Warum der Satz „Nur ein Gläschen" in der Schwangerschaft gar nicht geht

Foto: Stephanie Gonot.
„Schwanger. Natürlich ohne Alkohol" dieser Satz ziert gerade Plakate in ganz Deutschland. Ein Satz, dessen Brisanz mir erst nach der Recherche zu der Kampagne vom Deutschen Brauer-Bund e.V. klar wird. Ich dachte, jede Frau weiß, dass man während Schwangerschaft und Stillzeit nicht trinken darf. Fakt ist: Jede vierte Deutsche verzichtet in dieser Phase nicht auf Alkohol.
„Ein Gläschen wird ja nicht schaden", hört man dann. „Meine Mutter hat auch während der Schwangerschaft damals getrunken" oder „Sekt fördert den Milcheinschuss". Es ist echt erschreckend, wie viele Mythen sich halten. Und: Dass Alkohol in unserer Gesellschaft so verankert ist, dass ein Baby für viele anscheinend auch nichts am prickelnden Lifestyle ändert.
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„Die Schwangere muss wissen, dass der Genuss von Alkohol in der Schwangerschaft Fehlfunktionen und Fehlbildungen am ungeborenen Kind hervorrufen kann, die heute als fetales Alkoholsyndrom FAS zusammengefasst werden", sagt Prof. Dr. med. Joachim W. Dudenhausen. Er ist im Vorstand der Stiftung für das behinderte Kind. „Es ist wichtig darauf hinzuweisen, dass heute nicht bekannt ist, wie viel Alkohol schädlich ist und zu welchem Zeitpunkt möglicherweise die kindliche Entwicklung verschieden empfindlich ist für den Alkohol. Daher muss der Rat an jede Schwangere sein, während der Schwangerschaft jeden Alkoholgenuss zu vermeiden."
Der ersehnte Wein nach einem stressigen Tag oder das Bierchen im Park muss bis nach der Stillzeit warten, denn abgesehen vom negativen Einfluss des Alkohols auf die Muttermilchmenge, erhält das Baby über die Muttermilch Stoffe, die die Mutter einnimmt und die sich in ihrem Blutkreislauf befinden. „Die Konzentration des Alkohols entspricht der Konzentration im mütterlichen Blut. Am höchsten ist die Alkoholkonzentration in der Muttermilch etwa 30 bis 60 Minuten nach Alkoholeinnahme. Sie fällt dann um etwa 15 mg/100 ml pro Stunde ab. Oder etwas einfacher: Etwa 3 Stunden nach einem Standarddrink ist der Alkohol nicht mehr im Blut und in der Milch", so der Humanmediziner.

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Die Initiative bietet neben Aufklärungsmaterial und Expertenmeinungen auch Anlaufstellen. Zum Beispiel, wenn eine Frau nicht wissend, dass sie schwanger ist, Alkohol getrunken hat oder wenn bereits eine Sucht besteht. „Lange Zeit galt Alkoholsucht als ein männliches Phänomen. Aus diesem Grund sind die meisten Therapieangebote auf Männer zugeschnitten. Doch die Zahlen sprechen eine andere Sprache: Rund ein Drittel aller Süchtigen ist weiblich – und die Dunkelziffer hoch", sagt Prof. Dr. Stephanie Krüger, Chefärztin des Zentrums für Seelische Frauengesundheit am Vivantes Humboldt Klinikum in Berlin. „Frauen sollten sich nicht schämen, professionelle Hilfe zu suchen. In der Schwangerschaft gilt dies umso mehr: Egal, ob es um schädlichen Alkoholgebrauch oder um Suchtverhalten geht – wer es alleine nicht schafft, auf Alkohol zu verzichten, sollte die fachliche Unterstützung durch eine Psychiaterin oder einen Psychiater annehmen." Im Vivantes Humboldt Klinikum gibt es deshalb zum Beispiel ein spezielles Angebot für Frauen mit Suchtproblemen.
Was ich an dem umfassender Angebot der Kampagne auch so toll finde: Dass auch die werdenden Väter angesprochen werden. Die Verantwortung trägt nämlich nicht nur die Mama. „Wenn es Ihrer Partnerin schwerfällt, auf Alkohol zu verzichten, reduzieren auch Sie in ihrer Gegenwart den Konsum. Greifen Sie lieber zum Alkoholfreien", heißt es. Und das gilt auch für die BFF & für die Familie. Weil Rücksicht gesund hält.
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