Warum ich Pokémon Go liebe, obwohl ich Zocken hasse

Als ich heute Morgen die U-Bahn-Treppen hochlaufe, spüre ich jede Stufe schmerzhaft in meinen Oberschenkeln. Ich habe extremen Beinmuskelkater. Dafür verantwortlich sind nicht etwa Kayla Itsines oder Jillian Michaels, sondern Pikachu, Jurob und Habitak.

Mein neuer Leg Day heißt Pokémon Go – die App, die in den USA mittlerweile auf mehr Android-Smartphones installiert ist als Tinder.

Wer am Wochenende im Park also angespannt auf sein Smartphone starrend quer über die Wiese gewandert ist, war nicht zwingend auf der Suche nach dem nächsten Match.

Pokémon Go ist ein Smartphone-Spiel, das via GPS Pokémon in unsere Nähe zaubert. Das Erfolgsprinzip hört auf den Namen Augmented Reality: Digitale Inhalte verschmelzen mit der echten Umgebung.

Man fängt die Anime-Favoriten von damals also nicht in einer virtuellen Welt ein, sondern auf dem Weg zur Arbeit, vor dem Lieblingscafé, in der eigenen Straße, auf dem Skateboard – und ja, auch mal auf der Toilette. Genau das macht es spannend. Schummeln zählt übrigens nicht: Wer Pokémons fangen will, muss sich fortbewegen.
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Ich bin alles andere als eine Zockerin und als Kind nach dem Super Nintendo ausgestiegen, weil mir die Bedienung zu komplex wurde. Hypes wie Candy Crush und Angry Birds lösten in mir genau gar nichts aus. Meine Hand-Auge-Koordination ist schlecht, meine Motivation, mich auf die Geschichte eines Spiels einzulassen, nicht vorhanden.

Ich behaupte also hiermit, immun gegen jede Art von digitalen Spielen zu sein – mit einer Ausnahme: der gelben Pokémon-Spieledition auf dem Gameboy Color. 2000 war ich elf Jahre alt und verwandelte mich kurzentschlossen für mehrere Wochen in den treusten Begleiter von Pikachu. Ich legte den Gameboy Color nicht mehr aus der Hand und das überraschte mich selbst am meisten. Mein Ziel war klar: sie alle zu fangen. Ein ambitioniertes Ziel, immerhin gab es insgesamt 150 Pokémon. Dafür übte ich, kaufte mir ein Lösungsbuch und suchte Tauschpartner.

Das hat danach kein Spiel mehr geschafft – bis ich ich mir am Wochenende Pokémon Go heruntergeladen habe.

Da war es wieder, das magische Gefühl, genau das richtige Pocket Monster zu finden, gleich da drüben oder genau dann, wenn ich auf die Bahn warte und gar nicht daran denke. So groß ist der Unterschied zu Tinder also gar nicht. Für mich macht das Pokémon-bedingte Herzklopfen aber noch etwas ganz Anderes aus. Ich schiebe die unfassbare Popularität von Pokémon Go auf ein Urbedürfnis: Pokémons zu sammeln, hat etwas Beruhigendes. Denselben, meditativen Effekt spüre ich, wenn ich nachts einen Warenkorb im Online-Shop des Vertrauens fülle, unverhofft Lieblingsteile finde, dann doch noch Bedenkzeit brauche und das Ganze erstmal auf die Wunschliste packe.


Alles zu haben ist möglich, es kann jederzeit passieren, trotzdem behält man den Überblick. Pokémon Go ist somit perfekt auf die Bedürfnisse des durchschnittlichen Millenials abgestimmt: Es gibt jede Menge Adrenalin und Entdeckergeist, fühlt sich aber auch nicht zu unsicher an.

Das Lebensgefühl, das Pokémon Go damit trifft, zeigt sich übrigens auch in realen Zahlen an der Börse: Die Nintendo-Aktie kletterte laut The Verge übers Wochenende auf den höchsten Wert seit 1983.

In Deutschland ist Pokémon Go offiziell noch nicht verfügbar. Trotzdem hat ein Facebook-Event für eine Pokémon Go-Nachtwanderung, die am Wochenende auf dem Tempelhofer Feld startet, mittlerweile über 3.000 Interessenten. Die Packliste? Mobile Ladestation fürs Smartphone, voller Akku, Getränke. Ich bin vorbereitet. Bis dahin steht übrigens Level Fünf auf meiner To-Do-Liste: Hat man es erreicht, kann man sich einem der drei Teams – zur Wahl stehen: Intuition, Weisheit und Wagemut – anschließen, in Arenen kämpfen und sie übernehmen. Man muss sich schließlich realistische Wochenziele setzen.
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