So selten demonstrieren Deutsche wirklich!

Foto: Anna von Stackelberg
Wir haben die Bilder vom Woman's March im Kopf, von Anti-Trump-Läufen und Demos gegen Kohlekraftwerke – doch eine neue Studie zeigt, dass die Beteiligung bei Protesten in Deutschland wirklich gering ist: Lediglich 11,3 Prozent der Männer und 9,5 Prozent der Frauen ab 16 Jahren sind demnach in den vergangenen fünf Jahren zu Protestaktionen auf die Straße gegangen. Rund 38 Prozent der Deutschen könnten sich vorstellen, in Zukunft an einer Demonstration teilzunehmen. Doch für mehr als die Hälfte der Frauen (52,7 Prozent) und jeden zweiten Mann (51 Prozent) käme diese Form der politischen Meinungsäußerung gar nicht in Frage. Das zeigt eine aktuelle Umfrage von Ipsos in Zusammenarbeit mit Statista.
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Wie passen diese Zahlen mit dem Gefühl zusammen, dass die jüngeren Generationen wieder auf die Straße gehen? Dass bunte Demo-Schilder gebastelt werden? „Mir kommen diese Prozentzahlen schon recht viel vor. Meiner Einschätzung nach, wenn man die einschlägigen Jugendstudien liest, gilt diese Generation nämlich eher als protestmüde", erklärt Philipp Ikrath, Geschäftsleiter Jugendkulturforschung und Kulturvermittlung e.V. „Aber je nachdem, wie man das sieht: Tatsächlich war in den letzten 5 Jahren viel los. Woman's March, March for Science, Stuttgart 21, aber genauso Pegida und Co. Man muss hier sicherlich mitdenken, dass es etwas gibt, was man unwissenschaftlich eine Protestszene nennen könnte. Also Menschen, die sich leicht für Demonstrationen aktivieren lassen. Wenn es also mehr Demonstrationen gibt, bedeutet das noch nicht zwangsläufig, dass deswegen auch mehr Leute demonstrieren gehen würden."
Und er hat noch eine Vermutung zur Statistik: „Genau so ist es möglich, dass es immer die gleichen Personen sind, die aber inzwischen für mehr unterschiedliche Anliegen auf die Straße gehen. Diese tauchen in der Statistik dennoch nur ein Mal auf, ganz egal, ob sie in den letzten 5 Jahren auf einer oder auf 20 Demonstrationen mitgegangen sind."
Der Test im Freundeskreis beweist das: Die, die eh mit ihren Anliegen rausgehen, tun dies tatsächlich auch für verschiedene Anliegen. Bahar, 30, erzählt vom Woman's March, von kleineren Läufen gegen Trump und Brexit oder die Versammlung am Brandenburger Tor nach dem Anschlag auf den Schwulenclub in Orlando...„Es gibt so viel momentan, das verhindert werden muss. Natürlich wird ein Trump nicht zurücktreten, weil ich bunte Schilder bastel, aber zumindest sieht er, dass er nicht machen kann, was er will. Dass wir eine Stimme haben und sie auch nutzen", sagt sie. Und weiter: „Ich finde, es reicht nicht, sich nur zu beschweren, es müssen auch Taten folgen. Und dazu gehört es, an einem Sonntag bei Regen zu Demonstrieren."
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Ganz anders sieht es ihr Kumpel Tobias, der 26-Jährige war bisher noch nie auf einer Kundgebung: „Natürlich ist es toll, wenn Leute sich für Dinge einsetzen. Ich persönlich aber bin weltpolitisch nicht so versiert, dass ich mir eine fundierte Meinung zu den Geschehnissen erlauben kann und deshalb laufe ich nicht bei einem solchen Marsch mit", lautet seine Erklärung.
Die nächste große Chance, sein Veto einzulegen und sich sichtbar zu machen sind die großen Protestaktionen und Demos zum G20-Gipfel am 07. und 08. Juli in Hamburg.
Infografik: Demonstrieren? Nein danke | Statista Mehr Statistiken finden Sie bei Statista
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