Shanghai - 7 Tage in der Stadt, die immer online ist

Foto: Anouk Jans.
Whatsapp. Shanghai 3:00 Uhr morgens. Nachricht an einen Freund.
Weißt du, in China ist alles anders. Und wenn ich sage alles, meine ich alles. Es sind nicht nur die Gesichter, die Zeichen und die Sprache. Es ist die Art, ein einzelnes Menschenleben zu betrachten. Das beeinflusst, wie die Chinesen sich vernetzen, wie sie essen, wie sie denken, handeln und leben. Unsere chinesische Kollegin Wei Wei sagte bei unserer Ankunft: „Be careful on the streets. They die like chicken here.“ Sie sterben wie Hühner? Unser Übersetzer erklärte es so: „Hier bist du nur einer von Millionen. Ob du lebst oder stirbst interessiert niemanden. Hier gibt keiner auf den anderen acht. Keiner stoppt den Wagen, wenn du bei Rot über die Straße gehst. Wenn es etwas gibt, dessen sich Chinesen ein Leben lang bewußt sind, dann dies: die Schlange hinter ihnen ist endlos. Im Job wie an der Ampel. Und genau so fühlt es sich an. Alles wird in Massen produziert. Wie in einer Legebatterie.“ Wasser aus Toiletten wird als sauberes Wasser an Ständen gehandelt, um mehr zu verkaufen. Entenzungen werden serviert, um nichts zu verschwenden und oft macht sich das Gefühl breit, man würde an dem Überfluss ersticken. Nach mir die Sintflut. In China gibt es kein Bewusstsein für Sauberkeit oder die Umwelt. Was zählt, ist allein das Überleben. Jetzt!
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Foto: Anouk Jans.
Doch genau dann, wenn du glaubst, China würde nur aus Abgasen und Menschenmassen bestehen, stehst du in Stadtteil Xintiandi vor einem Einkaufszentrum, das junge Chinesische Designer vorstellt und du siehst, wie viel Kultur und Geschichte in jedem Detail der Kollektionen steckt. Wie viel Schönheit. Hier traut sich jeder alles - außer langweilig zu sein. „Stand out or stay in“ ist wie ein geheimes Motto, das die chinesischen Millennials befolgen. Du schlüpfst nicht einfach in Jeans und T-Shirt. Du kreierst dich. Jeden Tag. Denn dein Look ist deine Visitenkarte. Was du kannst interessiert hier nicht, nur wie du aussiehst. In China haben sie schon lange akzeptiert, was wir in Europa noch zu verdrängen versuchen. Entertainment ist durch Social Media zum wichtigsten Gut unserer Zeit geworden. Der Creative Director von Schwarzkopf Professional Simon Ellis sagte zu mir: „Hier kannst du über Nacht berühmt werden. Du musst nur ein begehrtes Selfie-Motiv abgeben.“ Das Handy ist dein wertvollster Besitz. Darüber wird nicht nur kommuniziert sondern bezahlt, das Konto verwaltet, mit Fingerabdruck online eingekauft und im Lifestream das Leben anderer verfolgt. „WeChat" ist Mittelpunkt des Lebens. Es ist das, was für uns in Europa Instagram, Youtube, Google, Paypal und Facebook sind. Followerzahlen von 30 Millionen auf einem WeChat Kanal? Keine Seltenheit. Europa kämpft für die Balance zwischen analog und digital und etabliert Begriffe wie Digital Detox. In China heißt es „be online or you don’t exist.“
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In Europa sprechen wir täglich über Authentizität, Qualität und Einzigartigkeit. Fake vs. real - ein Thema, das wir stetig diskutieren. Das verrückte ist, real will in China keiner sein. Fake hat für Chinesen nicht die gleiche Bedeutung wie für uns in Europa. Sie sind damit groß geworden und sehen es als wunderbare Möglichkeit, Gucci, Prada und Dolce zu tragen: In Shanghai geht es darum, das beste Imitat zu finden, nicht darum, sich das Original leisten zu können. Den Modetrends folgt nicht nur ein kleiner Kreis aus Fashionistas und Bloggern. Jedes Mädchen - egal welchen Alters - trägt sie: die bedruckten Bomberjacken, Fishnet-Socks, fake Off-White Hoodies und fake Gucci Slipper. Schon Kinder im Alter von zehn Jahren tragen Looks, die wir von Kendall Jenner erwarten würden. An meinen ersten Tagen in Shanghai war ich gemeinsam mit meinem Team von Schwarzkopf unterwegs. Simon Ellis lachte laut, als er sah, wie die Menschen auf der Straße auf meinen Anblick reagierten. Sie drehten sich nicht nur nach mir um, nein, sie sprangen mit gezücktem Handy an meine Seite und riefen: „Selfie“! und liefen mir hinterher. Ein Spaziergang an der Uferpromenade „The Bund“ ohne ständiges Stehenbleiben für Gruppenfotos mit Asiaten war kaum möglich. „You WeChat?“ oder „You are true beautiful so very“ wurde mir auf der Straße zugerufen. Es war das unglaublichste Erlebnis. In Deutschland bin ich ja nicht gerade die klassische Schönheit, in London würde meine Frisur, ein ultrakurzer Buzzcut, kaum auffallen. Doch dann komme ich nach Shanghai und jeder Spaziergang wird zu einem endlosen Catwalk. Das führte zu der Idee, dass ich in der von Schwarzkopf Professional organisierten Fashion Show mitlaufen sollte. Ich, mit rasierten Haaren, als einzige Europäerin unter hundert asiatischen Models: es wurde ein voller Erfolg.
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In wenigen Stunden bin ich nun wieder auf dem Weg nach Deutschland. Um ehrlich zu sein, ich werde mich erst wieder daran gewöhnen müssen, in der Masse unterzugehen. Mein Fazit: die Erde mag eins sein, besteht aber aus mehreren Welten und mehr als einer Realität. Inception gibt es wirklich. Eine Reise von Europa nach China fühlt sich an wie die Landung auf einen anderen Planeten und in einer andere Zeit. Und wenn man den Rückweg antritt, nimmt man eines mit: Du brauchst keine Jahre, um dich neu zu erfinden. Es reicht der Wechsel auf einen anderen Kontinent.
Foto: Anouk Jans.
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