Wie Social Media einen Supermarkteinkauf zur Herausforderung machen kann

Ich stehe vorm Kühlregal im Supermarkt und fange an zu Zittern. Während mein Blick konzentriert zwischen Joghurt mit 1,5 Prozent Fett und der lactosefreien 3,5 Prozent-Variante hin und her wandert, wird mir abwechselnd heiß und kalt. Nach zwei Minuten gehe ich unentschlossen mit leerem Korb noch mal zurück zu Obst und Gemüse. Einen Einkaufszettel habe ich wie so oft nicht dabei und plötzlich frage ich mich: „Was mache ich eigentlich hier?" Ein knurrender Magen erinnert mich schnell wieder. Ach ja. Ich wollte Lebensmittel einkaufen. Aber sollte man das überhaupt mit Hunger tun? Es besteht doch die große Gefahr, dass man viel zu viel mitnimmt. Ich überlege kurz, schaue zum Ausgang und denke: „Jetzt reiß dich mal zusammen. Das hier kann für eine 32-jährige Frau nun wirklich keine Herausforderung sein.” Also zurück zu den Früchten. Vitamine braucht das Immunsystem im Winter. So viel ist sicher. Also packe ich Ingwer und Zitronen ein.

Dann fallen mir Heidelbeeren in die Hände, die ja ganz viele Antioxidantien enthalten. Was die meinem Körper wirklich bringen, weiß ich nicht genau, aber es klingt gut. Als Nächstes landen Avocados und Möhren im Korb. Gesundes Fett und noch mehr Vitamine. „Damit kann ich nichts falsch machen“, denke ich und eile zurück zum Kühlregal. Mittlerweile habe ich schon 20 Minuten zwischen den Regalen verplempert. Als ich wieder bei den Joghurts stehe, kehrt die Nervosität zurück. Ich bin völlig unfähig mich für einen dieser blöden, weißen Becher zu entscheiden. Sobald ich in eine Richtung greife, ploppt in meinem Kopf eine neue Sprechblase auf. Die Erste sagt: “Zucker beschleunigt die Faltenbildung.“ Die Nächste kommentiert: “Verzichte auf Milchprodukte für eine schöne Haut”. Die Dritte wirft ein: “Griechischer Joghurt sorgt für glänzende Haare”. Die Vierte schreit “CLEAN EATING”. Während alle diese Zeilen in meinem Kopf miteinander streiten, möchte ich am liebsten alles stehen und liegen lassen, um mir am Späti einfach einen großen Becher Eis zu kaufen, den ich dann zuhause innerhalb von 20 Minuten leer löffeln würde.
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Wie kann es sein, dass ein eigentlich alltäglicher Einkauf plötzlich zur geistigen und körperlichen Herausforderung wird, die locker 60 Minuten beansprucht und keinesfalls positiv geschweige denn gesund ausgeht?



Tatsächlich habe ich das im vergangenen Monat schon einige Male genau so getan. Nach dem Supermarktbesuch war mein Kühlschrank dann genauso leer wie vorher, mein Bauch dafür voll mit Zucker und Fett und mein Kopf schwer beschäftigt mit einem riesengroßen, schlechten Gewissen. Dabei war mein Verhältnis zum Essen noch nicht immer so zwiegespalten und aufreibend. Bis ich zwanzig wurde, habe ich mir eigentlich nie besonders viele Gedanken darum gemacht, was auf meinem Teller landet. Wann genau der Wendepunkt kam und ich mich plötzlich doch für Kalorien - und wie ich diese am besten wieder loswerde - zu interessieren begann, weiß ich nicht genau. Doch an diesem Tag im Supermarkt ist mir klar geworden, dass es so nicht weitergehen kann. Wie kann es sein, dass ein eigentlich alltäglicher Einkauf plötzlich zur geistigen und körperlichen Herausforderung wird, die locker 60 Minuten beansprucht und keinesfalls positiv geschweige denn gesund ausgeht?

Die Ursache allen kalorienhaltigen Übels ist mir dann vorm Kühlregal mit zwei grundverschiedenen Joghurts in den Händen bewusst geworden: ich meine zu viel über Lebensmittel zu wissen. Jeden Tag werde ich auf Social Media mit vermeintlichen Fakten und verheißungsvollen Studien zugemüllt, die mein Gehirn direkt abspeichert und beim nächsten Einkauf wieder hervorkramt. Dass viele der “Weisheiten” total widersprüchlich sind, stört meinen Kopf beim Nebenbeikonsumieren dieser Beiträge natürlich nicht. Im Nahkampf mit den Lebensmitteln bemerke ich dann aber plötzlich die völlige Überforderung mit dem vielen “Wissen". Eine richtige Entscheidung ist quasi unmöglich.

Dabei sollte doch gerade so etwas Natürliches wie die Ernährung grundsätzlich eher vom Bauch als vom Kopf gesteuert werden. Das kann doch eigentlich nicht so schwer sein. Um diesem Wunschzustand wieder ein bisschen näher zu kommen, bin ich nach besagtem Supermarktbesuch mal eben allen Seiten entfolgt, die meinen besser zu wissen, was meinem Körper gut tut, als ich selbst. So verpasse ich demnächst zwar alle unverzichtbaren Fakten über das nächste Superfood und werde auch nicht erfahren, wie mit welchem Lebensmittel man im Schlaf und ohne Sport über Nacht 3 Kilo abnimmt. Vielleicht lerne ich so aber wieder auf meinen Appetit zu hören, den Bedürfnissen meines Körpers zu folgen und all die besser wissenden Schlagzeilen zu ignorieren.

Jeden Tag werde ich auf Social Media mit vermeintlichen Fakten und verheißungsvollen Studien zugemüllt, die mein Gehirn direkt abspeichert und beim nächsten Einkauf wieder hervorkramt.

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