Niemand nimmt meine Probleme ernst, weil alle denken, dass mein Leben perfekt ist

Illustrated by Mallory Heyer.
Ist es normal, dass ich mich manchmal einsam fühle, obwohl ich in einer Beziehung bin? Und wenn ja: Darf ich mich bei meiner Single-Freundin ausheulen? Kann ich einer Freundin gegenüber sagen, dass ich mich während meiner Periode dick fühle, auch wenn ich deutlich schlanker bin als sie? Und ist es okay, wenn ich traurig bin, weil ich mir nur zwei und nicht drei Wochen Sommerurlaub leisten kann, obwohl ein Freund nicht mal Geld für einen Wochenendtrip hat?
Diese oder ähnliche Fragen hast du dir vielleicht auch schon mal gestellt. Im Prinzip hast du zwei Möglichkeiten. Erstens: Schluck die Tränen runter und sag nichts, um dein Gegenüber nicht zu verletzen. Wobei Gefühle unterdrücken nie eine gute Idee ist. Also vergiss diese Option am besten direkt wieder. Oder zweitens: Suche das Gespräch und erzähle jemandem von deinen Problemen. Denn echte Freund*innen sollten immer für dich da sein, wenn du was auf dem Herzen hast.
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Klingt logisch, aber du traust dich trotzdem nicht? Vielleicht hilft dir ja folgende Überlegung.
Illustration: Mallory Heyer
Heutzutage taucht das Wort „Privileg” immer öfter in den Medien auf: Menschen werden Privilegien zu Teil, weil sie zum Beispiel weiß, dünn oder heterosexuell sind.
Im Großen und Ganzen ist es natürlich wichtig, zu prüfen, ob einzelne Gruppen aus bestimmten Gründen besser behandelt werden beziehungsweise gewisse Vorteile genießen. Und auch auf individueller Ebene ist es gut, sich der eigenen Privilegien bewusst zu sein – seien es hart erarbeitete oder angeborene Vorsprünge. Es ist wichtig, dass du dein Leben wertschätzt und dir bewusst machst, was du alles hast, anstatt ständig darüber zu meckern, was du nicht hast.
Doch bei all den Gesprächen über persönliche Vorteile dürfen wir nicht vergessen, dass jeder Mensch Probleme hat. Und diese solltest du, auch mit Privilegien, ausdiskutieren können. Denn wirklich jede*r hat ein ganz eigenes Päckchen zu tragen, wie man so schön sagt, und dessen sind sich bestimmt auch deine Freund*innen bewusst. Manche kann jede*r sehen (wie etwa körperliche Behinderungen), andere erahnt noch nicht mal die beste Freundin (wie zum Beispiel psychische Probleme). Heißt im Klartext: Nur, weil jemand vergeben ist, Modelmaße hat oder viel Geld verdient, bedeutet das nicht automatisch, dass sein Leben perfekt ist. Jeder fühlt sich ab und zu allein oder unwohl im eigenen Körper. Wenn du einen Menschen kennst, der zu 100 Prozent happy mit sich und seinem Leben ist, dann schreib uns bitte, denn wir halten es für einen Mythos, dass solche Leute überhaupt existieren.
Es ist also vollkommen normal, dass du auch mal negative Gefühle empfindest, obwohl dein Leben nach außen hin vielleicht perfekt aussieht. Rede deine Probleme nicht klein oder ignoriere sie, nur weil du Angst davor hast, sie anzusprechen. Denn, wenn sich viele Kleinigkeiten anhäufen, ex- oder implodierst du irgendwann.
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Soweit die Theorie, nun zur Praxis

Du wurdest befördert und hast Angst, dass dir die neu übertragene Verantwortung zu viel werden könnte. Wie sollst du mit deiner arbeitslosen, verzweifelt nach einem Job suchenden Freundin darüber reden? Deine Kinder hängen wie Kletten an dir, du hast keine Sekunde für dich und befürchtest, dich selbst zu vernachlässigen. Wie kannst du das bei Freunden ansprechen, die seit Jahren erfolglos versuchen schwanger zu werden? Ganz einfach: Sei einfach kein*e unsensible*r Egoist*in.
Finde einen guten Gesprächseinstieg.
Wenn du offen und ehrlich sagst, dass dich etwas beschäftigt und du dich gern mal ausheulen würdest, wird dich keiner wegschicken oder dein Problem herunterspielen. Und habe keine Angst davor, deine Verwundbarkeit zu zeigen.
Achte auf das richtige Timing.
Wenn dir deine Freundin gerade erzählt hat, dass sie Angst hat, nie die*den Richtige*n zu finden, solltest du natürlich nicht mit „Okay also kann ich deine Plus 1 für unsere Hochzeit streichen? Wir haben nämlich voll das Platzproblem …” antworten.
Freunde sind keine Therapeuten.
Eigentlich sollte das selbstverständlich sein, aber frag deine Freunde auch mal, wie es ihnen geht, anstatt pausenlos von dir zu erzählen. Wenn du ein offenes Ohr für sie hast, werden sie es auch für dich haben.
Kenne die Grenzen.
Es gibt einen Unterschied zwischen jemandem, der einen richtigen Scheißtag hatte und einfach mal alles rauslassen muss und jemandem, der unentwegt rumjammert und sich über Nichtigkeiten aufregt.
Sei verständnisvoll.
Vielleicht können deine Freunde nicht gleich nachvollziehen, dass du auch mal einen schlechten Tag hast. Aber, wenn du ihnen Zeit gibst und es ihnen in Ruhe erklärst, bringen sie dir sicher Verständnis entgegen.
Fazit: Natürlich darfst du mit deinen Freunden über all deine Probleme reden! Echte Freund*innen wollen Anteil an deinem Leben haben und wissen, was dich beschäftigt. Außerdem haben sie ja vielleicht irgendwann schon mal etwas Ähnliches durchgemacht und können dir Ratschläge geben – die bekommst du aber nur, wenn du dich traust, deine Themen anzusprechen. Vergiss nicht, dass jede*r Privilegien, aber auch Probleme hat. Wenn wir uns das alle bewusst machen und verständnisvoller miteinander umgehen, wäre das doch schon mal ein guter Anfang.
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