Romeo + Julia hat mir eine falsche Vorstellung von Romantik vermittelt

Photo: Rex
Es gibt bis heute nur einen einzigen Film, den ich zweimal im Kino angeschaut habe, und das ist Baz Luhrmanns Verfilmung von Romeo und Julia aus dem Jahr 1996. Zwei unverschämt junge Schauspieler*innen, die später zu Weltstars werden sollten, hatten hier einen gemeinsamen Auftritt. Claire Danes, die ihr Seriendebüt nicht etwa in Homeland, sondern schon '94 als Angela Chase im US-Teeniehit Willkommen im Leben hatte, und Leonardo DiCaprio, der zum Zeitpunkt der Dreharbeiten Anfang 20 war und schon einige Kinoerfolge in der Tasche hatte.
Ich freute mich damals zwar schon nach dem ersten Trailer auf den Film mit dem süßen Typen und Angela aus dem Fernsehen, aber wie langfristig dieser Film mich wirklich prägen würde, war mir damals noch gar nicht bewusst.
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Dass mich Luhrmanns Blockbuster so in seinen Bann zog, hatte zugegebenermaßen eher profane Gründe, mein zu diesem Zeitpunkt eh schon chaotischer, weil pubertärer Hormonhaushalt wurde nämlich gleich zweifach durcheinandergebracht: Zum einen erblickte ich das zum damaligen Zeitpunkt schönste männliche Gesicht, das ich jemals gesehen hatte, zum anderen wird hier die wohl mitreißendste Liebesgeschichte der Welt in poppiger 90s-MTV-Ästhetik präsentiert. Das war schon ganz schön viel für eine 13-Jährige!
Als die Punkversion von Shakespeares Romeo und Julia das Provinzkino meiner Heimatstadt erreichte, war ich bereits bestens informiert. Die Welt stand Kopf, denn anstelle von Strumpfhosen und Schwertern trugen die Montagues Hawaiihemden und Knarren. Die Handlung spielte nicht im mittelalterlichen Verona, sondern in ‘Verona Beach’ und statt „zwei Familien, beide gleich an Würde“, wie es im Originaltext heißt, trafen zwei rivalisierende Gangs aufeinander. Kurzum, es begann eine harte Zeit für treue Shakespeare-Fans.
Neulich schrieb ich ein paar Freundinnen, um sie zu fragen, was sie am meisten an dem Film geliebt haben. Sie sind mittlerweile alle erwachsene Frauen in ihren Zwanzigern und Dreißigern, doch ihre Antworten kamen wie aus der Pistole geschossen und klangen nach sehnsüchtigen Teeniemädchen im besten Alter. Einige der schönsten Antworten waren: „Meine Vorstellung von Romantik basiert auf der ersten Kussszene im Aufzug“, „Meine Videokassette hat irgendwann an der Aquariumszene geleiert, weil ich sie zu oft vor- und zurückgespult habe“ und „Während du mich das fragst, höre ich Kissing you aus dem Originalsoundtrack“.
Jetzt scheint der richtige Augenblick gekommen zu sein, um uns schnell nochmal zu erinnern:
Der Film wurde vielfach für seine fast hypnotische Ästhetik gelobt. Für jemanden wie mich, die bis dahin einen weiten Bogen um religiöse Ikonografie und Symbolik gemacht hatte, änderte sich nach dem Film einiges. Verzweifelt suchte ich nach Maria-Statuen und Kruzifixen. Was sich in einer Innenstadt, die hauptsächlich aus Woolworth und The Body Shop bestand, zugegebenermaßen schwierig gestaltete.
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Unnütze Merch-Artikel und religiöse Reliquien waren mir allerdings noch lange nicht genug. Mein sehnlichster Wunsch war, dass meine Eltern eine Fehde mit einer anderen Familie am Laufen hätten. Dann hätte ich mich nämlich in deren Sohn verlieben können. Meine Familie hatte nur keine Erzfeinde und so blieb dieses Szenario pure Fantasie.

Mein sehnlichster Wunsch war, dass meine Eltern eine Fehde mit einer anderen Familie anfangen würden. Dann hätte ich mich nämlich in deren Sohn verlieben können.

Auf zum nächsten Versuch: Not macht bekanntermaßen erfinderisch, und so versuchte ich stattdessen, Julias Engelkostüm zu meinem Halloween-Look zu machen. Auch dieses Unterfangen verlief nicht ganz so erfolgreich, wie erhofft – wer hätte das gedacht! Trashige Flügel aus einem Billigladen, um Hollywood ein Stückchen näher zu kommen: Zum Glück gab es in den Neunzigern keine Social Media, sodass es heute keine Beweise für dieses missglückte Kostüm gibt.
Wie sehr ich es mir auch wünschte, die in satten Farben gezeigte, faszinierende Story von übermannender Leidenschaft und gefährlichen Liebschaften aus Romeo + Julia ließ sich einfach nicht in meinen grauen Vorstadtalltag übersetzen. Selbst beim nächsten Silvesterfeuerwerk schloss ich noch die Augen und stellte mir vor, ich sei auf der glamourösen Party aus dem Film, bis ich doch wieder erkennen musste: Ich stand auf dem matschigen Rasen des Sportfelds meiner Schule und hielt eine kalte Ofenkartoffel in den Händen.
Nachdem man Romeo dabei zugesehen hatte, wie er sich mit den Worten: „Nun gute Nacht! So süß ist die Trennungswehe. Ich rief wohl gute Nacht, bis ich den Morgen sähe“ voller Schmerzen von seiner Julia verabschiedete, die er direkt am nächsten Morgen wiedertraf, kam einem das „Hast du Lust, mal nach der Schule was zu machen oder so?“ von den Jungs aus der Klasse doch reichlich lahm vor. Der Film hatte mir ganz einfach eine verzerrte Vorstellung von Romantik vermittelt. Die Küsse, die ich von Mitschülern heimlich unter der Schultreppe bekam, erinnerten mich nämlich weitaus weniger an Romeos sanfte Leidenschaft, dafür umso mehr an eine Mischung aus Helikopter und Wasserrutsche.
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Eine andere Freundin erzählte mir, dass ihr als Teenager der Gedanke, das Objekt ihrer Begierde niemals anfassen zu können, echte körperliche Schmerzen bereitete. (Wir sprechen hier von Leo, falls das bis jetzt unklar geblieben sein sollte.) Als Jahre später Twilight rauskam, verstand ich zunächst den Hype nicht. Irgendwann wurde mir aber dann bewusst, dass dieser Film das Romeo + Julia einer neuen Generation war. Wie Julias weise, alte Amme nickte ich den jungen, verlorenen Seelen ab diesem Zeitpunkt nur noch mit einem stillen, wissenden Lächeln zu.
Vielleicht wird es Shakespeare, dem größten Dichter aller Zeiten, nicht ganz gerecht, dass wir sein Werk in erster Linie mit dieser grellen Popkultur-Adaption in Verbindung bringen. Aber immerhin hat dieser Film dazu geführt, dass eine ganze Generation den Schriftsteller gut 400 Jahre nach seinem Tod doch noch außerhalb der Schule kennengelernt hat.
Für einige mag Romeo und Julia auf ewig mit Franco Zeffirelli verknüpft sein. Für andere mögen es Douglas Booth and Hailee Steinfeld sein. Aber für mich wird die schönste Liebesgeschichte, die jemals erzählt worden ist, immer die sein, in der Leo Claire unter Wasser in einem Swimmingpool küsst.
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