Was passierte, als ich eine Woche lang nur vernünftige Entscheidungen traf

Illustration: Julia Sadler.
„Der Mensch ist vielerlei. Aber vernünftig ist er nicht“, sprach einst Oscar Wilde. Da ich ungern weiße, alte Männer über mein Leben urteilen lasse (insbesondere, wenn sie seit über 100 Jahren tot sind), beobachtete ich eine Woche lang im Selbstversuch, inwiefern Vernunft und Unvernunft meinen Alltag bestimmen.
Der Wecker klingelt und ich bin sofort auf den Beinen. Die Snoozetaste ist etwas für Schwache. Zudem kenne ich mich gut und weiß, dass ich erst im Jahr 2021 aufstehen werde, wenn ich diese verhängnisvolle Taste einmal mit den Fingerspitzen berührt habe.
Frisch aus der Dusche steige ich in saubere Unterwäsche und denke dabei an die Worte meiner Mutter, meiner Oma und Frauen aller vorheriger Generationen: „Zieh' immer eine schöne Unterhose an, wer weiß, was dir passiert. Vielleicht hast du einen Unfall oder triffst jemand Nettes.“ Ich bin mir ziemlich sicher, dass es mir und den Ärzt*innen egal ist, ob mein Schlüpfer Löcher hat oder nicht, wenn ich auf deren Behandlungstisch liege, aber ich lasse die Vernunft walten. Bevor ich darüber nachdenken kann, ob es seltsam ist, meine Oma mit Unterwäsche zu assoziieren, atme ich tief aus, ziehe den Bauch ein und schließe den Knopf meiner Jeans. Die unbequemste Hose, die ich besitze und doch zwänge ich meinen Körper hinein, denn ich fühle mich gut darin, sofern ich nicht atme, sitze oder esse. Immerhin entscheide ich mich für das lässige Paar Sneaker und nicht die Chelsea Boots, die meine Zehen innerhalb von drei Minuten taub werden lassen.
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Ich bin spät dran und putze hastig meine Zähne, ignoriere dabei die Drei-Minuten-Sanduhr aus Kindheitstagen und nutze die gesparte Zeit lieber, um meinen wiederverwendbaren Kaffeebecher To-Go aufzufüllen – für die Umwelt und für meinen Geldbeutel. Blöd nur, den Becher in all der Eile zu Hause zu vergessen. Dennoch lasse ich mich nicht zu einem Heißgetränk aus Pappe und Plastik hinreißen und harre eisern aus, bis ich im Büro bin. War gar nicht so schwer.

Prokrastination ist zwar mein zweiter Vorname, aber ich habe mir für diese Woche eine To-Do-Liste geschrieben und zwinge mich, diese Punkt für Punkt abzuarbeiten.

Prokrastination ist zwar mein zweiter Vorname (das ist gelogen, er ist Doris), aber ich habe mir für diese Woche eine To-Do-Liste geschrieben und zwinge mich, diese Punkt für Punkt abzuarbeiten. Darauf steht auch: Arzttermine ausmachen. Ich wünschte, meine Mutter würde diesen Part noch für mich übernehmen. Da die Option „nicht anrufen und hoffen, nicht zu sterben“ eine unvernünftige wäre, habe ich am Ende des Tages doch alle Termine, die ich wollte. Frauenarzt, Zahnarzt, Hautarzt – die heilige Dreifaltigkeit der Vernunft und Vorsorge.
Am nächsten Tag besuche ich eine Freundin. Sie ist Katzenbesitzerin und ich allergisch gegen Katzen. Yin und Yang. „Und du bist sicher, dass es dir gut geht?“, fragte sie besorgt, während ich mein Gesicht im Bauch ihres Persers vergrabe und aus dessen Schnurren neue Lebensenergie gewinne. Durch meine aufgequollenen Augen kann ich meine Freundin nicht mehr sehen, nicke aber selig in die Richtung, aus der ich ihre Stimme vermute.
Vor dem Schlafengehen scrolle ich durch Instagram. Ich bin davon überzeugt, dass Smartphones im Schlafzimmern nichts zu suchen haben. Sie mindern unsere Schlafqualität, wühlen uns auf und der Stapel ungelesener Bücher neben dem Bett wird davon auch keineswegs kleiner. Ich lasse es Herzchen regnen und hüte mich davor, bestimmte Profile aufzurufen, wohlwissend, dass mich deren Inhalt sonst nur unnötig aufregen oder verletzen wird. Ein weiterer Sieg für die Vernunft – zumindest für drei Minuten, bis ich es doch mache. Mist. Der Gedanke, dass Oscar Wilde sicher auch meine Story regelmäßig anschauen würde, ohne mir zu folgen, lässt mich etwas ruhiger schlafen.
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„Bitte keine Plastiktüte für mich“, brülle ich energisch und werfe meine selbstgenähten Gemüsenetze den Händlern hin, als wären sie Enten und meine Netze das Brot.

Das Wochenende beginnt mit einem Besuch auf dem Wochenmarkt. Ich möchte schließlich meine lokalen Bäuer*innen und Händler*innen unterstützen und keine Möhren kaufen, die mehr von der Welt gesehen haben als ich. Also fahre ich meine Ellbogen aus und kämpfe mich durch das Getümmel. Sich mit Platzangst von einer Menschenmasse durch die Marktstände schieben zu lassen, ist sicher keine meiner vernünftigsten Entscheidungen. „Bitte keine Plastiktüte für mich“, brülle ich energisch und werfe meine selbstgenähten Gemüsenetze den Händlern hin, als wären sie Enten und meine Netze das Brot. Schulterzuckend packt der ältere Herr meine Zwiebeln in das Gemüsenetz und steckt mir dieses dann in eine Plastiktüte. Ich resigniere und werde die Tüte später als Müllbeutel wiederverwenden.
Vor meinem Date wiederhole ich das Schlüpfer-Ritual und werfe mir zwei Kondome in die Handtasche, denn Verhütung ist super – wieder ein Punkt für die Vernunft. Letztendlich gehe ich alleine nach Hause und schließe hinter mir die Haustür zweimal ab. War das nun vernünftig – zum Schutz vor ungebeten Gästen in der Nacht oder unvernünftig im Falle eines Brandes? Bevor ich weiter darüber nachdenken kann, putze ich mir lieber die Zähne. Dieses Mal die vollen drei Minuten lang, während aus der Nachbarwohnung gedämpft „Pure Vernunft darf niemals siegen“ tönt.
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