Plastiktüten werden aus dem Supermarkt verbannt, aber trotzdem zur neuen It-Bag

Instagram @zikocomeon_iris
Es gab eine Zeit, da wurden Handtaschen konsequent durch Stoffbeutel ersetzt. Wer etwas auf sich hielt und besonders hip war, der trug auf einmal Jute über dem Arm. Ein großes Fashion-Statement war das vielleicht nicht gerade, aber es war ein modisches Phänomen, das teilweise eine ganze Generation prägte. Jutebeutel in sämtlichen Farben und Formen, mit Aufdrucken aller Art. Als am lässigsten galten jedoch diejenigen, die schon besonders abgerockt waren - Vintage-Stoffbeutel sozusagen.

Früher war es der Jutebeutel

Das Kuriose: Die Jute-Bags galten zwar als der neue Handtaschenersatz, wurden in der Regel jedoch mehr aus Trend- als aus Nachhaltigkeitsgründen getragen. Obwohl die Umweltproblematik mit Plastik(tüten) auch schon vor ein paar Jahren existierte, gingen viele Menschen immer noch ohne mitgebrachte Tragehilfen in den Supermarkt - schließlich konnte man einfach für 10 Cent die Variante aus Plastik kaufen. Der Jutebeutel als Einkaufstasche war damals noch mit dem Begriff 'Öko' behaftet und während man darin zwar Portemonnaie, Tabak oder andere Alltagsgegenstände transportierte, hatte man normalerweise kein zweites Modell für den Supermarkt dabei.
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Inzwischen ist das anders. Der Jutebeutel hat sein Öko-Image verloren und man wird an der Kasse fast schon schief angeschaut, wenn man seinen eigenen zu Hause vergessen hat. Überhaupt werden in immer weniger Läden Plastiktüten verkauft, viele Geschäfte sind auf Papiertüten umgestiegen. In einigen Modeketten gibt es die Plastikvariante zumindest nicht mehr umsonst dazu, sondern muss bezahlt werden. Ein Umdenken findet statt, und das ist gut so. Durch den Jutebeutel werden wir plötzlich alle zu Umweltschützern im kleinen Stil und können uns stolz fühlen. Ein Umdenken fand übrigens auch in modischer Hinsicht statt, denn mittlerweile sind nur noch wenige Jutebeutel als Fashion-Accessoire im Umlauf, sondern tatsächlich nur noch als Einkaufsbeutel - die Trendwelle ist (glücklicherweise) wieder abgeflaut.

Die Plastiktüte als als Anti-Bag

Dafür bahnt sich ausgerechnet jetzt das gegenteilige Modephänomen seinen Weg auf die Laufstege und in die sozialen Medien. Darf man Influencer*innen, Redakteur*innen und Designer*innen Glauben schenken, sind paradoxerweise Plastiktüten ab sofort die neuen It-Bags. Aber warum, wo die Plastiktüte doch eigentlich ein für allemal von der Bildfläche verschwinden sollte? Wo in Europa im Durchschnitt leider immer noch jede*r von uns jährlich rund 500 Plastiktüten verbraucht, die nicht nur in ihrer Produktion schädlich sind, sondern auch bei der anschließenden Verbrennung, wenn sie nicht gerade achtlos in der Natur landen. Die Plastiktüte gilt inzwischen doch eigentlich als Sinnbild für die Verschmutzung der Weltmeere. Jeder kennt die Bilder von Tieren gefangen in Plastikmüll oder verdreckten Traumstränden. Wieso also landet gerade dieses Symbol plötzlich auf dem Laufsteg?
Vielerorts werden die Plastik-Accessoires gerade als "Anti-Bag" bezeichnet, sind also das Gegenteil von den üblichen Luxushandtaschen und vielleicht genau deshalb so heiß begehrt. Schlicht und einfach, aber trotzdem muss man das nötige Kleingeld haben, um sie zu besitzen. Im Berliner Voo Store wird schon seit Längerem eine transparente Tüte von Raf Simons für schlappe 150 Euro angeboten und auf den Spring/Summer 2018 Fashion Weeks sah man zuletzt Models bei Céline, Burberry und Balenciaga mit Plastikbeuteln auf dem Laufsteg. Die Céline-Variante geht für knapp 480 Euro über den Ladentisch, Balenciaga für unglaubliche 940 Euro. Was auf den ersten Blick so scheint, als würde die Umweltsünde hier zum begehrenswerten Modeobjekt stilisiert, könnte auf den zweiten Blick auch eine andere Bedeutung haben: Vielleicht möchten die Labels mit den überirdischen Preisen erst recht darauf aufmerksam machen, dass auch Plastiktüten keine Wegwerfprodukte sind und wir nicht verschwenderisch damit umgehen sollten. Also ganz im Sinne von Slow Fashion: Weniger kaufen und dafür lieber ein wenig mehr Geld investieren. Das wäre zumindest ein löbliches Statement. Es bleibt allerdings die Frage, ob faire Arbeitsbedingungen, die Verwendung nachhaltiger Rohstoffe oder umweltfreundliche Produktionsbedingungen nicht erst mal wichtiger wären als eine 1000-Euro-Plastiktüte, von der vordergründig niemand anders profitiert, als die Unternehmen selbst.
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