Wie man mit seinen Freunden richtig über Politik streitet

Foto: Alexandra Gavillet
Die alte Regel ist, dass man Diskussionen über Religion und Politik in bestimmten Kreisen lieber lassen sollte. Das ist, denke ich, kein schlechter Grundsatz, hat aber einen großen Haken: Es ist klar, dass es sensible Themen gibt, aber in welchen Kreisen kann man sie überhaupt besprechen? Manche sagen, im eigenen Freundeskreis sind sie ein No-Go, andere meinen, unter Kollegen seien sie tabu und die nächsten schließen den Esstisch daheim aus. Es stimmt, dass es ein alter Grundsatz ist, aber wenn man es ganz genau nimmt, dürfte man mit niemandem, zu keinem Zeitpunkt, über Religion oder Politik reden.
Aber egal, auf wessen Seite man ist, wir sitzen alle im selben Boot. Ich nehme die jetzige Wahlsituation zum Anlass, offen mit allen aus meinem Bekanntenkreis zu sprechen. Es mag einfacher erscheinen, einfach den Mund zu halten, wenn die eigene Oma etwas Komisches zu Angela Merkel erwähnt oder der Freund etwas Pöbelndes über die Grünen sagt. Aber geht man dann wirklich mit einem guten Gefühl aus der Konversation? Wenn deine Antwort darauf ein klares „Ja“ ist, dann mal herzlichen Glückwunsch. Du bekommst eine 1 im Fach Awkwardness. Aber der Rest von uns muss sich darüber Gedanken machen, auch wenn das Ende der Bundestagswahl nahe ist. Politik ist immer präsent.
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Die Brücken hinter uns müssen abgebrochen werden, das gehört zum Leben dazu. Aber bevor der Vorschlaghammer geschwungen wird, gilt es den Versuch zu wagen, richtig über Politik zu sprechen. Beim Thema Religion bin ich allerdings überfragt.
1. Stell' Fragen, höre dann zu und antworte erst, wenn dein Gegenüber ausgesprochen hat
Ich hatte einen Freund, der großer Fan von Bernie Sanders war und Hillary nicht mochte. Er wollte, dass sie gewinnt, war aber trotzdem in vielerlei Hinsicht besorgt und das machte mich wahnsinnig. Also stellte ich ihm Fragen, wie „wieso verunsichert dich ihr Alter so, Bernie ist auch kein junger Hüpfer.“ Anders: Ich fragte nicht, ich provozierte. Zwangsläufig führte das dazu, dass wir uns danach stillschweigend ansahen und irgendwann auf Themengebiete wie die neuesten Filme auswichen.
Nach einer gewissen Zeit fehlte es mir an neuen Kinostreifen und an der nötigen Energie für diese Art von Gesprächsroutine. Das passierte, nachdem er eines Tages laut nachdachte und sich über Hillarys Handling ihrer Lungenentzündung aussprach. Also fragte ich ihn, was ihn genau daran gestört hatte und ließ ihn sprechen. Es war, als wäre er ein Luftballon, der nur darauf gewartet hatte, endlich zerpieckst zu werden. Er redete für einige Minuten ohne Punkt und Komma und ich hörte zu. Am Ende kam er zu einer Schlussfolgerung, die uns wieder auf gemeinsamen Boden holte: „Ich glaube, wir leben einfach in einer angsteinflößenden Zeit.“ Endlich etwas, worauf wir uns einigen konnten.
Wir wollen doch alle bloß, dass man uns anhört. Leicht ist es allemal nicht, jemandem Gehör zu schenken, mit dem man nicht einer Meinung ist – oder noch schlimmer, wenn man auf der ganz anderen Seite des Spektrums steht. Doch wenn man dem Gesprächspartner genehmigt auszusprechen, platzt der Ballon endlich und mit ihm verfliegt die Anspannung in der Luft. So, wie wenn man Tauziehen spielt und eine Seite irgendwann loslässt.
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Doch nicht jeder verdient deine Aufmerksamkeit und dein offenes Ohr. Du musst dir nicht jede Meinung von Hans und Franz geben oder Arschlöcher auf Twitter anhören. Aber wenn es um deine Liebsten geht, solltest du es zumindest probieren. Stelle eine einfache Frage, lasse dein Gegenüber zu Ende antworten und sei dabei ein engagierter Zuhörer. Unterbreche nicht aber gebe zu verstehen, dass du voll da bist (ein eingeworfenes mhmmm kann Wunder bewirken). Es wird schwer sein und es wird sicherlich Momente geben, in denen dein Blut kochen wird aber ich verspreche dir, dass jede Unterhaltung, die danach kommen wird, gleich doppelt so leicht wird, weil Magie sich immer in zwei Richtungen verteilt: Wenn sich jemand angehört fühlt, hört er oder sie auch lieber zu.
Foto: Alexandra Gavillet
2. Sei einfühlsam
Im vergangenen Jahr habe ich einen ganzen Tag für eine Geschichte damit verbracht, eine Anti-Abtreibungs-Aktivistin mit dem Namen Emily in ihrem Alltag zu begleiten. Wir fuhren zu einer Schule und ich schaute ihr dabei zu, wie sie eine Präsentation darüber gab, wie stark Abtreibungen in der heutigen Gesellschaft verankert sind und verglich alles mit dem Holocaust. Danach saßen wir gemeinsam im Auto und mussten Smalltalk betreiben. Eine Sache, die ich vor Beginn des Projektes für möglich gehalten habe. Aber – und ich bin beim Schreiben dieses Satzes fast etwas erschrocken – es war gar nicht schwer. Emily hatte nämlich eine Wunderwaffe: Hardcore Einfühlungsvermögen!
„Halte immer Ausschau nach Gemeinsamkeiten und die gibt es immer! Außerdem ist das ist nichts, wovor man Angst haben muss,“ sagte sie mir. Ihre Taktik, so mit allen Menschen umzugehen – egal ob es ein leicht zu beeinflussender Teenie in der Schule ist oder ein Pro-Abtreibungsprotestant, der ihr ins Gesicht schreit – ging tatsächlich auf. Ich bin der Meinung, dass das nicht in ihrer Natur lag, sondern Emily einfach verstanden hat, dass Einfühlungsvermögen ein nötiger Softskill in Sachen Konfliktlösung ist und je schwerer es ist, Empathie zu zeigen, desto mehr muss man sich eben anstrengen. Nur so gewinnt man das Herz und den Verstand eines Menschen für sich.
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Das nächste Mal, wenn du dich in einer hitzigen Debatte wiederfindest, versuche zuzuhören und dann diesen Satz zu sagen (und zu meinen!): "Ich sehe, was du meinst." Finde etwas (irgendetwas!), das dein Gesprächspartner sagt, das du unterstützen kannst. Zerre dich selbst in die Position des anderen – nur für einen kurzen Moment – und schaue, woher seine oder ihre Ansichten kommen. Was hast du schon zu verlieren? Was will diese Person? Nicht auf einem oberflächlichen, sondern auf einer tiefen Ebene. Ich wette, dass du etwas finden wirst, das du genauso siehst und wenn nicht, strenge dich mehr an. Sehe das Ganze als eine Art Experiment und schaue einfach, was passiert. Denn wenn du erst einmal eine Gemeinsamkeit gefunden hast, wird sich die komplette Dynamik des Gespräches verändern.
Als extra Bonus wird daraus, neben der Aufrechterhaltung wichtiger zwischenmenschlicher Beziehungen, noch etwas entspringen. Radikale Sympathie mag sich zu Anfang ähnlich anfühlen wie aufgeben, doch es ist in Wahrheit das komplette Gegenteil. Ich bin nicht einer Meinung mit Emily wenn es um das Thema Abtreibung geht, aber ich ging aus dem Tag mit einem besseren Verständnis für ihre Ansicht heraus und das ist viel gewaltiger und machtvoller als blinde Verärgerung.
3. Erkenne deinen Kampf und trage ihn mit Ehre aus
Obwohl du die Schritte 1 und 2 perfekt verfolgt hast, kann es passieren, dass politische Diskussionen trotzdem deine Beziehungen ruinieren können. Manche Menschen sind einfach zu sehr in ihren eigenen Ängsten gefangen, dass sie die Fähigkeit verlieren, sachlich über ein Thema zu sprechen. Bei anderen magst du nach ewigem Zuhören und Einfühlen merken, dass du sie als Freund nicht halten möchtest – ein temporärer Zustand? Selbst wenn nicht, wäre es traurig, muss aber so akzeptiert werden. In diesen Fällen stellt sich die große Frage: Was ist wichtiger, die Person oder das Thema?
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Weiß man jedoch genau, wofür man kämpft, wird es auf einmal viel leichter, dies auf faire Weise zu tun. Sei ehrlich, beleidige niemanden und gebe offen zu, wenn du im Unrecht bist. Drücke dich genau aus und sei dir im Klaren darüber, wann genug ist.
Und noch das: Wenn man für eine Freundschaft kämpft, gibt es keine Verlierer und Gewinner. Der Streit ist erst vorbei, wenn beide Seiten sich dafür entscheiden, aufzuhören. Also, wenn du deinen Standpunkt vertreten hast und dich danach nur noch im Kreis drehst, gibt es eine alte Regel, die sofort diesen Zyklus durchbrechen wird: Der Klügere gibt nach.
Dieser Text erschienen im Original bei Refinery29.com und wurde von Kelsey Miller verfasst. Die hier ausgedrückten Ansichten sind ihre.
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