Wie ich als gebürtige Polin plötzlich merkte, dass ich doch deutscher bin, als ich dachte

Ich war gerade einmal drei Jahre alt, als meine Mutter mich und ihre Zukunftspläne für uns einpackte und wir von Polen nach Deutschland auswanderten. Gerade genug Zeit, um einen klitzekleinen Funken Identität zu entwickeln, aber eben nicht genug, um die Sprache perfekt zu lernen, geschweige denn eine Nationalzugehörigkeit zu meinem Geburtsland aufzubauen. Deutsch lernte ich schnell und akzentfrei im Kindergarten und wusste ziemlich schnell, welche Farben die deutsche Flagge trägt – ganz im Gegensatz zur polnischen. Trotzdem war ich, auch wegen meines damals noch sehr slawischen Nachnamens, in der Schule immer „die Polin“. Während der regelmäßigen Besuche in den Ferien bei meiner Verwandtschaft in einem sehr ländlichen Teil östlich von Krakau war ich „die Deutsche“, obwohl ich mich besonders in jungen Jahren eher meinen Wurzeln verbunden fühlte und die Zeit bei meiner Oma und meinem Opa sehr genoss. Ich fühlte mich dort zu Hause. Das ist jetzt allerdings schon mehr als 20 Jahre her.
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Wo ist meine Heimat?

Heute, mit fast 30, fahre ich noch etwa zwei Mal im Jahr nach Polen. Besonders mit den Traditionen und Bräuchen während der Weihnachtszeit fühle ich mich immer noch verbunden und verbringe gerne meine Jahresenden dort. Wir stöbern in alten Fotoalben, essen Rote-Beete-Suppe und kiloweise Pierogi, singen sogenannte Kolendy (traditionelle Weihnachtslieder), gehen in die Kirche zur katholischen Mitternachtsmesse und teilen Oblaten miteinander, während wir Wünsche für das kommende Jahr austauschen. Auch wenn ich nicht gläubig bin, habe ich kein Problem damit, das weihnachtliche Komplettprogramm durchzuziehen. Klar, manche Lieder während der Messe kann ich nicht ganz mitsingen, als Außenseiterin fühle ich mich aber nie. Die Option, die Feiertage alternativ bei meiner mit einem Deutschen verheirateten Mutter in Schleswig-Holstein bei Kartoffelsalat und Würstchen zu verbringen, fühlt sich für mich dagegen eher unnatürlich an. Ich verstehe und respektiere es, dass meine Mutter keine Lust hat, für zwei bis drei Leute den halben Tag lang in der Küche zu stehen. Weihnachten ist in Polen der wichtigste Feiertag, für den meine Tanten, Cousinen und Oma gerne schnatternd und lachend die Vorbereitungen für den Festschmaus in die Hand nehmen. Ohne sie würde es keine zwölf Gerichte geben und das wissen meine Onkels, Cousins und mein Opa definitiv zu schätzen. Die kümmern sich in der Zeit lieber um den selbstgebrannten Schnapps und das Jagen des Truthahns, den es am ersten Weihnachtsfeiertag als Pastete gibt. Klassische Geschlechterrollen, aber mit gegenseitigem Respekt. All dieser Trubel, die vielen Menschen und ich mittendrin, aber keineswegs außen vor.

„Schämt sich meine Oma jetzt für mich?”

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Dann die Wende: Bei meinem letzten Besuch fühle ich mich zum ersten Mal fehl am Platz. Eingeladen zur Hochzeit meines Onkels, buchte ich wieder ein Ticket. So wie es während der Weihnachtszeit bestimmte Traditionen gibt, ist auch eine polnische Hochzeit nicht ganz ohne und ein echtes Ereignis – für mich leider ein etwas Trauriges. Zum ersten Mal merke ich, wie deutsch ich doch geworden bin. Kein Wunder eigentlich, denn ich wohne nun seit 25 Jahren hier, acht davon verbrachte ich in deutschen Großstädten. Selbstverständlich bin ich durch meinen Freundeskreis, meine Arbeit als Redakteurin und meinen Urlauben in den USA und halb Europa anders sozialisiert als meine 22-jährige Cousine, die bis heute bei ihren Eltern wohnt. So richtig merke ich die Unterschiede aber erst jetzt.

Polnische Hochzeit mit einem deutschen Gast

Mein erster Fehler war es, kein Date zu haben. Ich bin single, was soll ich machen? Einen platonischen Kumpel mitbringen, der kein Wort Polnisch versteht, wollte ich nicht. So fand ich mich also als einziger Single im Ballsaal wieder. Irgendwie merkte ich sofort, dass mich alle bemitleideten. Als allen Gästen meine augenscheinliche Andersheit bewusst wurde – nämlich als ich ganz zu Beginn der Feier als einzige alleine vor dem frisch vermählten Paar stand und mein Geschenk übergab –, schaute ich zu meinem Opa und sah eine Träne seine Wange hinunterkullern. Auch Omas Augen waren auf mich gerichtet. Mir steckte sofort ein fetter Klos im Hals und ich erwischte mich bei dem Gedanken: „Schämt sich meine Oma jetzt für mich?” Ihre Enkeltochter, die alte Jungfer, ist das Tratschthema an jedem Tisch.
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An meinem Tisch saßen ausnahmslos Pärchen, die meisten von ihnen mit Ringen an den dafür bestimmten Fingern. Mit einem Paar kam ich locker ins Gespräch, die anderen interessierten sich entweder nicht für die Single-Deutsche oder wussten einfach nicht, welche Themen sie mit einer Nachbarin besprechen sollten, die so anders war als sie. Da saß ich also: Der Paradiesvogel, der eigentlich keinen Wodka mag, ihn aber trotzdem trank, allein um nicht noch mehr aus der Reihe zu tanzen. Die Veganerin, die streng genommen eigentlich gar nichts vom Buffett hätte essen können, sich dann dazu entschied, wenigstens einen Veggie-Tag einzulegen. Dass ich mich nicht beim vom Brautsvater eigens gefangenen und geräucherten Wildschwein (inklusive Kopf) anstellte, sorgte für Fragen. Meine Essgewohnheiten erklärte ich daraufhin so gut ich konnte. Verständnis gab es nicht, eher ein verwirrtes Nicken. Nachdem die ersten Gänge und die nächsten Kurzen halb verdaut waren, ging es ans Tanzen – nur mit wem? In den Berliner Clubs mag ich es gern, alleine zu den elektronischen Beats abzuzappeln, doch hier war Paartanz angesagt. Ich blieb sitzen. Schon wieder stach ich heraus. Schon wieder guckten alle.

„Oma, du musst nicht für mich beten, ich bin glücklich!“

Irgendwie schaffte ich es dann, einen leeren Platz neben meinen Großeltern zu ergattern, die wegen ihres fortgeschrittenen Alters nicht die Tanzfläche stürmen konnten und verbrachte den restlichen Abend bei ihnen. Es folgte ein Erklärungeversuch, weil ich merkte, dass auch ihnen vorher nicht bewusst war, wie deutsch ihre Enkelin tatsächlich geworden war. „Ich bin glücklich mit meinem Leben. Meine Arbeit erfüllt mich, meine Freunde sind loyal, hilfsbereit und haben immer zwei offene Ohren für mich und meine vermeintlichen Probleme, in meiner WG herrscht Ordnung und ein sehr respektvoller Umgang mit einander, und das ein oder andere lockere Date bei einem Radler vorm Späti, was ab und an auch in Zärtlichkeiten endet, ist momentan ausreichend für mich.“ So versuchte ich ihnen zu erklären, dass ich glücklich bin mit dem Leben, das ich in Deutschland führe. Ich sagte, ich sei meiner Mutter für immer dankbar für ihren mutigen Entschluss auszuwandern, weil ich mich verbunden fühle mit den deutschen Werten und die Weltoffenheit und all die Chancen zu schätzen weiß, die mir hier geboten werden. Trotzdem würde ich das Weihnachtsfest liebend gern wieder bei ihnen verbringen, sagte ich. Ob sie wirklich verstanden haben, worum es mir ging, weiß ich nicht. Zudem bezweifle ich, dass meine sehr streng gläubige Großmutter jemals aufhören wird, jeden Abend für ihre noch unverheiratete Enkelin zu beten, aber sie und mein Opa waren die einzigen Menschen im Raum, denen ich erklären wollte, dass ich scheinbar mit den Jahren immer deutscher geworden bin, das aber gut so ist. Der Rest soll sich ruhig weiterhin über „die Deutsche“ bei der polnischen Hochzeit wundern.
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