Schlechte Haut mit 30: Was hinter der Stewardessenkrankheit steckt

Plötzlich Ausschlag. So lange ich denken konnte hatte ich immer eine tolle Haut, selbst in der Pubertät blieb ich von Pickeln oder Akne verschont, während meine Freundinnen mit sich und ihrer Gesichtshaut kämpften. Ich aber erfreute mich eines ebenmäßigen, glatten Teints. Bis mich das Karma schließlich mit 30 gekriegt hat!

Was ich vor knapp eineinhalb Jahren sah, als ich eines Abends nach dem Abschminken in den Spiegel blickte, konnte unmöglich mein Gesicht sein: auf meinem Kinn war die ehemals so schöne Haut zu einem seltsam unebenen Landschaftsbild geworden – von glatt keine Spur, es hubbelte, knubbelte und kitzelte komisch. Kein Problem, nichts, was ein bisschen Pflege nicht wieder richten könnte – ich cremte ungehemmt drauf los, und das nicht zu knapp. Viel hilft schließlich auch viel. Zusätzlich stellte ich meine Haut unter besondere Beobachtung und griff nach dem abendlichen Abschminken entgegen meiner sonstigen Gewohnheit auch auf eine klärende Tinktur zurück. Diesen Kampf würde ich gewinnen!

Dass das vielleicht gar nicht so einfach werden könnte, dämmerte mir, als auf der unebenen Landschaft plötzlich die ersten Pusteln wuchsen. Kleine rote, pickelartigen Knötchen, die allerdings nicht wie Pickel reagierten, wenn man daran rumfummelte. Wo kam das her? Was wollte es von mir? Ich cremte weiter und schlug beim morgendlichen Schminken noch eine spachteldicke Masse Concealer oben drauf. Wenn das, was da war, schon nicht wegging, dann sollte es zumindest keiner sehen. Es klappte ganz gut, ich arrangierte mich ein paar Tage mit meinem neuen Erscheinungsbild und schob es auf die neue, sündhaft teure Creme, die ich wenige Tage zuvor zum ersten Mal ausprobiert hatte. Die war anscheinend nichts für meine Haut und ging den Weg alles Irdischen. Anschließend wechselte ich wieder zu meiner alten Creme aus der Drogerie und harrte der Dinge, die da kommen mochten. Und es kam sogar eine ganze Menge: noch mehr Pusteln und Rötungen, die es sich unterhalb der Nasenflügel richtung Mund bequem machten. Ich bekam Panik.

Eine kurze Internetrecherche brachte verschiedene Ergebnisse zutage, von denen mir keins gefiel. Neben der üblichen “ich habe meine Symptome gegoogelt und jetzt habe ich Krebs”-Ergebnisse schien mir der Verweis auf eine Erkrankung namens Periorale Dermatitis für mein derzeitiges Erscheinungsbild am wahrscheinlichsten. Der unschöne Ausschlag trat früher vor allem bei Flugbegleiterinnen auf, die von Berufswegen auf ihren Reisen dank Bordverkauf und Duty Free immer wieder neue Gesichtscremes ausprobieren konnten, viel Wert auf ein gepflegtes Äußeres legten und dabei ständig der trockenen Kabinenluft eines Flugzeugs ausgesetzt waren. Daher bekam die Periorale Dermatitis auch den – wesentlich umgänglicheren Namen – Stewardessenkrankheit verliehen.

Mein Anblick brachte mich derweil weniger zu Höhenflügen als dem innigen Wunsch, mich in einem Mauseloch zu verkriechen. Auch das, was ich sonst noch so über die Entstehung und den Krankheitsverlauf las, war wenig ermunternd: wer oft neue Produkte ausprobiert, übermäßig cremt und schmiert, abdeckt und pudert, überfordert die Haut und nimmt ihr die Fähigkeit, für sich selbst zu sorgen. Wenn man Pech hat, ist eine Periorale Dermatitis die Folge. Cremt man dann weiter, wird alles nur noch schlimmer! An dieser Stelle wäre es für mich vielleicht an der Zeit gewesen, auf eben jene Dinge zu verzichten. Pah! Denkste! Denn da ich meist alles besser weiß und nicht davor zurückschrecke, das auch zu beweisen, cremte ich trotzdem weiter und ignorierte auch die Warnung, keine Cortisoncremes zu verwenden. Die würden den Ausschlag zwar kurzzeitig unterdrücken, um ihn anschließend jedoch noch schlimmer werden zu lassen, warnte man im Intenet. Was soll ich sagen? Das Internet hat Recht.

Geläutert lenkte ich ein: anscheinend konnte tatsächlich nur noch ein totaler Verzicht auf sämtliche Kosmetika helfen, nur ein Cold Turkey würde – nach einem Zeitraum von drei bis sechs Monaten – dazu führen, dass meine Haut sich wieder erholt. Aber wie sollte ich ungeschminkt morgens ins Büro gehen, wie den Kollegen unter die Augen treten? Also tat ich, was ich konnte. Ich fuhr alle Maßnahmen auf ein Minimum herunter: abends schminkte ich mich mit milden Pflegetüchern ab und wusch mein Gesicht mit etwas Waschgel. Danach ertrug ich die spannende Gesichtshaut ohne Creme wochenlang mit Fassung. Morgens benutzte zur Reinigung lediglich warmes Wasser, doch auf mein geliebtes Schminken konnte und wollte ich nicht verzichten. Trotzdem puderte ich weiterhin eine dünne Schicht über den Ausschlag, verzichtete jedoch darauf, anschließend meinen fast schon liebgewonnenen Concealer drüber zu spachteln. Mit dem Weglassen des Concealers kamen die Blicke im Büro. Oder zumindest redete ich mir das ein, denn wirklich angesprochen wurde ich nur einmal, und das nicht auf den Ausschlag, sondern meine raue Haut, die ich schon fast rascheln zu hören glaubte. Durch den Verzicht meiner abendlichen Pflege wurde das Gesicht nämlich nicht nur knochentrocken, es schuppte auch schrecklich. Dass meine morgendliche Puder-Routine das nicht besser machte, muss ich an dieser Stelle wahrscheinlich nicht extra erwähnen. Abends klatschte ich eingeweichte Schwarzteebeutel auf die entzündeten Stellen – soll angeblich helfen – und beschloss, dass es an der Zeit sei, klein beizugeben und einen Termin beim Arzt zu machen. Natürlich ging ich geschminkt hin.

Der gute Mann sah auch so was los war und diagnostizierte – ich hatte es ja schon gewusst – Periorale Dermatitis. Er riet mir, drei bis sechs Monate keine Cremes und… jupp, danke, nein. Sein zweiter Vorschlag gefiel mir wesentlich besser: Tabletten. Ja, ich gebe es zu, ich hatte einfach nicht den Mumm, die harte Tour durchzuziehen, ich wollte den schnellen Weg, ich wollte nicht morgen sondern am liebsten noch heute wieder aussehen wie zuvor, ich wollte mich wieder gut fühlen.

Also schluckte ich erst den folgenden teuren Einkauf in der Apotheke, und anschließend zwei Pillchen pro Tag. Diese enthielten so genannte Tetracycline, welche die Bakterien abtöten und mit ein bisschen Glück sogar dauerhaft in die Flucht schlagen sollten. Klingt super, hat aber einige Nachteile. Denn Tetracycline wirken antibiotisch und sind somit nicht ganz unproblematisch. Der Wirkstoff beeinträchtigt die Wirkunsgweise der Pille und belastet die Leber, weshalb dazu geraten wird, regelmäßige Bluttests zu machen. Auch auf Alkohol sollte während der Behandlungszeit verzichtet werden. Das bekam ich hin.

Knapp drei Wochen lang schleppte ich die Packung noch mit mir rum, traute mich aufgrund der Nebenwirkungen jedoch nicht, die Tabletten auch zu nehmen. Erst als der morgendliche Blick in den Spiegel mir plötzlich Pusteln auf der Nasenwurzel und Stirn präsentierte, hielt mich nichts mehr davon ab. Was soll ich sagen: schon nach einer Woche trat eine Verbesserung ein, nach drei Wochen sah ich wieder aus wie früher – naja, nicht ganz wie früher, denn Falten und Co. lassen die Pillen leider nicht verschwinden. Aber zumindest meine Haut hatte sich beruhigt. Und heute? Ich habe inzwischen viele Cremes entsorgt und verwende tatsächlich nur noch abends Waschgel. Anschließend pflege ich meine Haut mit einer Creme aus der Apotheke, die keine Konservierungsstoffe enthält. Das war es. Interessanterweise gewöhnt die Haut sich irgendwann daran, nicht ständig eingecremt zu werden und fühlt sich irgendwann richtig gesund an. Und das Beste: mein Portemonnaie freut sich mindestens genau so!
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