Wie es sich angefühlt hat, meine Familie an Ostern auf der Insel zu besuchen

Für viele von uns sind Ostern und Weihnachten die einzigen Anlässe im Jahr, an denen man nach Hause fährt, um seine Familie zu besuchen. Etwa so ähnlich hat es sich in den vergangenen Jahren auch bei mir zugetragen. Noch seltener als meine Mutter und meinen Bruder, die ich zuletzt an Weihnachten gesehen habe, besuche ich diese Ostern meinen Vater, der schon länger mit seiner Frau samt deren Kindern auf Borkum, einer ostfriesischen Insel in der Nordsee lebt. Unser letztes Familientreffen liegt ein paar Jahre zurück. In diesem Jahr, forderte mein Vater ein, sei es mal wieder an der Zeit die Osterfeiertage miteinander zu verbringen. Ich sei ja schließlich auch schon zwei Jahre nicht mehr da gewesen. Damit hatte er tatsächlich Recht. Also buchte ich mein Zugticket.
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Ich lebe seit fast 8 Jahren in Berlin. Da fühle ich mich wohl, meistens jedenfalls. Alle paar Monate juckt es mir aber doch in den Fingern und ich merke, dass ich dringend eine Rauszeit brauche – raus aus der Stadt, rein in die Natur. Einfach mal ent-schleunigen und die Akkus wieder aufladen. Da, wo ich aufgewachsen bin, einem kleinen Dorf in Ostwestfalen, ist das Leben ein anderes. Es gibt Reihenhäuser und von Hecken eingesäumte Gärten, Nachbarn, die quasi alles über dich wissen und eine Dorfdisco im nächsten Ort, in der schlechte Schlagermucke aus schlechten Boxen schallt. Die nächste Autobahnzufahrt ist auch eine Stunde entfernt. Als ich hier noch zu Hause war, habe ich mich wohlgefühlt. Ich habe nichts vermisst. Ich kannte ja auch nichts anderes.
Inzwischen bin ich mir erstens nicht mehr so sicher, ob ich jemals ein richtiges Dorfkind war, ob ich heute etwas vermisse oder dort jemals wieder leben könnte. Ich frage mich auch, ob und wie sich die Beziehung zu meiner Familie verändert hat. Wir haben ein gutes Verhältnis und uns alle ziemlich lieb, keine Frage. Aber bin ich wirklich ein Familienmensch? Und brauche ich das langsamere Leben auf dem Land, um zu entspannen? Nur einige von vielen Fragen, die mir so kurz vor dem lang geplanten Osterwochenende mit der Familie im Kopf rumspuken.
Mein Rucksack ist gepackt. Ich bin mit regenfester Kleidung und bequemen Schuhwerk für jede Wetterlage gewappnet. Ein gutes Buch und einen Haufen nostalgischer Gedanken an früher habe ich auch dabei. In meinem Logbuch habe ich meinen Kurzurlaub auf der Insel festgehalten:
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Tag 1, mein Anreisetag:
Insgesamt 7 Stunden Fahrzeit liegen vor mir. 5 Stunden mit dem Zug, dann noch mal 2 mit dem Schiff. Insgesamt 3 Mal umsteigen. Klingt wie eine halbe Weltreise. Ist es auch. Um 8:51 Uhr geht's in Berlin los. Mein erstes Ziel: Hannover Hauptbahnhof. Bis hierher komme ich recht zügig mit dem ICE durch, auch wenn mein Abteil völlig überfüllt ist. Familien packen geschnittene Äpfel in Tupperdosen aus und machen es sich heimelig. 1,5 Stunden später sind wir schon da. Ich habe 17 Minuten Aufenthalt. Zeit, um das Gleis zu wechseln, eine Cola aus dem Automaten zu ziehen und eine Zigarette im dafür vorgesehenen gelben Viereck am Ende des Bahnsteigs zu rauchen. In Hannover steige ich in die Regionalbahn um – und fahre weiter bis nach Emden. Noch eine Stunde später: Hinter Nienburg und Bremen wird es nun immer ländlicher. Weder in Oldenburg noch in Leer tanzt der Bär. Ich kenne das noch, aus meiner Heimat, dem kleinen Dorf in Ostwestfalen. Aber vielleicht ändert sich das ja, wenn ich in Emden bin, dachte ich noch. Immerhin kann man da studieren.
Ankunft in Emden um 13:38. Ich habe noch knapp 20 Minuten Zeit, um mit einem weiteren Zug nach Emden Außenhafen zu fahren, wo meine Fähre um 14 Uhr Richtung Insel ablegt. Ich muss sie unbedingt erreichen, denn sie fährt nur 2x am Tag. Ich bemerke zum Glück schnell, dass der Bahnhof nur drei Gleise hat und ich mir absolut keinen Stress machen muss. Hier scheint echt der Hund begraben. Es ist ja auch Karfreitag, dämmert es mir. Ich rauche noch eine Zigarette. Es ist kalt, meine Hände frieren. Kurz vor 14 Uhr komme ich am Fährhaus in Emden Außenhafen an und stelle mich brav in die Schlange mit den Passagieren. Überwiegend Rentner udn Familien. Langsam drängeln sich die Menschen auf das Schiff – niemand will auf dem Festland vergessen werden. Fünf Minuten später bin ich an Bord und finde einen Platz auf einer Bank an Deck. Wir stechen in See, der Hafen verschwindet in weiter Ferne, die Seeluft peitscht mir ins Gesicht. Mir wird kalt. Ich stelle mich in der nächsten Schlange in der Caféteria an, um einen Pott Filterkaffee und eine Pommes zu bestellen. 8 Euro. Happige Preise. In zwei Stunden bin ich endlich da.
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Ankunft auf Borkum: Ich kralle mir meinen Rucksack und trotte in der Schlange über den Anleger an Land. Direkt an der Fähre wartet eine Museumsbimmelbahn mit farbigen Wagons. Mutet ein bisschen so an, als sei die Lokomotive einem Kinderbilderbuch entsprungen. Ich steige ein. Nach 15 Minuten fahren wir mit lautem Pfeifen los ins Dorf. Einfahrt ins Zentrum Borkum: Ich sehe mein Vater schon von weitem. Er wartet auf mich. Nach zwei Jahren das erste Wiedersehen. Wir umarmen uns lang. Das fühlt sich schön an. In mir steigen Emotionen auf, die ich lange nicht mehr gefühlt habe. Wir spazieren zu Fuß nach Hause. Im „Stadtzentrum“ darf man während der Saison, die an Ostern beginnt, kein Auto fahren, erklärt er mir. Es ist so leise hier. Ruhe.
Zuhause angekommen begrüße ich die Frau von meinem Vater. Ich schlafe auf der ausklappbaren Couch im Wohnzimmer. Mein Gepäck kann ich in der Lücke zwischen Sofa und Heizung verstauen. Frische Handtücher liegen auf der Badewannenkante. Um 19 Uhr gibt es Abendbrot. Vorher möchte in unbedingt noch an den Strand. Wenigstens für eine viertel Stunde das Meer sehen. Darauf habe ich mich schon den ganzen Weg gefreut. Ich gehe allein, für alle anderen ist das hier nichts Besonderes mehr. Ich stapfe voller Vorfreude durch die Dünen und kann es kaum glauben, als ich endlich das Meeresrauschen höre und den Horizont sehe. So fühlt sich Urlaub an. Leider wird es bald dunkel. Ich gehe lieber zurück. Auf dem Tisch steht das Abendbrot bereit. Es gibt Tiefkühlpizza. Egal. Mir schmeckt heute alles. Wir reden noch ein bisschen über meine lange Anfahrt und wie es allen so geht. Danach räumen wir gemeinsam die Spülmaschine ein und schauen noch einen Film. Irgendetwas auf RTL 2. Ich checke lieber Instagram und sehe, dass meine in Berlin gebliebenen Freunde mit Sekt anstoßen und später noch losziehen wollen. Es ist 22:30. Ich gehe schlafen.
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Tag 2:
Ich wache um 11:30 auf. Wann habe ich eigentlich das letzte Mal keinen Wecker gestellt? Der Tisch ist schon gedeckt. Einen frischen Kaffee bekomme ich auch direkt in die Hand gedrückt. Seitdem ich arbeite, habe ich mir das Frühstücken abgewöhnt. Ich kriege so direkt nach dem Aufstehen einfach nichts runter. Das wäre aber ungesund, sagt die Frau meines Vaters. Ich gehe auf den Balkon und rauche eine. Und noch eine. Die Sonne kommt raus. Während mein Vater jetzt einkaufen fahren will, weil die Geschäfte ja zwei Tage schließen, beschließe ich zu duschen, mich warm anzuziehen und heute möglichst viel von der Insel zu sehen. Keiner möchte mit. Dann gehe ich eben allein.
Ich laufe am Strand entlang Richtung Norden. Es ist noch kühl und es ist windig. Noch sind kaum Leute unterwegs. Eine halbe Stunde weiter werden es schon mehr. The North Face, Jack Wolfskin – für Kurgäste und Inselbesucher sind Outdoorjacken wohl ein Must Have. Ich bin am Nordstrand angekommen, die Promenade ist noch nicht gefüllt. Die ersten Cafés öffnen aber schon. Ich steuere auf das nächst beste zu. „Moin, was was darfs sein?“ „Einen Kaffee und ein Croissant bitte“. Ich sitze draußen, der Heizpilz neben mir wärmt mich. Die Sonne blendet. Habe meine Sonnenbrille vergessen. Macht nichts. Ich schließe die Augen. Werde hier für zwei Stunden sitzen bleiben, nichts tun, einfach nur aufs Meer schauen und Leute beobachten. Ich habe ja schließlich Urlaub.
Am Nachmittag verschwindet die Sonne wieder. Es wird kühl. Also bummel ich durch die Fußgängerzone, in der sich ein Souvenirladen an den anderen reiht, zurück. Ich gönne mir ein Matjes-Fischbrötchen. Lecker. Bald schließen die Läden. Ich flitze noch schnell in den Supermarkt, kaufe mir Wasser und Tabak. An der Kasse dauert's verhältnismäßig lange. Man kennt sich, man nimmt sich eben Zeit. Auch zum Schnacken. Um 18 Uhr sind die Bürgersteige hochgeklappt. Hier ticken die Uhren wirklich anders. Zurück laufe ich durch die Siedlungen, vorbei an mit Hecken umsäumten Reihenhäusern. Zuhause angekommen, merke ich, dass meine Haut zwiebelt und nach Salz schmeckt. Im Wohnzimmer läuft der Fernseher. In der Küche brutzeln Bratkartoffeln in der Pfanne. Es gibt bald schon wieder Abendbrot. Ich werfe noch ein, dass wir ja später gemeinsam in eine Bar, kegeln oder ins Inselkino gehen könnten. Was man hier eben so mache auf Borkum. Überzeugen konnte ich niemanden. Der Abend endet wie der vorherige. Auf dem Sofa, vor dem Fernseher. Ich checke mein Instagram. Alle sind verkatert von gestern. Es ist 22:30. Ich bin müde und gehe schlafen.
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Tag 3:
Ich bin etwas früher wach geworden als gestern. Der Frühstückstisch ist gedeckt. Kaffee. 2 Zigaretten auf dem Balkon. Wir unterhalten uns beiläufig ein bisschen über meinen Job, über Trump und Tesla-Autos. Draußen ist es heute bedeckt. Ich überlege deshalb lieber in die Sauna zu gehen. An der Kasse des Freizeitbads hat sich eine lange Schlange gebildet. Ich war wohl nicht die einzige, die sich überlegt hat, bei dem miesen Wetter in die Sauna zu gehen. Die Kassiererin: „Die Sauna ist voll. Wir haben eine Warteliste. Wenn sie keine Gästekarte haben, müssen sie außerdem 8 Euro mehr bezahlen.“ „Und wo bekomme ich so eine Gästekarte her?" „Der Schalter im Kulturforum hat erst ab 15 Uhr wieder geöffnet.“ Das sind noch zwei Stunden. Ich entscheide mich gegen die Sauna und spaziere am Wasser entlang zurück. Es fängt an zu regnen. Ich kehre in ein Café ein, bestelle einen Chai Latte und lese Zeitung. Mittlerweile regnet es Bindfäden. Eine Stunde später: Der Horizont ist verschwunden. Das Meer und der Himmel sind zu einer einzigen grauen Fläche verschwommen. Eine seltsame Melancholie überfällt mich. Was soll ich mit den restlichen Nachmittag anstellen? Zeit wird ein dehnbarer Begriff.
Ich rufe meinen Vater an, erzähle ihm von der überfüllten Sauna und der Gästekartenproblematik und schlage ihm vor, dass wir uns irgendwo zum Essen oder Kaffeetrinken treffen könnten. Ein kluger Schachzug von mir, um meine Familie mal aus dem Haus zu locken. Sie sagen zu.
Eine halbe Stunde später treffen wir uns an der Promenade in einem Restaurant. Meine Tante, die auch auf der Insel wohnt, kommt ebenfalls dazu. Das erste Mal an diesem Wochenende gehen wir gemeinsam raus. Wir unterhalten uns gut, trinken Kaffee, essen Kuchen und bummeln gemeinsam zurück durchs Dorf nach Hause. Die Frau meines Vaters kümmert sich danach ums Abendbrot, während ich zusammen mit meinem Vater noch einmal mit dem Hund zum Strand gehe. Er setzt eine Stirnlampe auf. „Warum?“, frage ich. „Weil man sonst nichts mehr sieht in den Dünen. Er sei durchaus auch schon mal vom Weg abgekommen, wenn es hier abends richtig dunkel wird. Da hat er Recht. Auf der Insel ist es stockduster nach Sonnenuntergang. Es ist schon unser letzter gemeinsamer Abend heute. Morgen werde ich zurück nach Berlin fahren. Schade, dass die Zeit immer so schnell rumgeht, sagt mein Vater. Es fängt wieder heftig an zu regnen. Wir drehen um, essen gemeinsam zu Abend und schauen irgendetwas im Fernsehen. Ich erkläre meinem Vater, was Netflix ist und erzähle ihm von einer Serie, die ich gerade schaue. Er wird neugierig. Wir schalten um, auf Netflix. Ihm gefällt, was wir schauen. Und mir auch. Wir schauen noch eine Folge. Jetzt ist es schon nach 24 Uhr. Morgen muss ich früh raus, damit ich nicht die Fähre verpasse. Denn die fährt ja nur 2x am Tag. Ich gehe schlafen.
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Tag 4, mein Abreisetag:
Ich habe mir einen Wecker gestellt. Heute muss alles ein bisschen schneller gehen, ich fahre zurück aufs Festland. Ich muss erst die Regionalbahn und dann den Schnellzug ab Hannover zurück nach Berlin kriegen. Ich krame meinen Rucksack hinter dem Sofa hervor, packe meine sieben Sachen zusammen. Schnell noch unter die Dusche, ein Brötchen für unterwegs schmieren und schon geht's wieder los. Ich verabschiede und bedanke mich. Hoffentlich dauert es diesmal nicht wieder zwei Jahre, bis du uns besuchen kommst. Da sind plötzlich schon wieder so komische Gefühle jetzt.
Dieselbe Geschichte wie am Freitag, nur zurückgespult. Ich nehme die bunte Bimmelbahn zum Fähranleger, steige dort auf das Schiff. Zwei Stunden später komme ich in Emden Außenhafen an, steige um in den Zug. In Emden warte ich auf die nächste Bahn, immer noch nichts los hier am Bahnhof. Die Regionalbahn kommt pünktlich. Wieder durch Leer, Bad Zwischenahn, Oldenburg. 3 Stunden später bin ich Hannover. Es wird voller. Alle warten auf die Schnellbahn, die uns in weniger als 2 Stunden nach Berlin bringt. Ich rauche noch eine auf dem Bahnsteig. Wenn ich um 19 Uhr in Berlin bin, kann ich sogar noch raus gehen und mich mit meinen Freunden treffen. SMS. Um 20 Uhr in unserer Stammbar. Ich freue mich, gleich wieder zu Hause zu sein, meine Freunde zu sehen. Wie es denn war auf der Insel, fragen sie? Ich habe keine Antwort parat.
Später, auf dem Rückweg in meine eigene Wohnung, in mein eigenes Bett, denke ich darüber nach, ob das Wochenende auf der Insel so war, wie ich es mir vorgestellt habe. Ich glaube, das war es nicht. Ich hätte gern mehr unternommen und noch mehr Zeit mit meiner Familie verbracht. Ich hätte es auch lieber gehabt, wenn der Fernseher abends nicht permanent an gewesen wäre. Aber das ist ja irgendwie alles Quatsch. Achtung Erwartungshaltungen, weil Ostern und so. Mein Familie und ich haben unterschiedliche Interessen und verschiedene Vorstellungen davon, wie wir unseren Tagesablauf gestalten. Das weiß ich jetzt mehr denn je. Das war ihr Leben, nicht meins. Trotzdem war es rückblickend betrachtet schön. Es war mir in gewisser Weise ja alles noch vertraut. Ich habe zwar nicht viel unternommen, wahrscheinlich längst nicht alles ausgekostet, was die Insel zu bieten hat. Aber hey. Das nennt man dann wohl Entschleunigung. Und die ist mir auf der Insel schneller als anderswo gelungen. Ich werde in zwei Jahren wieder kommen.
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Ich liege um 23 Uhr im Bett und bin müde. Morgen klingelt mein Wecker um 7:30. Berlin hat mich wieder.
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