Wie wird man eigentlich Parfumeurin? Es braucht mehr als eine feine Nase

Betritt man den hellen Ausstellungsraum in Schöneberg, sieht man vor allem eins: Kunst. Die ist nicht immer gleich, sondern wechselt des Öfteren. Auffällig sind die Nuancen von Blautönen in denen die Kunstwerke gehalten sind. In Regalen an den hinteren Wänden stehen unauffällig tiefblaue, kleine Glasfläschchen aufgereiht neben den passenden blauen Kartons.
Jenna Dallwitz
Eine zierliche, sehr attraktive Frau eilt auf mich zu und begrüßt mich herzlich auf Englisch mit französischem Akzent. Marie Le Febvre ist Wahlberlinerin, aber auch durch und durch Französin. Und sie ist Parfumeurin. Ja, richtig gelesen. Sie kreiert Parfums mit Hilfe ihres Kapitals; ihrer offensichtlich sehr guten, kreativen Nase. Den meisten ist dieser Beruf wohl vor allem aus Patrick Süskinds Roman „Das Parfum“ oder der gleichnamigen Verfilmung bekannt. Marie Le Febvre sieht indes gar nicht kauzig aus oder mutet seltsam an, ganz im Gegenteil: Die Geschäftsfrau und Mutter eines Sohnes hat eine einehmende Persönlichkeit. Wenn sie spricht, tanzen ihre zierlichen Hände in der Luft; manchmal, wenn ihr ein Wort fehlt, kräuselt sie die so wertvolle Nase und lässt die Augen wandern, so als würden ihr die Wände ihres Ateliers einen Tipp geben können.
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Doreen Geyer
Im Hinterraum der kleinen Galerie befindet sich ihre ganz persönliche Schatzkammer: Ein winziger Raum ­– knapp 10 Quadratemeter – voll mit etlichen Fläschchen, Behältnissen, Blättern mit Notizen, Maßbechern, Schränkchen mit allerlei geheimnisvollen Tinkturen, deren Fläschchen liebevoll von Hand beschriftet sind. Ein wenig wie eine kleine Apotheke, aber eben in Miniaturformat. Die Präzisionswaage auf der Werkbank ist eins der wichtigsten Werkzeuge der kreativen Französin. Ein Hauch aus vergangenen Zeiten nimmt einen ein; hier ist nichts digital, alles analog, echt, noch richtiges Handwerk, Kunst und auch ein wenig Magie. „Hier entwerfe ich die Düfte. Das ist eine erste und einmalige Probe, deren Rezept dann an einen Produzenten in Frankreich geht“, erklärt Marie mir. „Sie mischen nach meinen Notizen ein Probeduft, den ich gegenchecke, um mich zu vergewissern, dass er genau so riecht wie mein Erstentwurf. Erst wenn das der Fall ist, geht das Parfum in eine größere Produktion.“
Doreen Geyer
Man denkt jetzt vielleicht, so viele tolle Düfte, in einem Raum, himmlisch, wie das alles duften muss. Ähm, nein. „So ein Parfum ist eine sehr komplexe Sache. Da sind auch Nuancen drin, die für die ,normale’ Nase fast unangenehm riechen und nur in kleinen Prozentsätzen die Einzigartigkeit eines Duftes ausmachen.“ Fast logisch. Ich stelle mir die Kreation eines Duftes ein wenig vor wie das Kochen eines aufwendigen Gerichtes. Manche Gewürze oder Zutaten würde man wohl kaum roh oder in Massen verzehren, im Gericht selbst aber geben sie häufig den letzten Schliff. Urban Scents heißt die Firma von Marie LeFebvre und ihrem Mann Sascha Urban, der ebenfalls in der Duftbranche tätig und Experte für Beauty und Duftrohstoffe ist. Die erste Kollektion in den tiefblauen Flaschen ist exklusiv und verzaubert: Düfte wie Desert Rose und Gunpowder Cologne scheint man vorher noch nie gerochen zu haben. Sie sind edgy aber auch classy und fallen auf.
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Meine Nase war immer wach. Wenn ich Zeit hatte, stand ich in der Kosmetikabteilung oder beim Duschgel und habe jede noch so kleine Nuance aufgesogen.

Marie Le Febvre, Parfumeurin
Aber wie kommt man eigentlich dazu Parfumeurin zu werden? Marie lacht ein bisschen verschmitzt. „Die großen Parfumeur-Clans in Frankreich, vorrangig in Grasse, sind eigentlich alles Familienunternehmen. Da wird die Kunst quasi weiter gegeben“, sagt Marie. „Ich bin eher auf Umwegen dazu gekommen.“ Und mit viel Glück: Denn gegen die erwähnten Clans oder Pariser Parfumhäuser hat man als Einzelperson wenig Chancen, gerade als Frau.
Über ein Praktikum in der Kosmetikbranche und ein paar glückliche Zufälle kam die Pariserin noch zu Schulzeiten in Berührung mit ihrem Metier und fand so auch ihren Mentor. Das Kennenlernen von Jacques Cavalliers ist quasi ihr verfrühter Ritterschlag. Cavallier ist Top-Parfumeur, ihn kennt man über die Grenzen Frankreichs hinweg und seine Duftkreationen für große Marken wie Givenchy, Yves Saint Laurent, Lancôme und Dior sind ebenso legendär wie unsterblich. Er war es, der ihr ein Köfferchen mit unterschiedlichen Essenzen gab und der Aufgabe, diese zu erriechen, alle Gedanken, Assoziationen, Ideen dazu zu notieren. Nach erfolgreichem Erledigen dieser Aufgabe folgte ein weiteres Köfferchen. Der Grundstein einer großen Karriere: Cavalliers wurde ihr Mentor.
Das Rezept um erfolgreich als Parfumeurin zu arbeiten? „Die Nase. Kreativität. Übung“, sagt Marie überzeugt. „Das sind die Aspekte, die einen guten Parfumeur ausmachen.“ Als sie Kind war, besaßen ihre Eltern einen eigenen Supermarkt. Nun mag man denken, nicht gerade das Umfeld, welches eine talentierte Nase fördert. Das sieht Marie anders. „Meine Nase war immer wach. Wenn ich Zeit hatte, stand ich in der Kosmetikabteilung oder beim Duschgel und habe jede noch so kleine Nuance aufgesogen.“ Heute kann sie ihre Nase quasi an- und ausschalten. Natürlich riecht sie immer und nimmt vielleicht auch mehr Gerüche war, als jemand ohne ihren beruflichen Hintergrund. „Aber bis zu einem gewissen Maß kann ich sie aus-switchen, zumindest in dem Sinne, dass ich nicht durchgehend analysiere und so gesehen arbeite.“
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Es ist eine unbekannte Welt für viele, das stimmt. Auch weil Duft für den Laien nicht greifbar ist, weil er konkret ist aber gleichzeitig immer irgendwie unbeschreiblich bleibt.

Marie Le Febvre, Parfumeurin
Nach einem Studium der Chemie besuchte Marie Le Febvre die rennomierte Parfumschule Ispica in Versailles, ihrem Geburtstort, arbeitete nach dem Abschluss ihres Studiums für international anerkannte Häuser: L’Oréal, Estée Lauder und LVMH (für die meisten besser bekannt als Moët Hennessy – Louis Vuitton) entwickelte sie exklusive Düfte, die rauschende Erfolge feierten.
Die großen Düfte der bekannten Marken sind heute Massenprodukte, was auch heißt, sie müssen einem Gros der Menschen gefallen. „Das ist nicht immer Zeichen für Qualität, aber dennoch für einen guten Parfumeur“, weiß Marie Le Febvre. „Denn der Duft muss charismatisch genug sein, um herauszustechen und gleichzeitig dezent genug, um der Masse zu gefallen.“ Parfum merke ich, ist eine geheimnisvolle Welt, eine, die dem Ottonormalverbraucher im Normalfall verborgen bleibt. „Es ist eine unbekannte Welt für viele, das stimmt. Auch weil Duft für den Laien nicht greifbar ist, weil er konkret ist aber gleichzeitig immer irgendwie unbeschreiblich bleibt“, weiß Marie, die neben der Leidenschaft für Düfte ein weiteres Herzensprojekt hat: Das Fliegen. Marie und ihr Mann sind beide Piloten, das Logo von Urban Scents beinhaltet einen Flugzeugpropeller. „Kaum ein Laie hat schon mal die Möglichkeit wirklich alle Zutaten eines Parfums zu riechen.“ Ein Fakt, dem die Französin entgegen wirken möchte. „Wenn alles so weiterläuft, wie ich es mir wünsche, komme ich irgendwann an den Punkt an dem ich irgendwann Schulungen und Trainings in dem Bereich gebe. Nicht nur für Menschen, die sich beruflich in dem Bereich auskennen müssen, sondern auch für Interessierte, die aus anderen Branchen kommen.“
Heute produziert Marie mit Urban Scents nicht nur ihre eigenen Düfte, sondern auch Essenzen für Kunden wie größere Labels, Brand-Ketten oder auch Privatpersonen, die das nötige Kleingeld haben. „Ein Parfum zu entwerfen ist unglaublich viel Arbeit“, verrät die Wahlberlinerin. Ein guter Duft, der extra für einen nach den eigenen Vorlieben kreiert wird, kostet da schon mal 8.000 – 10.000 Euro. Günstiger, aber nicht weniger kreativ und auch ziemlich exklusiv fährt man da mit einem Duft aus ihrer aktuellen Kollektion. 180 Euro kostet einer der sechs unterschiedlichen tiefblauen Flacons. Ein stolzer Preis, aber einer, der sich lohnt. Das hier ist echt Handarbeit und dann auch noch aus dem Herzen Berlins. Wir haben uns in Desert Rose verliebt, der frischt riecht, rosig, aber absolut nichts mit einem anstrengenden Rosenduft gemein hat, den man schnell assoziiert– aber auch die anderen Düfte verzaubern auf eine ganz eigene Art und Weise. Singular Oud inspiriert durch die Kombination von orientalischen Nuancen mit Zitrusnoten und auch die anderen vier Kreationen entführen in fremde Welten.
Doreen Geyer
Marie liebt Synergien, außergewöhnliche Konzepte und Kooperationen: Für Zacapa Rum hat sie beispielsweise ein Duftkerze entwickelt, eine die sich an den Zutaten des Edelrums Royal orientiert. Solche Aufträge sind es, die ihr die Möglichkeit geben, von ihrem Label zu leben und eben auch eigene Projekte zu starten. Ihre kleine Kollektion von sechs Düften, die als unisex gelten und somit für Mann und Frau kreiert worden sind, wird ebenfalls von drei Duftkerzen (je 65 Euro) komplettiert. Sie wirkt angekommen und zufrieden, wie sie da steht in ihrem winzigen Labor, das irgendwie dann doch ein bisschen urig und anders wirkt, so wie man es sich halt bei "Das Parfum" ausgemalt hat. Stagnation heißt das jedoch lange nicht: „Ich habe viele Ideen, Pläne, Visionen“, sagt sie lachend. Und sie scheint gerade einfach alles richtig zu machen.
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