Warum ein Nein zur Pille für mich die modernste Form der Emanzipation ist

Foto: Sophia Giesecke
Nimmst du die Pille? Auf diese Frage antworten die meisten Frauen in ihren Zwanzigern mit einem eindeutigen „Ja“. Verständlich, denn die Pille erleichtert uns viele Dinge. Die Einnahme ist unkompliziert und bringt zudem ein paar sehr angenehme Nebeneffekte mit sich. Doch welchen Hormoncocktail Frauen täglich zu sich nehmen & welche Neben- und Nachwirkungen auftreten können, das wird häufig zu wenig oder gar nicht thematisiert. Wir finden, es fehlt eine angemessene Informationspolitik! Diese Kluft wollen wir schließen und läuten nach ausgiebiger Recherche und Gesprächen mit Expert*innen die Themenwoche „BitterSweet“ rund um die Antibabypille ein, um dich umfassend und differenziert zu informieren.
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Oft wird die Antibabypille mit der sexuellen Befreiung der Frau verknüpft, sie gilt als ein wichtiger Schritt in Richtung Gleichberechtigung und bedeutete in den 60er und 70er Jahren, dass erstmals Geschlechtsverkehr und Empfängnis voneinander getrennt werden konnten. Sie führte zu einer größeren Experimentierfreudigkeit und zu einem angstfreieren sexuellen Verhalten auf beiden Seiten. Und lange Zeit galt auch für mich: Die Antibabypille ist ein Zeichen der Emanzipation und ein Symbol für den Feminismus.

Die Pille als Symbol der sexuellen Befreiung der Frau

Durch die Einnahme der Pille konnte ich mich sexuell ausleben, ohne mir ständig Gedanken über eine ungewollte Schwangerschaft zu machen. Das gab mir das Gefühl von Kontrolle, von Unabhängigkeit, von Eigenständigkeit. Auch das Thema Abtreibung spielte für mich durch die regelmäßige Einnahme der Pille nie eine Rolle. Bei Freundinnen erlebte ich immer wieder, welche ethisch-moralischen Konflikte dies auslösen konnte. In meinen festen Beziehung war die Pille für mich wie auch für meinen Partner von Vorteil. Sofern sich beide Seiten auf Geschlechtskrankheiten hatten testen lassen, war man auf diesem Wege ganz ohne zusätzliche Verhütungsmittel safe und eben auch: gleichberechtigt. Betrachtet man es aus diesem Standpunkt heraus, kann man sicherlich sagen, dass die Einführung der Pille vor mittlerweile über 50 Jahren zur sexuellen Selbstbestimmung der Frau beigetragen und eine wichtige Rolle im Fortschritt unserer Emanzipation gespielt hat.
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Nun schreiben wir allerdings das Jahr 2018. Sich sexuell auszuleben ist für beide Geschlechter – zumindest in Deutschland – eigentlich normal. Vor einem Jahr habe ich die Pille abgesetzt, denn ich wollte mich der Zugabe von künstlichen Hormonen einfach nicht mehr aussetzen. Ich hatte extreme Stimmungsschwankungen, die ich nicht wirklich zuordnen konnte, und fühlte mich auch ansonsten unwohl in meiner Haut, ohne einen adäquaten Grund zu finden. Ich entschied mich also dazu, fortan auf die Einnahme künstlicher Hormone zu verzichten und begann auch darüber zu reflektieren, was dies im Bezug auf meine eigene Weiblichkeit bedeuten und ob sich mein Selbstverständnis in irgendeiner Weise verändern würde. Mit etwas Abstand wurde mir dadurch klar, dass ich den Schritt, ganz bewusst „Nein!“ zur Pille zu sagen, heutzutage als die moderne Variante der Emanzipation empfinde.
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„Nein zur Pille“ – die modernste Form der Emanzipation?

Ich denke zum Beispiel, dass sich die Geschlechter viel zu sehr daran gewöhnt haben, dass Frauen die Pille nehmen. Oft wird es dem weiblichen Part überlassen, sich darum zu kümmern, nicht schwanger zu werden, es wird sogar vorausgesetzt. „Wie, du nimmst die Pille nicht? Warum nicht?“ hören Frauen da schon mal beim Sex mit einem neuen Mann. Besonders nervig wird es dann, wenn sich mit seinem One-Night-Stand zudem um die Nutzung eines Kondoms gestritten wird. „Aber da spüre ich gar nichts, ich hasse Kondome“ mosert manch ein Typ noch immer in dieser Situation. Klar, mit Kondom spürt man weniger, das empfinden auch viele Frauen so. Aber will man sich tatsächlich mit irgendwelchen Krankheiten anstecken? Sicherlich nicht. Immerhin ist doch davon auszugehen, dass ein Mann, der in diesem Fall eine gewisse Nachlässigkeit an den Tag legt, dies auch beim Sex mit anderen Frauen tut.

In dem Selbstverständnis, meine eigenen Regeln für meine Sexualität zu machen, begegne ich Männern umso mehr auf Augenhöhe.

Ebenfalls beliebt ist natürlich auch immer noch die – trotz hoher Fehlerquote – altbewährte „Rauszieh-Methode“. „Ach komm schon Baby, ich pass auf“. Na logisch. Und wenn das Mädchen danach schwanger ist, sitzt sie dann da. Nee, lieber nicht. Selbst rein pragmatisch betrachtet ist die Pille kein Ausdruck der Gleichberechtigung, besonders als Single nicht. Die Beschaffung liegt in der Regel bei der Frau und erfolgt meist auf eigene Kosten. Ab dem 21. Lebensjahr sind es im Schnitt pro Halbjahr je nach Produkt zirka 50 Euro. Das sind auf zehn Jahre summiert immerhin 1.000 Euro. Aber das ist für mich nicht einmal der springende Punkt.
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Die Verantwortung in Sachen Verhütung liegt noch zu oft bei der Frau

Ich bin Fan von einem Leben ohne Pille, sowohl aus gesundheitlicher als auch aus feministischer Sicht. Ich schäme mich nicht dafür, mit verschiedenen Männern zu schlafen und dann zu sagen: „Nö, ich nehme nicht die Pille. Wir müssen mit Kondom verhüten.“ Abgesprungen ist deswegen bislang noch keiner, aber ich habe meine Regeln klar kommuniziert. Und an dieser Stelle ist es auch eine Art Selbstkontrolle, denn ich achte natürlich genauer darauf, mich vor einer ungewollten Schwangerschaft zu schützen, was praktischerweise automatisch die Empfängnis unliebsamer Geschlechtskrankheiten reduziert. Vor allem aber setze ich ohne Pille ein klares Zeichen für meinen Körper, für meine Weiblichkeit und gegen die Einnahme künstlicher Hormone, die meinem Körper und meiner Seele nie gut getan haben.
Nach dem Absetzen der Pille habe ich ein anderes Körpergefühl entwickelt. Ich empfinde mich tatsächlich als weiblicher, habe mehr Lust auf Sex und fühle mich einfach wohler. Ich habe generell das Gefühl, meiner Sexualität und meinem Körper mit mehr Verantwortung zu begegnen. In dem Selbstverständnis, mir eigene Regeln für meine Sexualität aufzustellen, begegne ich Männern umso mehr auf Augenhöhe. Und darum geht es doch ultimativ auch bei Emanzipation und Gleichberechtigung.
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