Gerechter, bunter, besser! Die richtigen Emojis für Political Correctness

Foto: Anna Jay
Die neuen Emojis sind da! Der Ausschuss rundum das Unicode-Konsortium (seinesgleichen so etwas wie die Emoji-Lobby und verantwortlich für die Verwaltung ebendieser) hat getagt und Anfang 2018 das diesjährige Update mit 157 neuen Symbolen veröffentlicht. In wenigen Wochen hat das Warten ein Ende, denn dann werden sie nach und nach auch auf unseren Smartphones, Tablets & Co. erhältlich sein. Ein Glück, immerhin bekommen damit endlich auch Rothaarige und Glatzköpfige eine Stimme – oder eben ein Gesicht – und müssen sich fortan nicht mehr diskriminiert fühlen, wobei ich mich frage, ob sie das je wirklich getan haben.
Mehr als 2.823 Symbole gibt es mittlerweile und jährlich werden es mehr. Während das World Wide Web jedes Mal ganz aus dem Häuschen ist und sich mit Euphorie um die teils skurrilen, teils augenscheinlich längst überfälligen Neuzugänge beinahe überschlägt, beobachte ich das Ganze eher mit Argwohn. Nicht, weil ich Menschen mit roten oder ohne Haare ihr Abbild nicht gönne und schon gar nicht, weil mir nicht der Sinn nach Diversität und Gleichberechtigung steht, sondern weil mir bei dieser manchmal doch recht zwanghaft auferlegten Vielseitigkeit im Chatroom ehrlich gesagt der Kopf schwirrt. Während Kurznachrichten früher noch ebendies waren – kurze Sätze mit den notwendigsten Informationen – gleicht die Kommunikation heute einem Hieroglyphen raten (ja, ja, früher war alles besser). Vielleicht werde ich aber auch einfach nur alt! Trotzdem sehne ich mich manchmal zurück nach dem wohlgemerkt einfachen Prinzip: „Punkt, Punkt, Komma, Strich: Fertig ist das Mondgesicht.“ Immer dann, wenn ich mich beim Scrollen durch die vielen Emojis wieder einmal nicht entscheiden kann.
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Die wahrscheinlich niemals endende Debatte und die Bemühungen, unsere ach so gleichberechtigte Gesellschaft (das ist natürlich pure Ironie) in die digitale Realität zu übertragen, führt dazu, dass jährlich neue Emojis hinzukommen. Jährlich wird die Qual der Wahl größer. Und jedes Mal frage ich mich, was wohl als Nächstes kommt. Immerhin reflektiert die Entscheidung ja auch immer ein bisschen den aktuellen Zeitgeist, oder? Neben Rothaarigen und Glatzköpfen beider Geschlechter (Emanzipation olé), halten in diesem Jahr unter anderem ein verkatertes und ein vernebeltes Smiley (endlich haben durchzechte Berghain-Nächte auch ein Gesicht), eine Mikrobe, ein Bagel, ein Känguru, eine Klopapierrolle und diverse neue Gliedmaßen wie Füße und Beine (dass die sich bisher nicht beklagt haben, Mensch) Einzug ins Kompendium der informellen Kommunikation – in allen erdenklichen Farbtönen versteht sich. Und um es noch ein wenig komplizierter – äh, pardon, vielseitiger – zu machen, kann der User nun auch zwischen den verschiedensten Ausrichtungen der Emojis wählen. Soll der Smiley nach links oder rechts schauen, laufen oder zeigen? Verrückt! Deutungsversuche, wo wir demnach als Gesellschaft gerade stehen, überlasse ich an der Stelle anderen. Ich sehe in dem Update vor allem neuen Zündstoff für kommunikative Missverständnisse.
Und das, obwohl es für fast jede Lebenssituation den passenden Emoji gibt. De facto stimmt das aber natürlich nicht, denn 2.823 Möglichkeiten schließen noch immer mindestens so viele aus und stellen das Unicode-Konsortium damit schon jetzt wieder vor neue Herausforderungen. Während wir uns nämlich ganz bald über das Update freuen dürfen (oder eben auch nicht), brüten sie längst schon über dem nächsten. Wie das aussehen könnte? Hier mal ein paar Anregungen: Pubertierende (Schluss mit makelloser Haut) werden in der Liste bis dato ebenso vermisst wie Menschen mit körperlichen Behinderungen, Albinismus oder Down-Syndrom – die Liste ließe sich endlos fortführen. Obwohl Apple bereits Emojis für Rollstuhlfahrer, Personen mit Gehstock, ein Ohr inklusive Hörgerät, einen Blindenhund und eine Armprothese vorgeschlagen haben, sind diese keine Bestandteil des aktuellen Updates. Dafür scheint die Welt noch nicht bereit – schade eigentlich! Wenn schon, denn schon!
Dass wir jemals in der Lage sein werden, die Vielfalt, die dieser Erdball zu bieten hat, in ihrer Ganzheit in Emojis zu packen, scheint mir ohnehin so gut wie unmöglich und irgendwie auch nicht die erstrebenswerteste Leistung. Kommunikation verkommt damit zu einem seltsamen Gesellschaftsspiel und wird nicht einfacher, sondern nur noch umständlicher. Darüber hinaus erliegt sie dem fatalen Teufelskreis, dass, je mehr Eigenschaften in die Vielfalts-Gleichung einbezogen werden, desto mehr Menschen fühlen sich benachteiligt. In der digitalen Kommunikation politisch korrekt zu agieren, wird dabei auch eher schwieriger. Wenn nicht das, dann zumindest bequemer. Viele glauben schon, es reicht, sich solidarisch zu zeigen, wenn sie als Weiße farbige Smileys verwenden. Politischer Aktivismus, der wirklich etwas bewegt, sieht in meinen Augen anders aus. Bei vielen endet er aber leider genau da: beim Chatten. Überhaupt, sechs verschiedene Hauttöne machen in meinen Augen irgendwie wenig Sinn – sie sind ebenso zu viel wie immer noch zu wenig.
Just in diesem Moment erreicht mich eine Nachricht meines Freundes via What’s App. Anstatt meine vorhergehende Frage mit Ja zu beantworten bekomme ich – Überraschung – ein farbiges Daumen hoch-Emoji. Ich kann es mir nicht verkneifen und frage ihn, inwiefern diese Antwort politisch motiviert ist. Seine Reaktion liegt auf der Hand. Er tue das aus Solidarität und damit sich Sch***-Nazis auf den Schlips getreten fühlen, sollte mal einer mit ihm schreiben. Bei ihm weiß ich, dass der Chatroom nicht die Grenze seines Handelns darstellt, sondern nur eine von vielen Möglichkeiten ist, aktiv zu werden. Ich bleibe mit meiner Antwort trotzdem bei der universelleren, informellen Farblehre und entscheide mich für ein Herz! In Rot, weil ich gut finde, was er sagt, das Herz schnell gefunden und Rot die Farbe der Liebe ist. Und auch wenn Emojis in Zukunft für mich kein Werkzeug politischen Handelns sein werden, soll doch trotzdem jeder machen, was er möchte. Meine Meinung tue ich dennoch weiterhin lieber im echten Leben und mithilfe geschriebener und auch gesprochener Worte kund.
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