menschen getroffen, der mich auf so vielen Ebenen fasziniert und inspiriert. Ich erinnere mich, wie meine Schwester und ich als Kinder durch die Wohnung meiner Großeltern tapsten und in jeder Ecke etwas Spannendes zu warten schien: Kommoden, Sessel, Schränke, Bilder, Kissen, Schachteln, Dosen, Kerzen, Tabletts und „Krimskrams“ aus aller Herren Länder, wie man es in meiner Hamburger Heimat sagen würde. Mitbringsel von Reisen und Fundstücke aus kleinen Antikläden, die der Wohnung meiner Großeltern geradewegs Museumscharakter verliehen, mit den schönsten und aufregendsten Objekten, die ein Kind sich nur wünschen konnte.
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Und dann gab es da diese Treppe. Die magischen Stufen, die hinauf in den zweiten Stock führten. Ins Schlafzimmer, was jedoch nicht das Highlight der oberen Etage sein sollte. Das Spannendste befand sich nämlich in der linken Ecke des Raumes: eine kleine Tür – die Tür zum begehbaren Kleiderschrank meiner Großmutter. Jedes Teil war wohl sortiert an seinem Platz. Die Blusen auf der einen Seite, die Hosen auf der anderen und die Schuhe darunter. Auf einer Ablage stand ein silbernes Kästchen gefüllt mit Ohrringen, Armbändern und Broschen. Ich hätte stundenlang dasitzen können, um mir alles anzuschauen. In einem Bruchteil von Sekunden war ich in meiner kleinen eigenen Welt und begann inmitten von all den Formen, Mustern, Farben und Eindrücken zu träumen.
Foto: Nike Martens
Ein-, zweimal im Jahr durften meine Schwester und ich abwechselnd mit unserer Oma in die Stadt fahren und uns Kleidung aussuchen. Bepackt mit bunten Tüten, kamen wir dann abends nach Hause und waren so stolz, wie man nur stolz sein konnte. Ich werde diese Ausflüge nie vergessen und die Freude, die ich von meiner Oma spürte, weil sie uns eine Freude gemacht hatte. Diese Qualität habe ich für mein Leben verinnerlicht. Gib und erwarte nicht direkt etwas zurück. Gib, weil es dich glücklich macht, andere glücklich zu machen. Beide meine Großmütter sind große Vorbilder für mich; ihre Ruhe, ihre Besonnenheit, ihre Zufriedenheit und eben diese große Freude zu geben. Und das hat sich bis heute nicht geändert. Fast jedes Mal, wenn ich meine Großmutter besuche, bekomme ich nun eines ihrer schönen Kleidungsstücke geschenkt. Jedes Mal freue ich mich genauso wie damals als Kind.
Etwas worüber ich sehr dankbar bin, dass ich Mode durch meine Geschichte immer mit etwas Schönem und Beruhigendem verbinde. Dass ich nie das Gefühl habe irgendeinem Trend hinterherlaufen oder versuchen zu müssen, anderen zu gefallen. Ich finde es schön zu beobachten, dass die Mode hier und da etwas langsamer wird. Dass wir erkennen, dass Massenkonsum uns und unseren Planeten überfordert. Ich versuche mich in erster Linie wohlzufühlen. Mode ist für mich ein Gefühl, eine Möglichkeit mich auszudrücken, das zu zeigen, was mir entspricht. Und das kann ich über Teile, die bereits eine Geschichte und ihren ganz eigenen Charakter haben, viel besser als mit Fast Fashion.
Foto: Nike Martens
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